Verheerender Erdrutsch in Shenzhen Die menschengemachte Katastrophe

Eine Schlammlawine hat einen Industriepark im chinesischen Shenzhen zerstört. Angehörige beklagen die schleppende Suche nach Vermissten. Umweltexperten sind sich sicher: Wie so oft wurden auch hier Vorschriften notorisch nicht beachtet.

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Der Erdrutsch, der am Sonntag den Hengtaiyu-Industriepark im südchinesischen Shenzhen verwüstete, war keine Naturkatastrophe. Es war - da sind sich Kritiker im Land einig - ein von Menschen gemachtes Desaster.

Über 380.000 Quadratmeter hat sich die Schlammlawine ausgebreitet, starke Regenfälle sollen die Riesenhalde aus Bauschutt ausgehöhlt und in Bewegung gesetzt haben. Mindestens 33 Gebäude begruben die Erdmassen unter sich - wie viele Menschen dabei starben, ist noch unklar.

Am Dienstag wurde das erste Todesopfer geborgen, das Staatsfernsehen spricht derzeit von 76 Vermissten. Angehörige halten diese Zahl für unrealistisch. Augenzeugen berichten, ganze Familien aus der Nachbarschaft seien verschwunden, die niemand vermisst gemeldet hätte. Es sei sehr schwer, von den Behörden Informationen zu bekommen.

Chinesischen Zeitungsberichten zufolge suchen derzeit mehr als 3000 Rettungskräfte mit Dutzenden Baggern sowie Spürhunden, Drohnen und Sensoren in bis zu zehn Meter hohem Schlamm nach Überlebenden. Das Verteidigungsministerium sprach von einem "Wettlauf gegen die Zeit" - Angehörige beklagten sich in der "South China Morning Post" bitter darüber, dass die Sucharbeiten trotz anderslautender Versprechen in der Nacht für fünf Stunden ausgesetzt wurden.

Rund um den Industriepark sei die Polizeipräsenz immens, sie hätten Angst, sich von dort zu entfernen, weil sie dann vermutlich nicht mehr auf das Gelände gelassen würden. Versuche, Fotos der Rettungsmaßnahmen in sozialen Netzwerken wie Weibo zu posten, seien gescheitert, berichteten Betroffene.

"Die Halde war zu groß und zu steil", befand das Umweltschutzministerium in Peking nach dem Unglück. Das allerdings war seit Langem bekannt: Wie die "South China Morning Post" berichtet, hätte die Schottergrube schon vor fünf Monaten geschlossen werden sollen. Doch offenbar leistete niemand der Verfügung Folge.

"Jeden Tag kamen Lastwagen mit mehr Abfall, es waren Hunderte jeden Tag, ein Truck nach dem anderen", sagte Jiang Xuemin, 44, die in dem Industriepark beschäftigt ist und dort wohnt. In den vergangenen zwei Jahren wuchs der Berg aus Zementbrocken, Müll und Bauschutt auf 100 Meter Höhe an. "Das war definitiv gefährlich." Beschwerden der Anwohner bei den Behörden verhallten ungehört.

Laut "Legal Evening News" warnte ein Bericht der örtlichen Behörden bereits im Januar vor einer drohenden "Katastrophe" angesichts des auf eine Million Kubikmeter angewachsenen Müllberges.

Die Umweltorganisation CrossBorder Environment Concern Association (CECA) berichtete, dass Satellitenfotos der Anlage im Stadtteil Guangming klar zeigten, wie massiv die Erosion in den vergangenen Jahren fortgeschritten sei. "Es gab zwei Jahre, in denen große Schäden entstanden - 2002, als die Anlage in eine Schottergrube umgewandelt wurde, und 2014, als eine natürliche Vegetationsgrenze zwischen Müllhalde und Industriepark beseitigt wurde", sagte ein Sprecher.

Shenzhen landslide: “unnatural” disasterSome may attribute this disaster to mother nature, however, CECA believes that...

Posted by CrossBorder Environment Concern Association CECA on Montag, 21. Dezember 2015
Das Problem, so scheint es, sind nicht die fehlenden Vorschriften in China, sondern die notorische Nichtbeachtung derselben. Erst im August waren 160 Menschen bei einem Chemieunglück in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin ums Leben gekommen.

Die Liste der Umweltskandale ist lang, der Unmut in der Bevölkerung wächst. Premier Li Keqiang ordnete bereits Stunden nachdem die Schlammlawine losgebrochen war, eine Untersuchung an - der übliche Reflex der Regierung auf der Suche nach einem Schuldigen, in einem Land, in dem staatliche Behörden nur allzu oft unheilige Allianzen mit Unternehmen eingehen und diese gewähren lassen.

Vetternwirtschaft und Korruption sind weit verbreitet. "Was besonders verunsichert, ist die Tatsache, dass sich der Unfall in einer hochentwickelten Stadt wie Shenzhen ereignet hat", zitiert die "New York Times" eine Kommentatorin der "Beijing News". "Shenzhen steht an der Spitze in Sachen Modernität."

Die Müllhalde wird von einem Unternehmen namens Shenzhen Yixianglong Investment Development geführt. Dessen Büroräume in einem Vorort von Shenzhen wurden durchsucht. Durch die Schlammlawine war auch eine Gasleitung zerstört worden. Die Behörden betonten nach einer Inspektion der Pipelines, dass keine Gefahr für weitere Explosionen bestehe.

Video: Erdrutsch in Südchina

Mit Material der Agenturen



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