Erinnerungen eines Jesuiten-Kenners "Sie haben uns ausgenutzt"

Geistliche: Gefangen im Keuschheitsgelübde
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Geistliche: Gefangen im Keuschheitsgelübde

2. Teil: Priester als ewig pubertierende Erwachsene


Jeder Fall muss anders betrachtetet werden, ich wehre mich gegen Pauschalurteile. Warum aber konnte Peter R. neun Jahre isoliert von seinen Ordensbrüdern, Lehrern und Eltern agieren? In den von ihm benutzten Räumen herrschte Chaos, manchmal ging im sogenannten "Behandlungszimmer" die Tür nicht mehr richtig auf. R. war ein ewig pubertierender Erwachsener, der sich an Pubertierenden, Unmündigen verging. Er war ein krankhafter Einzelgänger, aber die Ordensstruktur deckte ihn.

Er verknüpfte seine Taten mit Symbolen des Glaubens: Am Karfreitag, bei einer Kreuzwegstation, konfrontierte er die Schüler mit dem Bild einer nackten Frau, das er abgedeckt hinterlegt hatte. Es gab Fragebögen zur Sexualität mit harten Bildern geschmückt, um Schüler zu testen. Viele von uns waren Gruppenleiter, verantwortlich für die Jüngeren, und wir lebten damals schon anders als es die Amtskirche von uns verlangte. Meilenweit entfernt von jenem 6000 Worte umfassenden Papier, das zu Beginn des Jahres 1976 die katholische Kirche in Rom vorgelegt hatte: die 'Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Sexualethik'. Nur die Zeugung menschlichen Lebens rechtfertigte nach Ansicht der Bischöfe die gegenseitige Hingabe.

Die Kluft zwischen den Ansprüchen des Kirchenapparates und unserem Alltagsleben wurde immer größer. Wir durchbrachen Tabus und setzten uns ganz offen mit unseren sexuellen Bedürfnissen auseinander. Der voreheliche Geschlechtsverkehr widersprach für uns nicht der christlichen Lehre. Die jüngeren katholischen Priester der Jugendarbeit sahen, wie wir lebten. Wir lebten anders als es die Weisungen der Kirche vorsahen, Inhalt und Sprache dieses Dokuments verstanden wir nicht.

"Ihre Perversitäten blieben uns verborgen"

Wir hatten das Beispiel der Pillen-Enzyklika vor Augen und wussten doch längst, wie wenig die Worte aus Rom Richtschnur für den Alltag waren. Die Amtskirche hatte kein Verständnis für uns, und wir setzen die Hoffnung in die Jugendpfarrer. Dass diese aber völlig überfordert waren, orientierungslos mit ihrer eigenen Sexualität im Orden lebten, das sahen wir nicht. Es rechtfertigt aber auch nichts, denn diejenigen, die nicht 'enthaltsam' leben wollten, heirateten, verließen den Orden. Sie schrieben uns Abschiedsbriefe, in denen stand: 'Ich bin zur Einsicht gekommen, das zölibatere Leben aufzugeben, das bedeutet unter den gegebenen Umständen leider noch, dass ich aus dem Priesteramt ausscheiden muss.'

Das Recht auf sexuelles Glück muss Teil des menschlichen Glücks sein. Das war unser Postulat, und wir wussten, dass die jungen Priester davon ausgeschlossen waren. Wir sahen oft ihre Hilflosigkeit. Ihre Perversitäten, ihre Komplexe blieben uns verborgen, andere litten darunter auf grausame Art und Weise.

Die Priester glaubten felsenfest, mit ihrer theologischen Kompetenz über Gut und Böse menschlicher Sexualität urteilen zu dürfen. Sie hätten nie Pädagogen werden dürfen. Die Kirche litt noch in den siebziger Jahren an einer 'Masturbationspsychose'. Sie war den ewig gestrigen Sprüchen verfallen, Onanie verursache verkrüppelten Rücken und Schwachsinn. Die Selbstbefriedigung galt laut Erklärung als Sünde, ein 'bewusster Gebrauch der Geschlechtskraft außerhalb der normalen ehelichen Beziehungen', seiner Bestimmung nicht entsprechend.

