Erdrutsch in Sachsen-Anhalt Nachterstedt am Abgrund

Schock und Verzweiflung in Nachterstedt: Ein gewaltiger Erdrutsch hat Häuser und Straßen in einen See gerissen. Mindestens drei Menschen werden vermisst, die Suche nach ihnen musste in der Dunkelheit unterbrochen werden. Niemand weiß, ob weitere Erdmassen abrutschen.


Berlin/Nachterstedt - Der alte Mann im Arbeitsoverall ist verzweifelt, er will Antworten: "Das hier ist alles, was ich noch habe", sagt er. Seine Stimme stockt, er hat Tränen in den Augen. "Ich kann doch nicht hinter der Absperrung die ganze Zeit auf mein Haus gucken, ohne dass ich meine Sachen da rausholen kann", schluchzt er. An den Tischen vor ihm blickt man sich hilflos an, dann steht Ulrich Gerstner auf, der SPD-Landrat des Salzlandkreises, führt den Mann auf seinen Platz hinter den Mikrofonen. "Das war eigentlich schon alles, was ich sagen wollte", sagt er dann leise.

Pressekonferenz in Nachterstedt: Das kleine Städtchen im Harzvorland südwestlich von Magdeburg steht unter Schock, sucht nach Erklärungen, nach Verantwortlichen für die Tragödie, die sie am frühen Samstagmorgen heimgesucht hat. Geschätzte eine Million Kubikmeter Erdmassen sind auf mehreren hundert Metern Länge ins Rutschen geraten, haben ein zweistöckiges Doppelhaus vollständig, eines zur Hälfte, eine ganze Straße und eine Aussichtsplattform an deren Ende in die Tiefe gerissen, in das Wasser des Concordia-Sees.

Drei Menschen wurden in dem abgestürzten Gebäude, das eigentlich rund 120 Meter vom Ufer entfernt stand, vermutlich im Schlaf überrascht, ein Ehepaar und ein Mann, dessen Frau zum Unglückszeitpunkt auf Nachtschicht war. Unklar war, wo sich der 20 Jahre alte Sohn des vermissten Mannes aufhält. Der junge Mann ist zwar in dem Doppelhaus gemeldet, hieß es auf der Pressekonferenz, lebt nach Angaben der örtlichen Behörden aber in einer anderen Wohnung.

Am Abend musste die Suche nach den Vermissten mit Einbruch der Dunkelheit unterbrochen werden. "Die gesamte Situation ist sehr wackelig, weitere Abbrüche sind jederzeit möglich", sagte eine Polizeisprecherin. Zuvor hatten die Suchmaßnahmen keinen Erfolg gebracht.

Hubschrauber mit Wärmebildkameras überflogen die schlammigen Erdmassen, in der Hoffnung darauf, Zeichen von den Verschütteten zu finden - ohne Ergebnis. Auch der Einsatz von Suchhunden sei nicht erfolgreich gewesen, "da es an der Abrisskante mehr als 100 Meter steil in die Tiefe geht", sagte die Polizeisprecherin.

Rund 200 Rettungskräfte sind vor Ort, doch sie kommen laut Einsatzleitung weder von Land, vom Wasser noch aus der Luft an die Trümmer heran.

41 Menschen, die wegen der Gefahr weiterer Erdrutsche ihre Gebäude verlassen mussten, wurden bis auf weiteres in Ausweichquartieren untergebracht. Außerhalb des abgesperrten Gebiets sind den Angaben zufolge keine weiteren Häuser und Straßen absturzgefährdet. Der Erdrutsch hatte eine Flutwelle ausgelöst, die am gegenüberliegenden Ufer das Ausflugsschiff "Seelandperle" an Land spülte.

Erdrutsch vor 50 Jahren

Über die Ursache des Erdrutsches rätseln die Ermittler noch. Dass der heftige Regen der zurückliegenden Nacht Auslöser gewesen sein könnte, hält kaum jemand von den Experten für möglich. Zu den Gründen könne noch keine Aussage getroffen werden, es habe keinerlei Anzeichen für ein bevorstehendes Unglück gegeben, sagte Landrat Gerstner. Demnach gab es im Vorfeld der Katastrophe keine Berichte über Risse oder Verwerfungen. "Es wird umfangreicher Gutachten in den nächsten Wochen und Monaten bedürfen", ergänzte Wirtschaftsstaatssekretär Detlef Schubert (CDU).

Vermutet wurde am Samstag allerdings ein Zusammenhang mit der früheren Braunkohleförderung in der Region. Der Concordia-See wird seit dem Ende des Braunkohleabbaus im Jahr 1991 als künstlicher See geflutet. Zu DDR-Zeiten bot die Braunkohle in Nachterstedt mehreren tausend Menschen einen Arbeitsplatz.

Zuständig für die Sicherung und die Flutung des Tagebausees ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Derzeit ist der Concordia-See rund 350 Hektar groß und bis zu 30 Meter tief.

Wie einer im Internet zugänglichen Präsentation der LMBV zu entnehmen ist, kam es in der Region vor 50 Jahren zu einem massiven sogenannten Setzungsfließen. Am 2. Februar 1959 kam im Braunkohlenwerk Nachterstedt ein Bergarbeiter ums Leben, als sich über Minuten 5,8 Millionen Kubikmeter Erdmassen in Bewegung setzten. Beim Setzungsfließen gerät durch Wasser aufgeweichter Boden ohne Vorwarnung ins Rutschen.

Der Unglücksort im Norden der Gemeinde Nachtersetdt ist weiträumig abgesperrt, die Wasserschutzpolizei sperrte zudem den See für Schwimmer und Boote. Die Behörden riefen mit Nachdruck dazu auf, dem See fernzubleiben. Die Lage am Ufer sei bedrohlich. "Ich geh da nicht mehr hin. Da bröckelt es immer noch", sagte ein junger Helfer des Technischen Hilfswerks. Für Prognosen sei es noch zu früh, sagte Gerhard Jost vom Landesamt für Geologie und Bergwesen in Stassfurt. Das werde einige Zeit in Anspruch nehmen, lautet seine Einschätzung.

"Meinen Arbeitsplatz gibt es nicht mehr"

Die Menschen in Nachterstedt standen am Nachmittag fassungslos am Abgrund. Ines Hampe hat den Abrutsch nur durch Glück überlebt. Sie arbeitet normalerweise in einem Informationshäuschen, das ebenfalls in der Tiefe verschwunden ist. "Meinen Arbeitsplatz gibt es nun nicht mehr", sagte sie am Samstag dem Nachrichtenportal "News.de".

Bis 18 Uhr habe sie am Freitag noch Touristen über das ehemalige Braunkohlebergbaugebiet und den dadurch entstandenen See informiert. Um zehn Uhr wäre am Samstag ihr Arbeitsbeginn gewesen. Fünf Stunden zuvor rauschte das Häuschen in die Tiefe.

Anwohner Werner Hoffmann und seine Nachbarn berichteten "News.de" von einem unguten Gefühl, das sie plagte, weil sie so nahe am Bergbausee wohnten. "Im vorigen Jahr wurden in unseren Gärten noch Probebohrungen durchgeführt", sagte Hoffmann. Einige Hohlräume seien mit sogenannter Filterasche verfüllt worden. "Aber wer sagt uns denn, dass hier nicht noch alles hohl ist und noch mehr passieren kann?"

Hoffmanns Lebensgefährtin Gerda Brückner hätte mit dem Unglück beinahe einen Verwandten verloren. "Der Sohn von meinem Neffen hat noch bis heute früh ein Uhr in dem Haus gefeiert, was komplett abgestürzt ist", sagte sie. Es seien gute Freunde gewesen, sie hätten zusammen Musik gemacht.

phw/dpa/AP/ddp



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