Aus L'Aquila berichtet Annette Langer
Jede Katastrophe produziert auch Gewinner. Schon kurz nach dem Beben schossen die Lebensmittelpreise in den Abruzzen in die Höhe - ein Kilogramm Rindfleisch kostete damals bis zu 80 Euro.
Heute haben sich die Mieten verdreifacht. Wer nicht im Hotel, bei Verwandten oder in einer der raren Neubauwohnungen leben kann, muss bis zu 1500 Euro für eine Zweizimmerwohnung berappen. Ab Januar sollen weitere 2700 neue Unterkünfte bereitstehen. Nicht genug für die rund 19.000 Menschen, die noch auf ein neues Heim warten.
Korruption ist ein Riesenproblem. Erst Ende November wurden zwei Verwaltungsbeamte festgenommen, die einen öffentlichen Bauauftrag im Umfang von 15 Millionen Euro an Bekannte vergeben haben sollen. Es wird geschoben und geschummelt, Gerüchten zufolge werden die wenigen Wohnungen für Erdbebenopfer vorrangig an Freunde und Verwandte vermittelt. Immer wieder erteilen die Behörden Baugenehmigungen, die eindeutig gegen geltendes Recht verstoßen, EU-Fördergelder verschwinden in dunklen Kanälen.
"Es ist nicht die Natur, die tötet, es sind die Menschen"
Manchen erinnern die Zustände schon an die Zeit vor der Katastrophe. Selbst der unter Premier Berlusconi zum mächtigen Krisenbewältiger avancierte Zivilschutzchef Guido Bertolaso musste zugeben, dass es in L'Aquila weniger Opfer gegeben hätte, wenn man erdbebensicher und nach Vorschrift gebaut hätte. "Es ist nicht die Natur, die tötet, sondern die Menschen sind der Grund für die Opfer", sagte Bertolaso im Parlament.
Der Blogger "Winterpuppet" formulierte es auf der Kondolenzseite für Benedetta Pezzopane weniger staatstragend: "Wenn du Gebäude aus Scheiße zusammenschusterst, ist es doch klar, dass sie irgendwann zusammenfallen." Dies ein Unglück zu nennen, sei das Ungerechteste, was man den Opfern antun könne. "Die Leute sind gestorben, weil man bei uns eine korrupte mafiöse politische Klasse toleriert."
Guido Bertolaso kündigte im November aus bisher unbekannten Gründen seinen Rücktritt an. Ab Januar übernehmen die Region und die Kommune das Krisenmanagement. Sie werden sich dann damit auseinandersetzen müssen, dass die Mafia beim Wiederaufbau kräftig mitverdienen und ihre Einflusssphäre erweitern will.
Silvio Berlusconi, der zurzeit von einem geständigen Mafioso bezichtigt wird, in den neunziger Jahren regen Kontakt mit Bossen gehabt zu haben, erklärte am 17. April vollmundig, man werde L'Aquila in sechs Monaten neu aufbauen und die Mafia dabei raushalten. Im historischen Zentrum türmen sich noch immer die Trümmer - und das organisierte Verbrechen ist natürlich trotzdem angekommen.
Die Herren aus Sizilien haben den Fuß in der Tür
So soll das Unternehmen IGC aus dem südsizilianischen Gela am Bau eines Neubaugebiets in Bazzano beteiligt gewesen sein. In dem kleinen Ort vor den Toren L'Aquilas ist eine sogenannte "new town" entstanden, eines jener Neubaugebiete, die erdbebensicher und nach neuestem Öko-Standard gebaut sind. Die Siedlung bietet bis zu 1600 Obdachlosen eine komfortable Unterkunft. Die Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft (DIA) in Rom geht davon aus, dass es Verbindungen zwischen der sizilianischen IGC und "Personen aus dem Umkreis der Mafiafamilie der Gebrüder Rinzivillo gibt" und hat jetzt die Staatsanwaltschaft in L'Aquila eingeschaltet.
Die ehrenwerte Gesellschaft gibt sich bisher diskret: Man nimmt nicht direkt an Ausschreibungen teil, sondern setzt die eigenen Leute einfach als Subunternehmer am Bau ein. Federführend bei der Konstruktion der erdbebensicheren Unterkünfte in Bazzano ist die "Edimal", die Aufträge mit einem Volumen von 54 Millionen Euro übernommen hat. Ein Sprecher der Firma aus L'Aquila erklärte, das Unternehmen aus Gela habe den Zuschlag bekommen, weil es in Sachen "Qualität, Preis und Planerfüllung die besten Sicherheiten bot".
Noch sind die Gewinne, die bei den Projekten gemacht werden, Experten zufolge gering. Aber dass die ehrenwerten Herren aus Sizilien womöglich einen Fuß in der Tür haben, dessen sind sich auch Präfekt Franco Gabrielli und Innenminister Roberto Maroni bewusst. Sie haben vermehrte Anstrengungen im Kampf gegen die Mafia angekündigt.
Auch die tödliche Schlamperei am Bau soll geahndet werden. Im Fall des eingestürzten "Hauses der Studenten" in L'Aquila, in dem acht Menschen starben, wird gegen ein Dutzend Verdächtige wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, sagte Staatsanwalt Alfredo Rossini: Bauingenieure, Techniker, aber auch Beamte der öffentlichen Verwaltung.
"Gib mir deine Trümmer, ich kümmere mich darum"
Nachdem die Region lange als mafiafreie Zone galt, sind die neapolitanische Camorra und die Sacra Corona Unita aus Apulien inzwischen fest in der Gesellschaft verankert. Namhafte Mafiosi koordinierten von hier aus den Rauschgift- oder Müllhandel, versteckten sich selbst oder ihre Reichtümer in den Bergen.
Mehrere Bürgermeister kleinerer Orte in der Erdbebenregion berichteten der Lokalzeitung "Il Centro" zufolge einhellig von eigentümlichen Besuchern, die sie in letzter Zeit empfangen mussten: "Da kommen Leute, die bieten dir die seltsamsten Dinge an", sagte einer von ihnen. Die Männer kämen aus der Lombardei, dem Veneto oder Kalabrien und machten Vorschläge wie: "Gib mir deine Trümmer, ich kümmere mich darum." Es sei ihm klar, dass es sich dabei um Vertreter der berüchtigten Müllmafia handele - weshalb er sie stets aus seinem Büro hinauskomplimentiere, sagte der Mann.
Dennoch wird es Dorfvorsteher geben, die froh sind, den schwer zu transportierenden und teilweise asbestverseuchten Schutt loszuwerden. Dass sie damit Teil des Mafia-Universums werden, vergessen sie.
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