Nach dem Katechismus wurde und wird die Masturbation als eine falsche Handlung gebrandmarkt. Somit wurde das Kennenlernen des eigenen Geschlechts tabuisiert. Dies und nichts anderes glaubte der geistliche Nachwuchs, und er hatte uns in diesem Sinne zu unterweisen.

Das Schlimme ist: Wolfgang S. und Bernhard E. spielten die modernen Priester. Sie gaben vor, uns zu verstehen. Letztendlich aber warteten sie darauf, unbewusst oder bewusst, ihr nächstes Opfer zu erwischen.

Sie haben uns ausgenutzt. Und wir haben das Leid der Täter nicht sehen können, dafür waren wir zu jung."

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Textes wurde Ansgar Hocke irrtümlich als Zögling des Jesuitenkollegs bezeichnet. Er war dort jedoch nur in der Jugendarbeit tätig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Aufgezeichnet von Peter Wensierski

insgesamt 2128 Beiträge
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Seite 1
black wolf, 06.02.2010
1.
Ja und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
gerthans 06.02.2010
2. Hybris
Die Hybris des Menschen, der sich die Natur untertan macht, Mutter Erde mit Beton versiegelt, sie ausbeutet und vergiftet, begann mit dem Christentum: "Macht euch die Erde untertan!" Zur Natur gehört auch die Sexualität, und das Ideal vom asexuellen Priester, das so viele Leben vergiftet und so viel Schaden anrichtet, entspricht dem Ideal des homo technicus von der unterworfenen Natur.
sitiwati 06.02.2010
3. naja,
Zitat von black wolfJa und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
die eigentlichen Leute, die den Sex verteufeln sind wohl die Christen ( WEib und Schlange) andere Religionen und Menschen sehn im Sex eben das, was er ist, ein Bedürfnis wie essen und trinken, und was verstehn Sie unter grauer Vorgeschichte??!
derblondehans 06.02.2010
4.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
So ein Unsinn. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen ist Kindesmissbrauch kein spezifisch klerikales Problem - und mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im besonderen. Eine Debatte über den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral eignet sich daher nur als ideologischer Grabenkampf am eigentlichen Problem vorbei - oder aber als Ablenkung von Verantwortlichen für Verfehlungen ihrer Untergebenen gerade zu stehen. Das 'böse Rom' bekommt als Sündenbock nur allzu gerne den schwarzen Peter zugeschoben. Aber auch das ist Verdrängung - nicht Aufarbeitung von Schuld.
Rainer Helmbrecht 06.02.2010
5.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
Da ja bekannt ist, dass man um Priester zu werden zölibatär leben muss, muss man auch ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst haben. Die Kombination von der eigenen Störung und einem Verein, der die Mutter Maria entgegen des sonstigen Glaubens, eine besondere Rolle gibt, kann nur zu solchen Menschen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Staat/die Strafverfolgungsbehörden ihre Aufgaben nicht wahrnehmen und in Klöstern/Ausbildungsstätten Freiheiten gewähren, die in anderen Gemeinschaften und Vereinen zum Verbot dieser führen würden. Hätte der dt Fußballbund so eine Ansammlung von Pädophilen in seinen Reihen und würde diese dann noch durch Versetzungen in andere Gemeinden aus dem Fokus der Ermittlungen ziehen, hätte man den Dt Fußballbund schon aufgelöst. Die konsequente Trennung von Staat und Kirche ist Voraussetzung für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor diesen Gestörten. Der Ausspruch lasset die Kindlein zu mir kommen, darf nicht mit Pädophilie verwechselt werden. Die Selbstreinigungskräfte der Kirche sind seit Hunderten von Jahren nicht ausreichend gewesen. MfG. Rainer
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