Erdbebenkatastrophe in Haiti "Der Himmel ist grau vom Staub"

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2. Teil: Weltweite Anteilnahme: "In Haiti ist ein Beben besonders zerstörerisch"


Nach dem Beben war in Port-au-Prince die Nacht hereingebrochen, die Überlebenden saßen staubbedeckt und um Hilfe rufend am Straßenrand. Mehrere Nachbeben erschütterten die Stadt, Zehntausende wurden obdachlos. Die Menschen versammelten sich auf öffentlichen Plätzen und schickten Gebete und religiöse Lieder zum Himmel.

Mitarbeiter der US-Botschaft berichteten von zahlreichen Opfern, die auf der Straße oder den Bürgersteigen von Trümmern erschlagen wurden. "Es ist klar, dass es ernsthafte Verluste gegeben hat", wird ein Sprecher des US-Außenministeriums zitiert. "Jeder hier ist total schockiert", sagt Henry Bahn vom US-Agrarministerium, der zu Besuch in Port-au-Prince ist. "Der Himmel ist grau vom Staub." Er habe gesehen, wie mehrere Häuser in einen Graben gestürzt seien.

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Beben vor Haiti: Verzweifelte Suche nach Verschütteten
"Es herrscht ein sehr großes Ausmaß an Zerstörung", sagte der Sprecher der Diakonie Katastrophenhilfe, Rainer Lang. Neben zahlreichen Gebäuden in den Slumgebieten der Hauptstadt seien auch Schulen und ein Supermarkt eingestürzt, sagte der Sprecher unter Berufung auf ein Telefonat mit der Leitung des Diakonie-Büros vor Ort. "Wir gehen von sehr, sehr vielen Opfern aus."

Auch Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision berichten von weitreichenden Schäden. Niemand fühle sich mehr sicher: "Die Menschen übernachten lieber auf der Straße als in ihren Häusern, denn niemand vertraut mehr deren Standsicherheit", wird die Mitarbeiterin Magalie Boyer zitiert. Die ersten Erdstöße hätten sich angefühlt, als wenn ein Schwerlaster in die Hauswand gerast sei. Mauerteile bedeckten die Straßen und hätten den Verkehr großteils zum Erliegen gebracht, berichtete World-Vision-Landeschef Frank Williams.

Wenige Stunden nach der Katastrophe war das Beben bereits ein großes Thema im Internet. Die einen nutzten Plattformen, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Andere suchten den Kontakt zu Einheimischen, Freunden und Verwandten. Auch Augenzeugen berichteten von der Karibikinsel.

"Wir sind ein starkes Volk"

User "troylive" berichtete bei Twitter von Gläubigen, die nachts singend und betend durch die Straßen von Port-au-Prince gezogen seien. "Es ist ein wunderschöner Klang mitten in einer schrecklichen Tragödie." In seinem Blog beschrieb er aber auch andere Szenen: "Menschen kommen auf Plätzen zusammen. Viele sind verletzt. Sie suchen medizinische Hilfe, aber sie können nicht darauf zählen. Also warten sie bis zum Morgen." Er höre Helikopter über sich, so "troylive". Aber: "Hier ist kein Licht, um arbeiten zu können."

Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Fireside International schrieb, die Kathedrale von Port-au-Prince sei zerstört worden. Dann folgte sein Appell: Die USA müssten sofort ein Rettungsschiff schicken. "Sie haben das schon einmal gemacht. Das Schiff könnte Elektrizität für die Stadt und Hilfe liefern."

"SAPierre", eine in den USA lebende Haitianerin, findet ermutigende Worte: "Gott ist gut, Glaube schützt. Wenn meine Mutter nach Amerika schwimmen konnte, nachdem ihr Boot gesunken war, dann wird Haiti auch dies überleben. Wir sind ein starkes Volk." Derweil bangt "Almond Tee": "Mein Dad ist geschäftlich in Haiti. Ich bin beunruhigt und warte darauf, etwas von ihm zu hören."

Bei Facebook löste das Erdbeben bereits nach wenigen Stunden eine Welle der Solidarität aus. Mehrere englisch- und französischsprachige Gruppen bildeten sich. In der größten mit dem Namen "Earthquake Haiti" versammelten sich am Dienstagmittag schon fast 11.000 Mitglieder. Schnell wurden dort auch zahlreiche Fotos und die ersten Videos von der Katastrophe eingestellt.

jdl/hut/sae/apn/AP/dpa/AFP

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