Erdbeben in Pakistan Spendengelder versickern, Hilfsgüter verschwinden

Sie feierten es als Triumph: In Pakistan haben Geldgeber aus aller Welt ein milliardenschweres Hilfspaket für die Opfer des Erdbebens zusammengeschnürt. Doch Kritiker berichten, wie schon jetzt Hilfsgüter veruntreut werden.

Von Viktor Funk


Hamburg - Wenn Oliver Behn zu Opfern des Erdbebens vordringen will, muss er die Hilfspakete auf Esel laden und die Tiere über die schmalen, steinigen Pfade in den Bergen südlich von Muzaffarabad hinauf zu den Bedürftigen führen. Im Norden Pakistans, wo der Projektleiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen seit Oktober mehrere Siedlungspunkte betreut, sind viele Straßen noch immer unpassierbar. "Zu einigen Menschen in den Außenposten kommen wir nur mit dem Hubschrauber", erklärt Behn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Kinder in Pakistan: Ohne Schutz vor dem Winter
REUTERS

Kinder in Pakistan: Ohne Schutz vor dem Winter

Für diese Menschen ist die Hilfe bestimmt, die die internationale Geldgeberkonferenz in Islamabad am vergangenen Wochenende beschlossen hat. Insgesamt 5,8 Milliarden Dollar wollen die Teilnehmer für die Opfer aufbringen. Doch nicht einmal alle Helfer vor Ort sind informiert - sie sind abgeschnitten von der Welt. "Ich habe erst nach Tagen davon gehört", berichtet Behn, dessen Basislager in einem Tal rundum von Bergen eingeschlossen ist. Die Botschaft erhielt er per Telefon aus Deutschland. Doch selbst wenn die Betroffenen davon erfahren, sicher ist es nicht, dass sie etwas davon bekommen.

Pakistan rangiert auf dem Korruptionsindex auf dem 144. Platz, damit gehört es laut Transparency International zu den korruptesten Ländern der Welt. Entsprechend spärlich sind die Hilfslieferungen, die die Notleidenden wirklich erreichen.

Den Befürchtungen, dass die Hilfsgelder am richtigen Ort nicht ankommen, will Heide Simonis nicht zustimmen. Die designierte Vorsitzende von Unicef Deutschland übt sich in Zweckoptimismus. "Das Geld muss nur vernünftig verteilt werden, damit könnten in den nächsten Jahren Schulen, Kliniken und Häuser gebaut werden", sagt die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. "Wir müssen den Menschen in Pakistan vertrauen."

Um dieses Vertrauen hatte der pakistanische Premierminister Shaukat Aziz noch auf der Konferenz in Islamabad geworben. "Wir sind wirklich gerührt von Ihrer Großzügigkeit", sagte er zu den Geldgebern. Er kündigte einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Geld an, die Verwendung solle transparent ablaufen.

Falsche Versprechen?

Einigen Helfern vor Ort fällt es aber jetzt schon schwer, der pakistanischen Regierung zu vertrauen. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Islamabad kritisiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Aussagen des Präsidenten über die Investitionen in den Häuserbau. Präsident Pervez Musharraf hatte erklärt, allein in der Region Kaschmir müssten 400.000 neue Häuser errichtet werden, von denen jedes etwa 2500 Dollar koste. "Mit diesem Geld könnte man hier schon ein großes Haus hinstellen, das passt überhaupt nicht zu dem, was wir hier sehen", sagt der Mitarbeiter, der unbekannt bleiben will. Seine örtlichen Mitarbeiter würden über diese Summen nur lachen. "Sie rechnen damit, dass sie maximal 350 Dollar erhalten. Die 2500 Dollar sind schlichtweg ein Traum."

Wichtiger als das Geld für die Zukunft ist aber immer noch die kurzfristige materielle Hilfe: Essen, Medikamente, Zelte. Über 3,3 Millionen Menschen waren nach dem Erdbeben obdachlos geworden. "Immer noch sind über 200.000 ohne ein Heim", warnt Simonis. Ihnen müsse dringend geholfen werden.

Die Hilfe scheitert aber nicht an mangelnden Spenden. Es gebe noch Zelte, die für Betroffene bestimmt seien, berichtet der oben genannte Mitarbeiter aus Islamabad. "Aber die Armee beschlagnahmt sie und verkauft sie dann illegal." Bei monatlichen Durchschnittslöhnen von 60 Dollar, verlangten Armeeangehörige über hundert Dollar für ein Zelt. "Hier beginnt bald der Winter, die Menschen sind einfach gezwungen zu kaufen."

Menschen bleiben in zerstörten Gebieten

Gegen diesen Missbrauch können die Helfer nichts ausrichten. Sie bereiten sich auf den Winter vor, der zu einer neuen Katastrophe führen könnte. Die Zahl von 73.000 Todesopfern nach dem Erdbeben wird wahrscheinlich weiter nach oben korrigiert werden müssen. "Alle Orte, die über tausend Meter hoch liegen, werden bald noch schwieriger zu erreichen sein", sagt Erhard Bauer vom Deutschen Roten Kreuz in Islamabad. Deswegen würden dort schon jetzt Depots mit Lebensmitteln angelegt. Oliver Behn von Ärzte ohne Grenzen sagt: "Wir rechnen damit, dass viele Kinder an Lungenerkrankungen leiden werden, sobald der Regen einsetzt."

Die Betroffenen selbst setzen auf die eigene Kraft, warten nicht auf das Geld aus der Hauptstadt. Sie trauen den Hilfsversprechen nicht. Ihnen bleibt auch keine Zeit: Die Temperaturen sinken täglich.

Trotz der erneuten Bedrohung durch den nahenden Winter weigerten sich einige auch, ihre zerstörten Siedlungen zu verlassen, berichtet Harald Michalek von der Hilfsorganisation Help. Zusammen mit einer Kollegin betreut er den Aufbau zerstörter Dörfer und beschafft Baumaterial und Werkzeuge. "Die Menschen haben zwar häufig alles verloren, aber ihre Tiere sind noch da", erklärt Michalek. Daran halten sie nun fest. Im Gegensatz zu den Versprechen aus der Hauptstadt sind ihre Tiere eine Sicherheit. "Sie können ihre letzte wirtschaftliche Grundlage nicht einfach so aufgeben."



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