Erfurter Amoklauf Ladehemmung verhinderte noch größeres Blutbad

Offenbar hielten Ladehemmungen seiner Pumpgun den Erfurter Amokschützen davon ab, ein noch schlimmeres Massaker anzurichten. Recherchen ergeben, dass die Waffenbehörde ihre Kontrollpflicht nicht sehr ernst genommen hat - auch wenn sie formal korrekt gehandelt hatte.

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Robert Steinhäuser hatte für seine beiden Waffen zwar eine allgemeine Besitzkarte, hätte sie bei besserer Kontrolle der Behörden nicht behalten dürfen
THÜRINGER ALLGEMEINE/AP

Robert Steinhäuser hatte für seine beiden Waffen zwar eine allgemeine Besitzkarte, hätte sie bei besserer Kontrolle der Behörden nicht behalten dürfen

Erfurt - Er war martialisch bewaffnet. Mit der Feuerkraft seiner beiden Waffen und den mitgebrachten 500 Schuss Munition hätte er Dutzende ermorden können. Noch immer fragen sich Eltern, Schüler und Lehrer, wie der Erfurter Amoktäter Robert Steinhäuser sein Waffenarsenal zusammenkaufen konnte, ohne dass die zur Kontrolle der Sportwaffen verpflichtete Behörde einschritt.

Erste Konsequenzen hat die Erfurter Stadtverwaltung bereits gezogen. Das zuständige Ordnungsamt stellt keine neuen Waffenbesitzkarten mehr aus, "bis ein neues Gesetz gilt und bestimmte Meldepflichten verändert werden", teilte der Sprecher der Verwaltung Torsten Jäger mit. Ein Fehlverhalten der Behörde im Fall Steinhäuser habe es allerdings nicht gegeben.

Doch viele Indizien sprechen dafür, dass die Behörde die Kontrolle ausgesprochen lässig gehandhabt hat. So wurde es dem Todesschützen leicht gemacht, zwei Waffen zu erwerben, die er nicht besitzen durfte. Sein Fall zeigt, dass die Bestimmungen des Waffengesetzes zwar strenge Kontrollen ermöglichen, diese aber von den zuständigen Behörden kaum durchgeführt werden.

Pumpgun wäre nie genehmigt worden

Steinhäuser hatte am 18. Oktober 2001 nach Vorlage der gültigen Bedürfnisbescheinigung von seinem Schützenverein Domblick vom Erfurter Ordnungsamt eine grüne Waffenbesitzkarte bekommen, die ihn zum Kauf einer Flinte mit einem Kaliber von 12/70 berechtigte. Der damals 18-Jährige kaufte aber am 30. Oktober 2001 bei einem Waffenladen in Erfurt eine Pumpgun vom Typ Mossberg Marina 590, Kaliber 12/76, mit einem 51 Zentimeter langen Lauf. Preis: 664,17 Euro. Diese Waffe ist nach Aussagen von Waffenexperten für das Sportschießen kaum geeignet und wäre daher vom Amt auch nie genehmigt worden.

Das Ordnungsamt sieht diesen Verstoß Steinhäusers durchaus. Doch die staatlichen Waffenkontrolleure argumentieren, Steinhäuser habe den Kauf dieser Waffe nie beim Amt gemeldet, obwohl er laut Waffengesetz innerhalb von 14 Tagen nach Kauf dazu verpflichtet gewesen wäre. Hätte er die Waffe gemeldet, so die Kontrolleure, wäre ihm der Besitz selbstverständlich verweigert worden. Im Klartext: Das Amt konnte nicht handeln, denn es wusste nichts von der Pumpgun. Fraglich bleibt jedoch trotzdem, warum das Amt nie bei dem Sportschützen nachfragte, ob er sich eine Waffe gekauft hatte, wo es doch wusste, dass er eine Besitzkarte für eine Pistole und eine Flinte hatte, aber nie mehr etwas von ihm gehört hatte.

Ladehemmung bei der Pumpgun

Waffenhändler müssen jeden Verkauf einer Waffe registrieren, und die Ämter müssen diese Bücher prüfen
AFP

Waffenhändler müssen jeden Verkauf einer Waffe registrieren, und die Ämter müssen diese Bücher prüfen

Doch auch eine zweite, vom Gesetzgeber vorgeschriebene Kontrollpflicht wurde in Erfurt ganz offensichtlich sehr locker gehandhabt. Denn auch der Händler führt über alle verkauften Waffen ein Register, das so genannte Waffenhandelsbuch. Laut Waffengesetz müssen diese Bücher regelmäßig vom Amt geprüft werden. Hätten die Beamten eine solche Prüfung vorgenommen, hätten sie Steinhäuser die Pumpgun sofort entziehen müssen.

Das Amt hat auch für diesen Vorwurf eine Erklärung. Demnach seien die Bücher regelmäßig geprüft worden. "Leider aber", sagt Torsten Jäger von der Stadtverwaltung, "fand diese Prüfung das letzte Mal im August 2001, also vor dem Kauf der Waffe, statt, und die nächste wäre erst im August 2002 gewesen." Auf Nachfrage räumt er ein, dass man diese Praxis zumindest "überdenken" müsse.

