Ermittlungen Der letzte Tag des Todespiloten

Eine Pizza, etwas Geld abgehoben und dann noch eben zum Tanken. Weniger spektakulär könnte ein Abend kaum verlaufen. Das FBI hat jetzt neue Fotos und eine Chronologie der letzten Stunden der mutmaßlichen Terroristen Atta und al-Umari vorgelegt - und erhofft sich dadurch neue Hinweise.


Dienstag, 11. September, 5.33 Uhr. Zwei Männer checken aus einem Comfort Inn in South Portland im US-Bundesstaat Maine aus. Sie heißen Mohammed Atta und Abd al-Asis al-Umari. Kaum mehr als drei Stunden später, davon ist das FBI überzeugt, lassen die beiden mit drei Komplizen eine American-Airline-Maschine mit der Flugnummer 11 in den Nordturm des World Trade Center rasen. Das FBI hat nun die letzten Stunden von Atta und al-Umari rekonstruiert. Die "New York Times" hat die Chronologie zusammengefasst:


Die Bilder des FBI


Atta und al-Umari am Geldautomaten


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Ihre letzte Nacht verbrachten die Terroristen Mohammed Atta und Abd al-Asis al-Umari in dem Comfort Inn. Am Abend waren sie noch mit einem blausilbrigen Nissan (Kennzeichen: 3335VI) durch die Straßen gefahren, hatten für 15 Minuten Halt an einer Pizza Hut gemacht und 20 Minuten in einem Wal-Mart verbracht. Den Nissan hatten sie am selben Tag in Boston angemietet.

Die beiden mutmaßlichen Terroristen stoppten auch zwei Mal an Geldautomaten. Überwachungskameras zeigen einen grinsenden al-Umari, während Atta, der als einer der Anführer der 19 mutmaßlichen Entführer gilt, wie auf allen von ihm bekannten Bildern mit grimmiger Miene in die Kamera blickt.

"Sie haben nichts gemacht, was sie von einem normalen Besucher unseres Bundesstaates unterschieden hätte", zitiert die "New York Times" einen Sprecher der Sicherheitsbehörde in Maine. "Sie gingen essen, haben ihren Wagen aufgetankt und Wal-Mart besucht." Stadtdirektor Jeff Jordan ist bestürzt: "Dass die beiden hier in der Stadt waren, hat uns schwer getroffen. Das macht die Sache viel realer für uns."

Das FBI hofft nun, aus den Erkenntnissen über die letzten Stunden der mutmaßlichen Terroristen weitere Informationen für ihre Ermittlungen zu ziehen. Nach und nach fügen sich die gefundenen Mosaikstückchen, so profan sie auch scheinen, zu einem Porträt der mutmaßlichen Täter zusammen. Nichts gilt den Geheimdienstlern in diesem Zusammenhang als unwichtig.

Selbst Bilder eines T-Shirts, wie jenes, das Atta an diesem Abend trug, veröffentlichte das FBI. Die Behörde hofft nun, dass sich eventuell Wal-Mart-Kunden an Atta erinnern und weitere Informationen liefern können.

Alles, was es weiß, will das FBI jedoch auch nicht verraten. So haben Angestellte der Bank, an deren Automat die Männer um 20.31 Uhr Geld abhoben, und Wal-Mart-Angestellte Redeverbot. Niemand soll wissen, wie viel Dollar sie aus der Maschine zogen oder was sie einkauften. Nicht einmal, was sie aßen, dürfen die Pizza-Hut-Verkäufer der Presse erzählen. In vieler Hinsicht scheinen die FBI-Informationen jedoch wirklich mager zu sein. Nur die Zeit von 20 bis 21.30 Uhr können die Ermittler offenbar recht gut dokumentieren.

Insgesamt verbrachten Atta und al-Umari jedoch rund zwölf Stunden in South Portland, bevor sie am Dienstagmorgen abreisten. Zwölf Minuten brauchten sie für die Fahrt zum nahe gelegenen Flughafen, dort parkten sie den Nissan in der ersten Etage des Parkhauses, checkten am US-Airways-Schalter ein und nahmen den Flug 5930 nach Boston. Dort stiegen sie um in den American-Airline-Flug 11 nach San Francisco - ein Ziel, das die Maschine nie erreichen sollte.



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