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Ermittlungen: Transrapid-Betreiber nutzten veraltete Technik

Von Jens Todt

Wie zeitgemäß ist das Transrapid-Sicherheitskonzept? Der Funkverkehr wurde mit antiquierten Geräten aufgezeichnet. Kassetten rauschen, zu hören ist Stimmensalat - die Auswertung wird noch lange dauern. Die Anwälte der Opfer klagen an: Die Technik im Emsland sei überholt.

Berlin - Die Hintergründe des Transrapid-Unglücks vom Freitag mit 23 Toten und 10 Verletzten sind bei weitem noch nicht aufgeklärt. Und die Technik macht es den Ermittlern nicht leichter: Das deutsche Hochtechnologie-Vorzeigeprojekt wurde offenbar mit Hilfe von Geräten aus der Technik-Steinzeit überwacht - zumindest auf der Teststrecke im Emsland.

Schon die Auswertung der Funkkommunikation macht unerwartete Probleme. "Wir haben es hier mit einer achtspurigen Audiokassette zu tun", sagt Alexander Retemeyer, Pressesprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, zu SPIEGEL ONLINE. "Man kann die Gespräche zwar verstehen, allerdings nur sehr leise."

Wenn Retemeyer über die Aufzeichnung des Funkverkehrs in der Transrapid-Leitstelle spricht, hört es sich nach Technik aus den siebziger Jahren an - wie alt die Geräte tatsächlich sind, darüber schweigt die Staatsanwaltschaft. Die Kassette mit dem Funkverkehr der Transrapid-Teststrecke wurde offenbar nicht nur unzählige Male überspielt. Das Aufnahmegerät suchte sich außerdem bei jedem neuen Funkkontakt zwischen Leitstelle und Transrapid eine neue freie Tonspur. Weil es davon insgesamt acht gibt, stellt sich nun ein gigantisches Problem: Um nachzuvollziehen, wer wann mit wem gesprochen hat, müssen die Ermittler ein Puzzle aus Satzfetzen, undeutlichem Stimmengewirr und kurzen Anweisungen zusammenfügen. Auf Anhieb ist die Kommunikation nicht zu entschlüsseln.

"Zwei bis vier Stunden ungeordneter Funkverkehr"

Dazu kommt: Bevor sich die Polizei an diese Aufgabe machen kann, müssen die Aufnahmen erst einmal auf einem anderen Tonträger gesichert werden. Man will nicht riskieren, dass die alte Kassette durch zu häufiges Abspielen Schaden nimmt. Auch diese Datensicherung ist allerdings nicht unproblematisch: Es muss erst ein geeignetes Gerät geliefert werden - aus dem Ausland. Retemeyer: "Wir werden noch einige Zeit für die Auswertung benötigen. Wir haben es mit zwei bis vier Stunden ungeordnetem Funkverkehr zu tun."

Der Druck auf die Betreiber der Transrapid-Teststrecke wächst: Wie zeitgemäß war das Sicherheitskonzept im Emsland? Diese Frage stellt inzwischen auch eine Berliner Anwaltskanzlei. Sie kündigte an, im Namen der Opfer Schadenersatzansprüche geltend zu machen. "Wir gehen derzeit davon aus, dass der erforderliche und in Pudong/Shanghai eingesetzte technische Sicherheitsstandard auf der Versuchsstrecke nicht bestand", teilte die Berliner Kanzlei Simon und Partner mit.

"Menschliches Versagen und auch technisches Mangelwerk"

Die Anwälte vertreten nach eigenen Angaben mehrere Geschädigte und wollen parallel zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eigene Untersuchungen beginnen. Diese richten sich gegen die Betreibergesellschaft IABG, den Hersteller des Transrapids, Technische Überwachungsvereine und Mitarbeiter der Leitstelle auf der Versuchsstrecke in Lathen.

Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Hermann, bestätigt den Verdacht, dass das Sicherheitskonzept der Transrapid-Teststrecke Mängel hat. "Es ist zumindest nicht nur menschliches Versagen, sondern auch technisches Mangelwerk, muss man fast sagen", sagte Hermann zu NDR Info.

Trotz den Zweifeln am Sicherheitskonzept des Transrapid im Emsland und der bislang ungeklärten Unfall-Ursache will die Betreibergesellschaft die Teststrecke offenbar wieder in Betrieb nehmen. Das Nachfolgemodell der verunglückten Schnellbahn werde im April 2007 auf die Teststrecke gesetzt und getestet, sagte der Landrat des Landkreises Emsland, Hermann Bröring.

Die Sicherheitsfrage ist nicht zuletzt für den geplanten Flughafen-Transrapid in München brisant. Auch Experten des Eisenbahnbundesamtes haben sich inzwischen in die Ermittlungen eingeschaltet, um aus dem Sicherheitskonzept im Emsland Rückschlüsse für ein mögliches Genehmigungsverfahren der Münchner Transrapid-Trasse zu ziehen.

Am Mittwoch ist eine zentrale Trauerfeier in Lathen angesetzt. Zu ihr werden auch Bundespräsident Horst Köhler und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) erwartet.

mit dpa/AP

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