Erdbebenangst in Istanbul: Vor uns die Sintflut

Von Maximilian Popp, Istanbul

Erst einstürzende Häuser, dann Tsunami-Wellen, die das Land überfluten: Geologen erwarten im Raum Istanbul ein gewaltiges Erdbeben, unklar ist nur der Zeitpunkt. Zögerlich bereitet sich die 15-Millionen-Stadt auf den Ernstfall vor - mit Panik-Übungen in "Wackelzimmern" und "Crash-Diskussionen".

Panik am Bosporus: Istanbul und die Angst vor Beben Fotos
Sedat Mehder

Plötzlich zittert der Raum, eine Minute lang bebt die Erde. Gläser fallen zu Boden, das Licht erlischt. Die Kinder lachen. "Noch mal!", rufen sie. Tarik Tunali hebt die Schultern. "Die nächsten warten", sagt er. Der 24-Jährige arbeitet als Erbebenlehrer im "Wissenschaftszentrum" im Istanbuler Stadtteil Sisli. Er erklärt den Kindern, warum Erdbeben entstehen - und lässt sie im "Wackelzimmer", einem Erdbebensimulator, den Ernstfall proben.

Tunali drückt einen Knopf und das "Wackelzimmer" beginnt zu zuckeln. Der Teppich wölbt sich, Stühle fallen um. "Schnell! Unter den Tisch!", ruft er. 300 Schüler unterrichtet Tunali jeden Tag. "Immer mehr Schulklassen besuchen uns", sagt er.

51 Menschen kamen kürzlich bei einem schweren Erdbeben in der osttürkischen Provinz Elazig ums Leben. Jetzt fürchten 15 Millionen Istanbuler, dass es sie als nächstes treffen könnte. Tatsächlich warnen Geologen seit Jahren vor einem gewaltigen Erdstoß.

"Das nächste Beben wird kommen. Das ist absolut klar", schreibt Naci Görür, einer der bekanntesten türkischen Geologen, in der Tageszeitung "Milliyet". "Es wird keine Flucht und keine Rettung geben. Schmerz und Tränen werden das ganze Land erfassen."

Das Geoforschungsinstitut Potsdam spricht von einem "extremen Erdbebenrisiko". 20 Kilometer südlich von Istanbul hätten sich große Spannungen in der Erdkruste aufgebaut. Die Geologen fürchten, dass im Marmarameer vor Istanbul eine Strecke von 120 Kilometern parallel zur Küste auf einmal brechen könnte. Das könnte ein Beben der Stärke 7,6 erzeugen, prognostiziert Celal Sengör, Geophysiker an der Technischen Universität Istanbul.

Die Geologen zeichnen ein finsteres Bild: Zunächst könnten entlang der Marmaraküste die Gebäude einstürzen, dann Tsunami-Wellen von bis zu neun Metern Höhe das Land überfluten. Und dann Feuersbrünste.

85 Prozent der Gebäude ohne Genehmigungen errichtet

Die türkische Ingenieurskammer (IMO) befürchtet bis zu 150.000 Tote. Neun von zehn Krankenhäusern könnten einstürzen, so die Worst-Case-Prognose. Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge würden in keiner Stadt der Welt bei einem Erdbeben mehr Menschen ums Leben kommen als in Istanbul. In der Großstadt sind mindestens zwei Drittel aller Häuser nicht erdbebensicher erbaut.

Jedes Jahr ziehen 300.000 Menschen nach Istanbul. In zwei Jahren wächst die Stadt um die Größe von Frankfurt am Main. Die Trabantenstädte haben sich weit ins Land gefressen, und wo kein Land mehr ist, bauen die Menschen auf Wasser und Sand. Sie haben Sümpfe trockengelegt, Flüsse begradigt, Wälder abgeholzt.

Laut Sabri Erbakan, Staatssekretär im türkischen Bauministerium, wurden 85 Prozent der Gebäude in Istanbul ohne die notwendigen Genehmigungen - und oft genug ohne vernünftige statische Berechnungen - hochgezogen. "In der Türkei sind die Bauverordnungen ähnlich wie in Europa. Das Problem ist, dass sich niemand daran hält", sagt der Architekt Kim Kaptan. Schon jetzt stürzen in Istanbul immer wieder Häuser ein - weil die Bausubstanz mies ist.

