Erdbeben-Profiteure in Haiti Die Katastrophe als Geschäft

Überfüllte Krankenhäuser, Fehlgeburten im Auto, Zuckerkranke, die um Insulin betteln: Die medizinische Versorgung der Überlebenden in Haiti ist auch eine Woche nach dem Erdbeben katastrophal. Wer gesund ist, versucht sich durchzuschlagen - oder von der Notsituation zu profitieren.

Aus Port-au-Prince berichtet


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Haiti: "Auch ein Erdbeben wird zum Geschäft"
"100 Dollar", sagt der Taxifahrer und zuckt dabei nicht mal mit den Wimpern. 100 US-Dollar für eine Fahrt innerhalb der Stadtgrenzen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince.

"Auch ein Erdbeben wird zu einem Geschäft, und viele wollen jetzt ein Stück vom Kuchen", sagt ein Mann. Vielleicht ist das eine der einfachen und doch so zynischen Wahrheiten, die man dieser Tage in Haiti erleben kann: Dort, wo Not herrscht, gibt es auch Menschen, die damit ihr Geschäft machen wollen. Und wenn es der Taxifahrer ist, der für seine Dienste jetzt das Vielfache des üblichen Preises fordern kann.

Benzin ist äußerst knapp. Wenn sich die Versorgungslage nicht verbessert, reicht der Treibstoff noch für zwei bis drei Tage. So schätzen es die Helfer vom Technischen Hilfswerk (THW), das mit seinem Team in der Deutschen Botschaft in Port-au-Prince untergebracht ist.

Was für ein Glück, dass Marie Lucette Stephan nicht ans Geschäftemachen denkt. "Kommen Sie, ich fahre Sie, wohin Sie wollen", sagt die 36-Jährige, die ihre langen, schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden hat, an den Seiten glänzen ein paar helle Strähnen.

Am Montag ist sie in die deutsche Botschaft gekommen, zum wiederholten Mal. Weil sie raus will aus Haiti, zurück zu ihrem Mann, mit dem sie in der Nähe von Mannheim lebt. 1995 hatte sie ihre Heimat verlassen. Längst besitzt sie einen deutschen Pass, aber der liegt jetzt irgendwo unter den Trümmern ihres eingestürzten Hauses in Port-au-Prince. "Davon ist nicht viel übrig geblieben", sagt sie.

Stephan betreibt einen Großhandel. Nutella, Sonnenblumenöl, Zahnbürsten, solche Sachen lässt sie nach Haiti verschiffen, drei, vier Mal pro Jahr kommt sie in ihre Heimat. Was nach dem Beben aus ihrer Ware im Hafen geworden ist, weiß sie nicht. Aber sicher ist: Stephan braucht Insulin.

Sie selbst kommt mit ihrer Zuckerkrankheit fürs erste zurecht, aber in ihrem Bauch wächst ein kleines Kind, deswegen braucht sie bald Hilfe.

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Haiti: Kampf ums Überleben und die Vorherrschaft
Insulin? Auch in der deutschen Botschaft ist man bislang ratlos und hat Stephan den Kontakt zur Schweizer Botschaft vermittelt, die Ausreisen aus Haiti organisiert. Busse, die über die Grenze in die Dominikanische Republik fahren, von dort könnte Stephan per Flugzeug weiter.

Aber allein die Fahrt zur Grenze dauert Stunden. Viele Straßen und Brücken sind zerstört - und dort, wo man fahren kann, sind die Wege oft verstopft, trotz der Benzinknappheit: Haitianer, die über die Grenze oder in Ecken ihres Landes wollen, die vom Beben verschont wurden.

Ein großer Ausverkauf, bei dem niemand zahlt

Auch in Port-au-Prince läuft der Verkehr zäh. Bunte bemalte und restlos überfüllte Busse stehen hinter Pick-ups, auf denen sich oft türmt, was die Menschen zwischen den Trümmern finden: Stühle etwa, oder Schränke. Was halbwegs intakt ist, wird aufgeladen. Es ist wie ein großer Ausverkauf - nur dass niemand zahlt.

Im Basislager vom Roten Kreuz haben sie eine Karte aufgehängt: "Earthquake affected areas" steht darüber - vom Erdbeben betroffene Gebiete. Ein roter Punkt markiert jeweils ein eingestürztes Gebäude. Westlich und südlich vom ebenfalls zerstörten Präsidentenpalast gibt es viele rote Punkte. An manchen Stellen sieht es aus, als wären sie zu einem großen, roten See zusammengeflossen. Erfassen lässt sich das Ausmaß der Katastrophe durch diese Abstraktion kaum.

