Der Skandal um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland weitet sich aus. Die Zahl möglicher Fälle ist bundesweit noch viel größer als bislang angenommen: Eine Umfrage des SPIEGEL bei allen 27 deutschen Bistümern ergab, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten sind. Zum Epizentrum des Skandals entwickelt sich das Berliner Canisius-Kolleg. Dort wurden die ersten Missbrauchsfälle öffentlich, täglich melden sich neue Betroffene. Der 54-jährige Ansgar Hocke kennt die Schule aus der Jugendarbeit. Er selbst wurde zwar nie Opfer oder Zeuge sexueller Übergriffe, doch beschreibt er im Folgenden die teils düstere Atmosphäre an der kirchlichen Einrichtung:
Die Wut, nicht der Hass, sie löst sich nicht auf, sie wächst: Die öffentlichen Aussagen der zwei Täter Wolfgang S. und Bernhard E., mit denen ich Tage, Wochen, Monate meiner freien Zeit in der katholischen Jugendarbeit verbracht habe, mit denen ich als junger Mensch befreundet war, schockieren mich. Es geht dabei nicht um die Schwere oder das Ausmaß der Taten, die kann und will ich nicht einschätzen. Es geht darum, mit welchen Ansprüchen sie auftraten und was sie auf uns abluden. Meinen Glauben tangiert es schon gar nicht. Ich verweigere mich auch all den Unterstellungen, uns allen ginge es um einen Generalverdacht gegen die katholische Kirche und den Jesuitenorden. Es waren eben keine frömmelnden Himmelspiloten, es waren unsere Seelsorger.
Ich erinnere mich auf einmal wieder an Nachmittage, da war ich mit einem von ihnen im Wohntrakt des Berliner Canisius-Kollegs verabredet. Wir gingen an den alten dunklen rustikalen Möbeln vorbei. Jedes Mal war mir mulmig zumute in dieser Umgebung. Gemeinsam mit Wolfgang S. und Bernhard E. fuhr ich auf ein Dutzend Ferienlager und Seminare. Ich war knapp 18 Jahre alt. Eltern baten mich, auf einer Reise mit Schülern dabei zu sein.
Wir ahnten nichts. Wir hielten Wolfgang S. für ein wenig verklemmt, verschroben, aber er war nach außen kein Monster, das Potential seiner sexuellen Gewalt erahnten wir nicht. Dabei hätten wir es schon ahnen müssen.
Die Zeit der Patres in Soutane, die rumbrüllten, stockkonservativ den Katechismus als alleinige Richtschnur ansahen, lief Mitte der Siebziger langsam aus, so dachten jedenfalls viele Schüler am Canisius-Kolleg damals. Vorbei die Sprüche: 'Das Kolleg, die letzte Bastion vor Russland', was einige Patres riefen. Oder: 'Macht der Schüler quatsche-quatsche, macht der Pater patsche-patsche'. Mitte der siebziger Jahre war Aufbruch, jetzt kamen die jungen, sportlichen Patres, so dachten viele. Wir sahen nicht, wie krank, wie labil Wolfgang S. und Bernhard E. waren. Einige von uns heulten sich auf einer Jugendfahrt nächtelang die Seele aus dem Leib. Wir fragten, warum, und erhielten keine Antwort.
Heute wissen wir, warum.
Wolfgang S., Bernhard E. und Peter R. waren offensichtlich eingesperrt in die Leib- und Sexualfeindlichkeit des Keuschheitsgelübdes. Sie konnten ihre Gefühle selbst nicht verstehen, aber die Leitung des Jesuitenordens hätte erkennen müssen, wen sie da in die Jugendarbeit schickten.
"Ich vertraute ihm ganz und gar"
Es gab offensichtlich keine Anlaufstelle, keine Supervision, alles war dem Zufall überlassen. Mit Wolfgang S. fuhr ich mit 15- und 16-jährigen Schülern des Canisius-Kollegs durch das Baskenland. Wir erfuhren etwas über die Unterdrückung dieses Volkes durch das Franco-Regime. Ich vertraute ihm ganz und gar, war begeistert von seinem Engagement für Folteropfer. Er passte in meine Vorstellung von einem Jesuiten.
Denn mit den weltoffenen, liberalen Jesuiten war ich aufgewachsen: Freunde meines Vaters, die alle zusammen im kirchlichen Widerstand gegen die Nazis aktiv gewesen waren. Wie sollte ich da diesen Jesuiten misstrauen? Wir fanden das Engagement von Wolfgang S. für die chilenischen Flüchtlinge in Berlin und für unsere offene Jugendarbeit toll. Doch er missbrauchte unser Vertrauen und das unserer Eltern. Unverantwortlich, dass die Deutsche Provinz der Jesuiten ihn uns als geistlichen Leiter der Jugendarbeit zuteilte.
Doch noch schlimmer war, dass Pater Bernhard E. aus Hannover 1976 sein Nachfolger wurde. Wir hatten einiges über seine Prügel-Exzesse gehört, aber keine Beweise. Die meisten von uns waren noch nicht volljährig, was sollten wir tun? Wir wehrten uns dagegen, dass er unser Jugendseelsorger werden sollte. Doch unsere Einsprüche wurden nicht gehört.
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