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Ermittlungsberichte: Die Instant-Mudschahidin von London

Von Yassin Musharbash

Skizzen eines neuen, beängstigenden Phänomens: Die Londoner Attentäter wurden blitzschnell radikalisiert. Sie handelten im Sinne, aber nicht im Auftrag von al-Qaida, ergeben die Untersuchungen des britischen Innenministeriums und des Parlaments.

Berlin - Es hätte wohl nur zwei Möglichkeiten gegeben, die vier Rucksackbomber rechtzeitig zu stoppen: Entweder hätte jemand aus der Tatsache, dass die Haare der Bombenbauer durch die Chemikalien immer heller wurden, den richtigen Schluss ziehen müssen. Oder der britische Geheimdienst, der im Umfeld von zweien der Attentäter observierte, hätte weit mehr Zeit und Ressourcen zur Verfügung haben müssen, um auch noch die Telefonnummern und Namen der Randfiguren des Falls komplett zu ermitteln, an dem sie arbeiteten.

Beides aber geschah nicht - und so gelang es den drei pakistanischstämmigen Muslimen Mohammed Sidique Khan, Hasib Husain, Shehzad Tanweer und dem aus Jamaika stammenden Konvertiten Germaine Lindsay, ihren erst fünf Monate zuvor erarbeiteten Plan umzusetzen: Am 7. Juli 2005 sprengten sie sich im Londoner Nahverkehrssystem in die Luft und ermordeten Dutzende unschuldige Menschen. Heute, ein dreiviertel Jahr danach, legten das britische Innenministerium und der Geheimdienst-Ausschuss des Parlaments ihre Untersuchungsergebnisse vor.

Das wichtigste Einzelergebnis: Beide Institutionen halten es für "wahrscheinlich", dass die Attentäter des 7. Juli Kontakt zu Kadern von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida hatten. Das Ausmaß der Unterstützung sei allerdings "unklar", relativiert der Geheimdienstausschuss. Das Innenministerium ergänzt, diese Frage "bleibe Teil der Ermittlungen"; es gebe allerdings keine Indizien, dass die Nummer zwei al-Qaidas, Aiman al-Sawahiri, die Anschläge koordiniert habe. Der Verdacht war dadurch aufgekommen, dass Sawahiri die Tat für seine Organisation reklamiert hatte - und via al-Dschasira ein Abschiedsvideo eines der Attentäter präsentiert hatte.

Neue Dimension der Bedrohung

Die Berichte bestätigen damit im Einzelfall, was Terrorexperten schon lange als neues, umfassendes Paradigma des internationalen islamistischen Terrorismus vermuten: Dass al-Qaida & Co. heute, anders als noch vor dem 11. September 2001, keine konkreten Einsatzbefehle mehr erteilen. Sie züchten ihre Rekruten nicht einmal mehr selbst heran. Vielmehr suchen diese den Weg zu den Terroristen, nehmen Hilfe bei der Ausbildung in Anspruch, und agieren dann eigenverantwortlich.

Bei der über allem stehenden Frage, ob die Anschläge trotzdem hätten verhindert werden können, rollen die beiden Berichte den Fall von zwei verschiedenen Seiten auf: Die Parlamentarier gingen der Frage möglicher Versäumnisse der Sicherheitsbehörden nach; das Ministerium legte eine Rekonstruktion der Tat und der Lebensläufe der Täter vor. Legt man die jeweiligen Ergebnisse übereinander, offenbart sich die neue Dimension der Bedrohung erst vollständig: Für die Sicherheitsbehörden und den Geheimdienst erweckten die beiden Attentäter, die sie zwischenzeitlich auf dem Radar hatten, nie den Eindruck, sie könnten demnächst aktiv werden.

Und ihr Lebenswandel, ergibt der zweite Report, blieb so schockierend normal, dass nicht einmal die Familien Verdacht schöpften. Shehzad Tanweer etwa spielte noch am Abend vor der Tat Kricket mit seinen Freunden.

