Erdbeben in Sichuan: Hilfslieferungen stocken auf blockierten Straßen

Das verheerende Beben in Sichuan hat nicht nur Häuser zerstört, sondern auch Straßen und Brücken. Hilfsgüter erreichen die Krisenregion daher nur verzögert, Hilfe aus dem Ausland lehnen die Chinesen gleich ganz ab. Bei dem Erdstoß wurden mehr als 11.000 Menschen verletzt, 186 starben.

Peking - Im chinesischen Erdbebengebiet ist die Hilfe für die Opfer nur schleppend angelaufen. Auf den schmalen Straßen in der Provinz Sichuan, die zum Teil durch Erdrutsche blockiert waren, kamen Fahrzeuge mit Hilfslieferungen kaum voran. Mindestens 1,5 Millionen Menschen sind von dem Erdbeben in der südwestchinesischen Provinz betroffen.

Die bestätigte Zahl der Toten stieg nach Berichten der staatlichen Medien bis Sonntag auf 186. Mehr als 11.000 Menschen wurden verletzt, als das Beben der Stärke 6,6 am Samstag gegen 8 Uhr morgens (Ortszeit) das Gebiet um die Stadt Lushan erschüttert hatte. Bis Sonntagabend wurden mehr als 1300 Nachbeben in der Region gezählt.

Die Regierung mobilisierte 17.000 Soldaten und Polizisten sowie Flugzeuge und Aufklärungsdrohnen für die Bergungsarbeiten. Das gesamte Wochenende arbeiteten die Rettungskräfte in ihren leuchtend orangenen Jacken, um Straßen freizuräumen, sich durch die Trümmer zu wühlen und Verletzte zu verarzten. Die ersten 24 Stunden seien die "goldene Zeit zur Rettung von Leben", sagte Regierungschef Li Keqiang bei einem Besuch in der Unglücksregion. Am Sonntag konnten Bergungskräfte nach offiziellen Angaben 91 Menschen lebend aus den Trümmern retten.

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Erdbeben in Sichuan: "Es war, als würde der Berg lebendig"

Am schlimmsten soll es den Stadtteil Longmen der Gemeinde Lushan getroffen haben. Die Vereinten Nationen berichten, dass dort 99 Prozent der Gebäude zerstört wurden. Die Häuser in der Gegend seien mit Holz- und Erdwänden gebaut, die den Erschütterungen nicht standhalten konnten.

"Straßen wurden schwer beschädigt und von Erdrutschen verschüttet. Dutzende Brücken sind unterschiedlich stark kaputt. Die Hauptstraßen in die betroffenen Gebiete werden nach und nach wieder hergestellt", heißt es weiter in dem UN-Bericht.

"Ihre neuen Häuser werden besser als je zuvor"

Die Lage normalisiere sich langsam, allerdings sei der Bedarf an Hilfsgütern unverändert groß, sagte Kevin Xia vom Bund der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften. "Wegen Staus haben wir Lieferprobleme. Das meiste ist noch unterwegs." Ähnliche Äußerungen kamen auch von Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen. In Lushan versorgten Ärzte und Krankenschwestern Verletzte unter freiem Himmel oder in Zelten.

Die Stadtverwaltung von Ya'an äußerte die Erwartung, dass die Zahl der Toten nicht dramatisch ansteigen wird. "Wir haben die Lage in den meisten Gebieten unter Kontrolle", sagte der für den Katastropheneinsatz zuständige Mitarbeiter Chen Yong. Allerdings seien die Informationen aus einigen schwer zugänglichen Bergregionen noch nicht vollständig.

Die Stadt Ya'an hat 1,5 Millionen Einwohner. Sie beherbergt außerdem eines der Zentren zum Schutz der Pandabären. "Die Pandas sind in Sicherheit", sagte ein Sprecher des Naturparks in Ya'an, in dem mehr als hundert der bedrohten Riesenbären leben.

Ministerpräsident Li bemühte sich darum, die Bevölkerung aufzumuntern. "Seien Sie nicht traurig. Ihre neuen Häuser werden besser als je zuvor", sagte Li Medienberichten zufolge.

Die Region war im Mai 2008 von einem verheerenden Beben der Stärke 6,9 heimgesucht worden, das etwa 70.000 Menschen den Tod brachte. Katastrophenschützer Chen verwies darauf, dass anders als vor fünf Jahren dieses Mal keine Schulen eingestürzt seien. Schulen und Krankenhäuser seien mittlerweile erdbebensicher wiederaufgebaut worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel übermittelte der chinesischen Regierung ihre Anteilnahme und bot deutsche Hilfe an. "Mein Mitgefühl gilt den Familien der vielen Toten und den zahlreichen Verletzten", erklärte Merkel. "Wenn wir Ihnen bei der Suche nach Vermissten oder der Versorgung der Notleidenden helfen können, lassen sie uns dies wissen." Außenminister Guido Westerwelle bot China ebenfalls Hilfe an. Das Außenministerium in Peking bedankte sich für die Hilfsangebote aus dem Ausland, die aber aufgrund der Transportprobleme derzeit nicht benötigt würden.

wbr/Reuters/AFP/dpa

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Schweres Erdbeben: Ausnahmezustand in Sichuan

Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .