Erfurt Die Schule der weinenden Herzen

"Warum? Warum?" Diese Frage quält die Erfurter, treibt Schüler, Lehrer und Eltern auf die Straßen, in die Kirchen oder zum Blumenmeer vor dem Gutenberg-Gymnasium. Die Antwort wird immer schwieriger, je mehr vermeintliche Lösungen die Politiker präsentieren.

Von Holger Kulick, Erfurt


Immer wieder dieselbe Frage - Blumen vor dem Gutenberg-Gymnasium
DPA

Immer wieder dieselbe Frage - Blumen vor dem Gutenberg-Gymnasium

Erfurt - "Macht kaputt, was uns kaputt macht!", steht auf einem handgemalten Schild. Es ziert einen Pappkarton, der als Mülleimer für blutrünstige Computerspiele dienen soll. Die Kiste haben Schüler am Rande des Blumenmeers vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt platziert. Aber sie ist fast leer. Nur vier, fünf durchgeknickte Scheiben mit "Command Conquer" oder anderen Gewalt- und Strategiespielen liegen darin und werden grinsend von Schülern beäugt.

Ohne Unterlass strömen Tag für Tag Schulkassen und Passanten zu dem Ort, von dem am vergangenen Freitag das Grauen ausging und wo nun ein Transparent nüchtern fragt: "Robert S. Wieso hast du uns das angetan?"

Auf der anderen Seite des Blumenbergs legen Schüler gerade eine selbst gebastelte Spruchcollage ihrer Klasse nieder. Darauf fragen sie den 19-jährigen Attentäter: "Warum wolltest du auf diese Weise Berühmtheit erlangen?" Und fordern dazu auf: "Wehrt euch mit Worten, nicht mit Waffen und Gewalt."

Es ist ein Strom ohne Ende und setzt sich sogar bis Mitternacht fort. Auch das Rathaus hat lange in den Abend hinein geöffnet, damit sich Bürger in die Kondolenzbücher der Stadt eintragen können. Täglich etwa 5000 werden gezählt. Ob in den Trauerbekundungen im Buch oder auf Zetteln, die aus dem Blumen- und Kerzenmeer vor der Schule ragen, am häufigsten schreien sie still nur ein Wort: Warum?

Informationstafel in Erfurt
AP

Informationstafel in Erfurt

Dazwischen Stofftiere, gebastelte Papierblumen, Erinnerungsfotos an Lehrer und die beiden durch eine Tür hindurch erschossenen Schüler. 1972 nach dem blutigen Attentat auf israelische Sportler bei der Olympiade in München, habe der damalige IOC-Präsident Avery Brundage verkündet, "The games must go on", erinnert ein Schüler auf einem längeren Brief, das werde jetzt sicher auch so sein müssen, aber wie? "Denn Ronny ist tot." In der Nähe haben dessen Freunde unter einer Brücke ein großes "Ronny" aus Teelichtern gelegt, um ihm hier in der Nacht zu gedenken.

Noch stärker berühren viele Kinderbilder. Das Schulhaus ragt immer wieder gezeichnet heraus, darüber weinende Wolken und eine traurige Sonne. "Auch die Sonne weint jetzt Tränen" hat ein Kind dazu geschrieben. Eine Gruppe Viertklässer hat in vielen Variationen weinende Herzen gemalt, eins davon steht inmitten eines Klassenraums und aus seinem Tränenfluss ist bereits ein See geworden. "Wir sind die Schule der weinenden Herzen", meint ein Schüler am Rand.

Rundherum sprechen viele beschämte und traurige Gesichter Bände, geredet wird wenig. Schweigen überwiegt. Allenfalls Schulkassen von außerhalb irritieren, weil sie plötzlich Fotoapparate zücken um festzuhalten, wie sie ihre mitgebrachten Blumensträuße niederlegen. Doch dieses lockere Herangehen ist für sie notwendig, um gelöster mit der Aufarbeitung dieses Grauens umgehen zu können.

Störfaktor Medien

Störfaktoren sind eigentlich nur noch wir Journalisten. Ein, zwei noch anwesende Fernsehteams werden angehalten, doch möglichst das Fragen zu unterlassen und der Reporter einer Illustrierten beklagt sich, dass ihm gestern sogar Prügel angedroht wurden, weil er immer noch neue blutrünstige Details von Schülern erfahren wollte.

Die Respektlosigkeit und Blutgier mancher Medien hat die Schüler zusätzlich verschreckt. Montagmittag bei einer großen Aussprache vor dem Erfurter Dom wurden viele Beschwerden laut: "Wer am besten heult, bekommt den besten Sendeplatz."

Transparent in Erfurt am 1. Mai
AP

Transparent in Erfurt am 1. Mai

Statt nachzubohren, wer spritzendes Blut gesehen hat, sollten die Reporter viel wissensdurstiger sein, warum man zum Beispiel so einfach an Waffen kommt, meint auch eine Schülerin vor dem Gutenberg-Gymnasium.

Ähnlich bringt es Carolin Freytag auf den Punkt. Die Viertklässlerin hat ein Bild mit bunter Natur, strahlender Sonne und Maulwurfshügel gemalt und auf einen weiteren Blumenberg vor der Erfurter Rathaustür gelegt. Neben der gemalten Sonne steht in Kinderschrift die Zeile: "Kein Mensch braucht Waffen zu Hause."

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