Behördenversäumnisse nicht gravierend

Für die Behörden, fassen die Parlamentarier zusammen, kamen die Selbstmordattentate auf britischem Boden, ausgeführt von britischen Muslimen, "ganz klar unerwartet" - und dass, obwohl fast jedes einzelne Modul der Tat als Gefahr erkannt war: Das Londoner U-Bahn-Netz galt als gefährdet; die Radikalisierung junger Muslime an fundamentalistischen Moscheen war als Risiko eingepreist. Aber "die Entwicklung einer lokal entstehenden Gefahr ('home-grown threat') und die Radikalisierung britischer Bürger wurden (vor der Tat) nicht ausreichend verstanden und zur Grundlage strategischen Denkens gemacht". Als besonders überraschend stuft der Parlamentsbericht die "Geschwindigkeit der Radikalisierung" ein. Die Gelegenheit, solche Anschläge künftig zu verhindern, werde aus diesem Grund möglicherweise immer kürzer.

Die Zuweisung von Verantwortung an die Sicherheitsbehörden fällt aber sehr moderat aus. In der Tat scheint die Überwachungsoperation, an deren Rändern der Lichtkegel auch auf zwei der Rucksackbomber fiel, eine ganz andere Stoßrichtung gehabt zu haben. Nur über die Verkettung mehrerer Konjunktive hätte der Plot der Vier, mit viel Glück, eventuell erahnt werden können. Auf Grundlage der in dem Bericht enthaltenen Details lässt sich ein Angriff auf die Sicherheitsbehörden kaum rechtfertigen.

Der Bericht des Innenministeriums ergänzt das Bild von den kaum zu fassenden Instant-Mudschahidin trefflich. "Alle vier waren streng religiös, aber es gab kaum äußerliche Anzeichen für ein Umschlagen in potenziell gewalttätigen Extremismus", lautet einer der Schlüsselsätze.

Das ist freilich ein Befund, und keine Erklärung. Was die Quellen dieser nur schwer wahrnehmbaren, aber dafür umso schnelleren und umfassenderen Radikalisierung sind, bleibt diffus. Aber dass sich daraus erschreckende Szenarien für die Zukunft ableiten lassen, ist unstrittig.

Nur 8000 Pfund waren nötig

Wie sie künftig verhindert werden können - dafür bieten beide Berichte nachvollziehbarerweise kaum Ansätze. Man solle künftig einen genaueren Blick auf Pakistan richten, meinen die Parlamentarier. Radikale Moscheen werden als problematisch eingestuft. Aber das klingt hilflos, insbesondere angesichts der Tatsache dass ja gerade die Unscheinbarkeit der Täter das Problem ist.

Germaine Lindsay etwa lernte seine Frau 2002 auf einer friedlichen Antikriegsdemo kennen. Ein Jahr vor seinem Selbstmordanschlag bekam er ein Kind mit ihr. Sicher, zwischendurch fiel er Mal auf, weil er ein Pro-Qaida-Flugblatt verteilte. Aber bis zu einem Terroranschlag scheint es auch dann noch ein sehr langer Weg zu sein - den Lindsay freilich in rasendem Tempo zurücklegte.

Nur 8000 Pfund (ca. 11.500 Euro) investierten Khan, Tanweer, Lindsay und Husain in ihren Anschlag, schätzt das Innenministerium. Sie machten nur wenige Reisen. Sie verkehrten nicht mit Hasspredigern, zumindest nicht so, dass dies beobachtet werden konnte, sie besuchten vermutlich nicht einmal Qaida-Websites. Die Bomben stellten sie aus unauffällig zu besorgendem Material her. Das alles machte es schwierig, sie aufzuhalten.

Das wahre Rätsel der vier Instant-Mudschahidin aber verbirgt sich in einem lakonischen Satz in der Chronik des Innenministeriums: "Morgen des 7. Juli (...): Um ungefähr 8.30 sieht man vier Männer, die zur Beschreibung der Attentäter passen, einander umarmen. Sie sehen glücklich aus, wenn nicht euphorisch."

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London: Der Weg der Attentäter

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