Die Pumpgun selber benutzte Steinhäuser in der Schule nicht, obwohl er reichlich Munition für die Waffe bei sich trug. Die Ermittlungen der Waffentechniker haben nach Informationen von SPIEGEL ONLINE dafür mittlerweile eine einfache Erklärung. Demnach hatte die lange Mossberg-Flinte nach einem versuchten Abfeuern der Waffe "erhebliche Ladehemmungen", wie die Spezialisten bei der Untersuchung der Waffe festhielten. Die Experten brauchten nach Angaben von Ermittlern schweres Werkzeug, um diese zu beheben. Sie nehmen nun an, dass dies der Grund ist, warum Steinhäuser mit der Waffe nicht schoss. Wenn er die Waffe benutzt hätte, wären vermutlich noch mehr Menschen gestorben und verletzt worden.

Ermittlungsverfahren gegen privaten Verkäufer der Pistole

Auch bei der Genehmigung der zweiten Waffe, mit der Steinhäuser neuen Ermittlungsergebnissen der Polizei nach mehr als 70-mal aus drei mitgebrachten Magazinen feuerte und 16 Menschen tötete, gibt es mehrere Ungereimtheiten. Auch in diesem Falle erwies sich das Waffengesetz als unwirksam. Denn nach dem Kauf der Glock 17L meldete sich Steinhäuser ebenfalls nicht beim Amt, um die Waffe eintragen zu lassen.

Stundenlang waren die Schüler des Gymnasiums im Gebäuder eingeschlossen
AFP

Stundenlang waren die Schüler des Gymnasiums im Gebäuder eingeschlossen

Und wiederum behaupten die Beamten, dass diese Waffe nicht zugelassen worden wäre, wenn Steinhäuser sie angemeldet hätte. Denn auch diese Waffe taugt wenig für sportliche Schießübungen. Steinhäuser kaufte die Pistole am 18. Oktober von einem Privatmann für rund 600 Euro. Auch der private Verkäufer sei seiner Pflicht nicht nachgekommen und habe den Verkauf nicht beim Ordnungsamt gemeldet, sagte der Erfurter Verwaltungssprecher.

Die Staatsanwaltschaft hingegen teilte mit, der Verkäufer habe die Abgabe der Pistole angezeigt. Ein zuerst gegen ihn eingeleitetes Ermittlungsverfahren werde schon bald wieder eingestellt, sagte die Behördensprecherin Anette Schmidt. Zu dem Widerspruch und der Frage, warum das Amt auch in diesem Fall nicht aktiv wurde und auf Steinhäuser zuging, wollte bei der Stadtverwaltung am Freitag niemand Stellung nehmen.

Star-Anwalt will Erfurt auf Schadenersatz verklagen

Bei der Stadt Erfurt sieht man die Verantwortlichkeit für die lockeren oder nicht vorhandenen Kontrollen freilich nicht bei sich selbst, sondern weiter oben - beim Gesetzgeber. "Wir brauchen für die Kontrolle eine Pflicht zur Rückmeldung ans Amt, und zwar von jedem, der eine Waffe verkauft", fordert der Behördensprecher Jäger auf die Frage, ob das Amt nicht etwas lax mit seiner Kontrollpflicht umgegangen sei. "Nur mit einer solchen Meldepflicht können wir unsere Pflicht ausüben", so Jäger weiter.

Kenner des Waffenrechts sehen das anders. "Die Gesetze reichen vollkommen aus, nur die Behörden müssen besser arbeiten", kritisierte David Schiller, der Chefredakteur des Waffenmagazins "Visier" ist und auch SEK-Spezialeinheiten der Polizei berät. "Hätte das Amt die Bücher öfter und besser geprüft, hätte der Täter seine Waffen schnell wieder abgeben müssen", erklärt Schiller. Das allgemeine Verhalten der Behörde ist dem Fachmann ein Rätsel. "Wenn ein junger Mann erst eine Besitzkarte beantragt und dann monatelang nicht mehr erscheint, muss ich doch misstrauisch werden", so Schiller.

Bisher jedoch haben die Ermittler bei der Staatsanwaltschaft das Verhalten der Behörden noch nicht im Visier. Das könnte sich aber bald ändern. Denn der Münchner Star-Anwalt Michael Witti will den Fall komplett aufrollen lassen. Wegen der laschen Kontrollen des Amtes will Witti, der durch spektakuläre Klagen wie für die NS-Zwangsarbeiter bekannt geworden ist, die Stadt auf Schadenersatz verklagen. Der Anwalt erklärte, dass sich die Eltern des ermordeten Schülers Ronny M. bei ihm gemeldet hätten. Der 15-Jährige war im zweiten Stock der Schule von Steinhäuser durch eine verschlossene Tür hindurch erschossen worden. Spätestens wenn die Angehörigen klagen, wird sich die Stadt erneut erklären müssen.



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