"Viel können wir nicht tun"

Sinan Targay, 24, wohnt in Zeytinburnu, einem Stadtteil Istanbuls, der als besonders erdbebengefährdet gilt. Er hat nach dem Beben in Haiti im Januar alle Bilder von den Wänden genommen. Er hat einen Erste-Hilfe-Kurs besucht und mit seinen Brüdern und Cousins besprochen, was sie im Notfall tun: Sie würden in den Park nahe ihrer Wohnung laufen. Jeder von ihnen hat einen Rucksack vorbereitet mit Wasserflaschen, Keksen, einem Schlafsack, einem Taschenmesser, Toilettenpapier und einer Trillerpfeife. Sie könnten, sagt Targay, einige Tage im Freien überleben.

"Wir versuchen vorzusorgen, aber wir wissen: Viel können wir nicht tun", sagt Targay. Die Menschen in Istanbul hätten die Gefahr eines Erdbebens lange verdrängt. Mit den Beben in Haiti, Chile und Elazig sei die Angst zurückgekehrt.

Targay erzählt von Nachbarn, die in der Wohnung Wasserkanister lagern, ein Freund schlafe nur noch mit Schutzhelm. Er selbst beobachtet nun regelmäßig das Wetter. Färbe sich der Himmel gelb, so seine Theorie, könnte das auf eine nahende Katastrophe hindeuten.

Die Stadt arbeitet nun an einem Frühwarnsystem. Bislang bleiben den Behörden drei Sekunden, um im Katastrophenfall Kraftwerke und Chemieanlagen abzuschalten. Das deutsche Konsulat in Istanbul hat eine Notfallstrategie entwickelt: Geschädigte und Verletzte sollen im Konsulat, in der Sommerresidenz des Botschafters, im Buswerk von Mercedes und in der Siemens-Fabrik unterkommen. Und die Istanbul Bilgi Universität veranstaltet eine Konferenz mit dem Titel: Was würdest du tun, wenn es ein Erdbeben gäbe - genau jetzt?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Beängstigend
sam clemens 22.03.2010
Gibt es denn außer dem erwähnten Beben weitere kleine Beben? Möglicherweise entlädt sich die Spannung ja über viele kleinere Beben. Und - auch wenn wahrscheinlich darauf niemand antworten kann - ist es eher eine Frage von Jahrhunderten oder von Jahren, wann das große Beben kommt?
2. 150.000?
leo-minor 22.03.2010
Ich kann mich an das Erdbeben von 1999 erinnern. Wenn bei einer Einwohnerzahl von knapp ueber 100.000 fuer die Stadt Yalova ueber 16.000 Menschen starben, dann ist die Zahl mit 150.000 fuer Istanbul voellig untertrieben. Die Lehren aus dieser Katastrophe wurden in den Wind geblasen, weil sich gute Geschaefte mit Maroden Bauten verdienenn lassen. Was ist schon ein Menschenleden wert?
3. Lächerlich
llothar 22.03.2010
Tja morgen oder in 150 Jahren, da kann man lange mit einem Schutzhelm im Bett schlafen. Pech oder Glück das Geologische Vorgänge etwas dauern.
4. Je nun...
snark7 22.03.2010
Immer wieder mal liest und hört man vom gräßlichen deutschen Baurecht und seinen Auflagen und wie furchtbar das doch alles ist. Und wie unkompliziert das doch in Ländern wie der Türkei ist. Einfach mal losbauen. Die Quittung kommt dann halt auch mal.
5. Prognosen verhindern Katastrophen
Sackaboner 22.03.2010
Das gute an diesen Prognosen ist, dass man sich eigentlich sicher sein kann, dass die Erde überall außer im vorhergesagten Gebiet beben wird. Gleiches gilt analog für Vulkanausbrüche und natürlich auch Zunamis.
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