Wer durch die schwer beschädigten Stadtteile fährt, bekommt das Gefühl, als hätte jemand ein Abrissunternehmen bestellt, das seinen Auftrag sehr ernst genommen hat: alles ist wie platt gewalzt. Und immer noch suchen die Menschen nach Überlebenden zwischen dem Schutt und den Trümmern, aus denen verbogene Metallstangen ragen und auch manche Zeichen dafür, dass hier einmal gelebt, gegessen und geschlafen wurde: einzelne Schuhe, zerdrückte Töpfe, zerfetzte Matratzen.

Seit Tagen rollt die Hilfe für Haiti an, am Flughafen Toussaint Louverture in Port-au-Prince landen Transportmaschinen aus aller Welt und spucken Nahrungsmittelkartons, Wasserflaschen und schweres Gerät aus. Dazu die Rettungsteams, die in Uniformen und dicken Stiefeln über den Asphalt marschieren.

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Hilfe für Haiti: "Das wird richtig gefährlich"
Aber wie weit sind die internationalen Rettungsmannschaften? In Port-au-Prince flattern immer mehr Tücher mit verzweifelten Hilferufen an Mauern und Straßenecken: "We need food."

Bisewood Saint Eugene sieht sehr traurig aus, als er eine kleine Pause macht und sich auf einen Stuhl fallen lässt. "Das Land ist wie weggefegt", sagt der 30-jährige Haitianer, der beim Roten Kreuz der Amerikaner hilft. Seine Familie hat das Beben überlebt, aber er muss nicht weit schauen, um das Elend zu sehen: Leichen, die auf Holzbahren durch die Stadt getragen werden, manche landen auf den wachsenden Müllbergen.

"Wir haben doch den Mond"

Wie prekär die Lage ist, haben die Leute vom Deutschen Roten Kreuz bereits an ihrem zweiten Tag in Haiti erlebt. Am Montag raste ein Auto auf das Gelände des Basiscamps, darin eine blutüberströmte Frau und ein aufgeregter Fahrer: "Sie stirbt, sie stirbt", rief der Mann. Die Ärzte konnten die Frau retten, sie hatte eine Fehlgeburt und hätte in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Aber die wenigen verbliebenen Krankenhäuser in Port-au-Prince sind voll. "Dort wird niemand mehr reingelassen, vor den Türen campieren die Leute und warten auf Hilfe", sagt Fredrik Barkenhammar vom Deutschen Roten Kreuz.

Am heutigen Dienstag will er mit seinen Leuten eine mobile Gesundheitsstation aufbauen, zwei Ärzte und vier Krankenschwestern und eine Laborantin werden dabei sein. Es ist ein Beitrag für eine grundlegende medizinische Versorgung: Schmerzmittel, Antibiotika, Infusionen, Verbandsmaterial.

Barkenhammar hat schon andere Einsätze in Erdbebengebieten erlebt, nach dem Tsunami war er in Indonesien, aber Haiti ist eine besondere Herausforderung: Das Land habe kaum Strukturen für einen nationalen Katastrophenschutz, für die Hilfsorganisationen sei die Arbeit sehr schwer, weil sie kaum Ansprechpartner in der haitianischen Regierung hätten. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Barkenhammar.

Es gibt aber auch Meldungen, die Mut machen: Die Trinkwasserversorgung ist nach Informationen des THW auf einem sehr guten Weg, allein das THW kann in Haiti 12.000 Liter Wasser pro Stunde produzieren.

Marie Lucette Stephan wird wieder in die deutsche Botschaft kommen, sie braucht noch Papiere. Für sich, ihre Tochter Chacha, die bislang bei ihrem haitianischen Vater gelebt hat, und für ihre Nichte Liline. Sie sollen beide mit nach Deutschland. "Hier kann man doch nicht leben", sagt Stephan. Zurzeit schlafen sie außerhalb von Port-au-Prince auf Matratzen auf der Straße. Die Stadt ist ihr zu gefährlich: "Es gibt hier jetzt viel Kriminalität", sagt sie.

Das Erdbeben hat ihr viel genommen, aber Marie Lucette Stephan ist eine Frau, die nicht klagt. Ja, es gibt wenig zu essen, "aber wir haben frisches Wasser", sagt sie. Und auch ohne Strom kommt sie zurecht, auch in der Dunkelheit: "Wir haben doch den Mond."

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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