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Erdrutsch in Nachterstedt: "Wir dachten, wir sind sicher hier"

Hilflos stehen die Bergungskräfte vor dem Krater von Nachterstedt: Noch immer können sie nicht nach den Verschütteten suchen - am Unglücksort herrscht akute Lebensgefahr. Der gesuchte Sohn eines Vermissten meldete sich inzwischen bei der Polizei.

Nachterstedt/Berlin - 140 Meter geht es steil, nahezu senkrecht in die Tiefe, dort, wo am Freitag noch ein seichter Hang bis zum Ufer des Concordia-Sees führte. Vor dem Wochenende stand oben eine friedliche Siedlung mit Doppelhäusern, errichtet vor mehr als 80 Jahren als Werkswohnungen für den Bergbau. Eine Straße führte zu einem Aussichtspunkt, der einen herrlichen Blick auf das entstehende Nacherholungsgebiet bot, eine alte Lok und Baggerschaufeln erinnerten an die Zeiten, als bei Nachterstedt noch Braunkohle abgebaut wurde.

Nun steht am Abgrund die Ruine eines Doppelhauses, eine Hälfte ist abgerissen, von der Terrasse und aus dem Kinderschwimmbecken im Garten geht der Blick in einen gigantischen Krater. Unten liegen die Trümmer des Hauses, im Wasser, zum Teil unter Schlammmassen begraben. Die Bewohner haben Glück gehabt, sie waren im Urlaub, als die Erde in Nachterstedt im östlichen Harzvorland am frühen Samstagmorgen unvermittelt ins Rutschen geriet.

Drei Nachbarn dagegen wurden im Schlaf überrascht und mit in die Tiefe gerissen, mit ihrem gesamten Haus. Zwei Ehepaare wohnten darin, eine 48-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 50 und 51 Jahren gelten als vermisst. Große Hoffnung, dass sie die Katastrophe überlebt haben könnten, gibt es nicht.

Die andere Frau war an ihrem Arbeitsplatz in Nachtschicht. Aufgetaucht ist inzwischen auch deren 22-jähriger Stiefsohn, der ebenfalls in dem abgestürzten Haus gemeldet war, von dem die Polizei aber nicht wusste, ob er sich tatsächlich dort aufgehalten hatte. Der Mann gab sich einer Polizeisprecherin zufolge am Sonntag um 11.55 Uhr an einem Absperrgitter in Nachterstedt zu erkennen. Bei ihm handelt es sich um einen Gehörlosen. Er wurde mit Hilfe eines Gebärdendolmetschers über das Geschehen informiert. Wo er sich am Samstag befand, ist noch nicht bekannt.

"Keine Ahnung, wie das passieren konnte"

Die Rettungskräfte können indes noch immer wenig tun, eine Suche nach den Verschütteten sei wegen akuter Lebensgefahr nicht möglich, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntag in der Gemeinde in Sachsen-Anhalt südwestlich von Magdeburg. Ein Sprecher des Salzlandkreises sagte, es sei zwar nicht zu weiteren Erdbewegungen gekommen, aber die Experten warnten, dass jederzeit weitere Massen abrutschen könnten.

Die Einsatzleitung kam am Sonntagmorgen zusammen, um mögliche Maßnahmen zur Suche nach Menschen und zur Sicherung zu erörtern. Der Einsatz einer Wärmebildkamera hatte keinerlei Hinweise auf Menschen unter den Schlammmassen am Rand des Concordia-Sees ergeben. Die Stelle, wo sich die abgerutschten Häuser befinden, ist noch nicht einmal lokalisierbar, sagte der Kreissprecher. Auch der Einsatz einer Hundestaffel wurde geprüft - und wieder abgesagt. Laut Polizei werde inzwischen überlegt, technische Hilfe der Bundeswehr anzufordern.

Unter den Bewohnern Nachterstedts, von denen rund 40 bis auf weiteres nicht in ihre Häuser zurückkehren dürfen, herrschte am Sonntag weiterhin Fassungslosigkeit. "Keine Ahnung, wie das passieren konnte", sagte Bürgermeister Siegfried Hampe. Er war am Samstagmorgen gleich nach dem Sirenengeheul der Feuerwehr vor Ort, fand dort total verstörte und weinende Bewohner der Nachbarhäuser vor, die in Nachthemd und Schlafanzug auf die Straße gestürzt waren.

"Wir dachten, wir sind sicher hier", sagte Hampe. Fast bis an den Ort heran wurde bis zum Jahr 1990 Braunkohle abgebaut. Seit 1998 wird das Tagebauloch für die touristische Nutzung geflutet. Auf der gegenüberliegenden Seite in Schadeneben wird schon seit etlichen Sommern gebadet. Rund 20 Meter sollte das Wasser in den nächsten Jahren noch steigen, die bisher 400 Hektar große Seefläche auf 650 Hektar anwachsen, wie die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) mitteilte. Vorerst hat die Polizei alle Zugänge zum Ufer abgesperrt: Es ist zu gefährlich.

Staatsanwälte ermitteln

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg leitete indes ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung ein. Wer für den Erdrutsch zur Verantwortung gezogen werden kann, steht jedoch noch nicht fest. Dass die heftigen Regenfälle der Auslöser gewesen sein können, glaubt in Nachterstedt keiner so recht. "Geregnet hat es doch früher auch", sagen die Leute und vermuten, dass vielleicht nicht alle Entwässerungsgräben und Hohlräume aus Bergbauzeiten ordentlich verfüllt worden sind.

Die LMBV schließt nicht aus, dass alte Bergstollen die Ursache für den Erdrutsch sein könnten. Unternehmenssprecher Uwe Steinhuber sagte am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa: "Unsere Altvorderen haben vor 150, 120 Jahren hier Tiefbergbau betrieben. Möglicherweise gibt es alte Schächte, die nicht entdeckt oder kartiert sind." Es dürfe im Moment keine Ursache ausgeschlossen werden. Die Staatsanwaltschaft habe einen Gutachter bestellt, der klären soll, warum es zu dem Erdrutsch gekommen ist.

Vor 50 Jahren kam es in der Region schon einmal zu einem massiven sogenannten Setzungsfließen. Am 2. Februar 1959 kam im Braunkohlenwerk Nachterstedt ein Bergarbeiter ums Leben, als sich 5,8 Millionen Kubikmeter Erdmassen in Bewegung setzten. Beim Setzungsfließen gerät durch Wasser aufgeweichter Boden ohne Vorwarnung ins Rutschen.

Am Sonntagvormittag besuchte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) den Unglücksort in Nachterstedt. Böhmer sprach mit Einsatzkräften und Menschen, die nach dem Unglück aus Sicherheitsgründen ihre Häuser verlassen mussten. Anschließend wollte sich der Regierungschef vom Hubschrauber aus ein Bild von der Lage an dem Tagebausee machen, in den die Erdmassen gerutscht waren.

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Die Tragödie von Nachterstedt - im "SPIEGEL TV Magazin" am Sonntag, 19. Juli, um 21.50 Uhr bei RTL

phw/AP/dpa

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