Ermittler zum Fall Joseph Kein rechtsradikaler Hintergrund

Der sechsjährige Joseph aus dem sächsischen Sebnitz ist nach Erkenntnissen der Ermittler nicht von Neonazis getötet worden. Unterdessen erheben Belastungszeugen schwere Vorwürfe gegen die Eltern des Jungen.


Hamburg - Ein 23-Jähriger, in dessen früherer eidesstattlichen Erklärung die Misshandlung Josephs mit einem Elektroschocker beschrieben wird, sagte dem "Stern": "Ich habe nicht gesehen, dass der kleine Junge mit einem Elektroschocker traktiert worden ist. Ich habe keinen Elektroschocker gesehen." Er sei rund 150 Meter vom Ort des Geschehens entfernt gewesen.

Wie seine Aussagen bei der Familie zu Stande gekommen seien, schilderte der 23-Jährige so: "Frau Kantelberg hat mir detaillierte Fragen zu Personen und Sachverhalten gestellt, die ich nur mit 'Ja' oder 'Nein' beantwortet habe."

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DPA

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Josephs Mutter wies in der Illustrierten die Vorwürfe zurück: "Ich bleibe bei meiner Darstellung." Sie habe damit gerechnet, dass der "Konkurrenz-Apotheker oder irgendeine Macht" alles versuchten, um die Zeugen zu beeinflussen.

Auch ein anderer Zeuge rückte laut "Stern" von seiner bisherigen Aussage ab. In der von der Familie vorgelegten eidesstattlichen Versicherung hatte es geheißen, in seiner Wohnung habe ein Sebnitzer Apotheker mit einem anderen Bürger der Stadt den Mord an dem kleinen Joseph geplant. Jetzt sagte der Zeuge der Illustrierten, beide Männer seien "nie gemeinsam" in seiner Wohnung gewesen.

Ermittler zu Sebnitz: Kein Anhaltspunkt für Tötung durch Neonazis

Unterdessen teilte die Staatsanwaltschaft Dresden mit, die von den Eltern benannten Zeugen seien von ihrer bisherigen Schilderung abgerückt. Die Vernehmung habe ergeben, dass keiner der Zeugen das Geschehen selbst beobachtet habe. Eine Beteiligung von Skinheads beim Tod des Jungen im Juni 1997 im Schwimmbad von Sebnitz habe niemand bemerkt. Gegen zwei der Beschuldigten sind die Ermittlungen aber noch nicht abgeschlossen.

Die Staatsanwaltschaft vernahm inzwischen die Zeugen, von denen die Familie des toten Jungen schriftliche Erklärungen vorgelegt hatte. Ihr Beweiswert sei in Frage zu stellen. "Sämtliche Zeugen haben erklärt, dass die schriftlichen Erklärungen auf suggestive Befragung durch die Eltern des Joseph zurückzuführen seien", hieß es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft.

Die Behörden waren beim Tod des Jungen seinerzeit von einem Badeunfall ausgegangen. Wie Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) mitteilte, hatte die Familie Einspruch erhoben und später gegen die Stadt Sebnitz wegen Verletzung der Aufsichtspflicht geklagt. 1999 sei ein Vergleich geschlossen worden, wonach die Stadt 65.000 Mark Schadenersatz und Schmerzensgeld zahlte. Die Familie sei von Anfang an anwaltlich vertreten worden, betonte Biedenkopf. Es habe von den Anwälten jedoch keine Hinweise auf rechtsradikale Vorgänge gegeben.

Neu aufgerollt wurde der Fall, als ein im Auftrag der Familie erstelltes Gutachten des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen auf Zeugenaussagen hinwies, wonach der Sechsjährige von Neonazis gequält und getötet worden sei. Biedenkopf warf dem Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer, unqualifizierte Arbeit vor. Pfeiffer wies die Vorwürfe zurück.



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