Erdbebenkatastrophe in Haiti "Der Himmel ist grau vom Staub"

Eingestürzte Häuser, unpassierbare Straßen, völlig verstörte Menschen: Der bitterarme Karibikstaat Haiti versinkt nach dem verheerenden Erdbeben im Chaos. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen in der Hauptstadt Port-au-Prince - noch wagt niemand, die Zahl der Opfer zu schätzen.

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Port-au-Prince - Verstörte Menschen laufen staubbedeckt und um Hilfe rufend durch die Straßen, mit bloßen Händen versuchen Überlebende, Opfer unter den Trümmern hervorzuziehen - nach dem Erdbeben im Inselstaat Haiti bietet die Hauptstadt Port-au-Prince ein Bild des Grauens. Das Telefonnetz ist stellenweise zusammengebrochen, vielerorts gibt es keinen Strom, riesige Trümmerteile machen Straßen unpassierbar.

Auch die medizinische Versorgung, die schon vor dem Beben mehr als mangelhaft war, steht Berichten zufolge vor dem Kollaps. "Die Krankenhäuser sind mit all diesen Opfern überfordert", sagte der Arzt Louis-Gerard Gilles. "Wir müssen alle gemeinsam beten."

Rund 18 Stunden nach den verheerenden Erdstößen gab es noch keine Schätzung zum Ausmaß des Schadens, wie viel Tote und Verletzte unter den rund 2,5 Millionen Einwohnern des Großraums Port-au-Prince zu beklagen sind. Die Opferzahlen gehen aber wohl in die Hunderte oder sogar Tausende.

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Erdbeben in Haiti: "Sie beten, sie weinen"
Bauvorschriften beachtete in dem bitterarmen und seit Jahren politisch instabilen Land kaum jemand, nun stürzten viele Behausungen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Auch Kliniken wurden zerstört, die deutsche Hilfsorganisation Action Medeor berichtet von zwei Krankenhäusern, die allein im Vorort Petionville zerstört wurden.

Medeor will nun schnell Verbandsmaterial, Medikamente und chirurgisches Besteck zusammenpacken, um noch am Mittwochabend eine Ladung Hilfsgüter auf den Weg zu bringen.

Zehntausende sind obdachlos

Auch bei anderen Hilfsorganisationen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Das Deutsche Rote Kreuz bereitet den Einsatz eines mobilen Krankenhauses vor. Eile ist geboten, denn neben medizinischer Hilfe wird dringend auch sauberes Trinkwasser gebraucht. Noch ist jedoch nicht gesichert, dass die Hilfsgüter Haiti auch wirklich erreichen können. Es gibt widersprüchliche Angaben über die Verfügbarkeit des Flughafens in Port-au-Prince.

Haiti gilt als eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre, was nicht zuletzt auf eine jahrhundertealte Geschichte der Unterdrückung und politischen Unsicherheit zurückzuführen ist. Eine Folge der Armut ist Umweltzerstörung, die das Ausmaß der jetzigen Katastrophe noch steigerte, wie ein Augenzeuge dem Malteser Hilfsdienst berichtete.

"Unsere Hauptstadt hat durch die Bodenerosion keinen stabilen Untergrund. Die auf den Hügeln gebauten Slums sind einfach in einer Schlammlawine komplett abgerutscht", wird der Augenzeuge Eduard Aimé zitiert. Selbst die stabilsten Gebäude wie der Präsidentenpalast, Ministerien oder die Kathedrale seien zerstört.

Uno-Zentrale und Luxushotel eingestürzt

Beim Einsturz der mehrgeschossigen Zentrale der Uno-Friedensmission sind nach ersten Erkenntnissen der Vereinten Nationen fünf Menschen gestorben. Eine große Zahl von Mitarbeitern werde vermisst, sagte der Leiter, Alain Le Roy. Trotz aller Rettungsbemühungen sei zunächst kein Mitarbeiter lebend geborgen worden. Laut Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon wird auch der Chef der Uno-Mission in Haiti, Hedi Annabi, vermisst.

Mehrere brasilianische Blauhelm-Mitarbeiter werden ebenfalls gesucht. Das bestätigte am Mittwoch das brasilianische Verteidigungsministerium. Die genaue Zahl der Vermissten sei noch nicht bekannt. Den Angaben zufolge ist in Port-au-Prince ein dreistöckiges Gebäude, das von den brasilianischen Truppen genutzt wurde, eingestürzt. Brasilien ist mit mehr als 1200 Soldaten der bei weitem größte Truppensteller der Uno-Mission Minustah in Haiti.

Auch bei dem Einsturz des Luxushotels Montana werden viele Opfer befürchtet. "Wir gehen davon aus, dass es dort etwa 200 Tote gibt", sagte der französische Entwicklungsminister Alain Joyandet dem Sender France 2. In dem Hotel steigen gewöhnlich Vertreter der Vereinten Nationen, Diplomaten und ausländische Politiker ab.

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