Erster Weltkrieg Europas erstes Inferno

Heute vor 90 Jahren standen Österreich-Ungarn und Serbien im Krieg, Russland hatte die Mobilmachung angeordnet und Deutschland erklärte dem Zarenreich den Krieg. Der Erste Weltkrieg brach als Inferno über die europäischen Staaten herein. 15 Millionen Menschen starben, darunter sechs Millionen Zivilisten.

Von Roman Heflik


Feuernder deutscher Mörser: "Ausbluten lassen" hieß die Strategie
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Feuernder deutscher Mörser: "Ausbluten lassen" hieß die Strategie

Noch immer wird er in Frankreich ehrfurchtsvoll "La Grande Guerre" genannt, der "Große Krieg". Vor 90 Jahren begann das bis dato blutigste Gemetzel auf europäischem Boden, das später als Erster Weltkrieg bezeichnet werden sollte.

Das Unglück hatte sich schon lange im Voraus angekündigt: Seit Jahren schon hatten sich die europäischen Staaten gegenseitig Großmachtsbestrebungen unterstellt, hatten vorsorglich aufgerüstet und sich eigene Militärpläne zurechtgelegt. Und so war Europa zum Pulverfass geworden, das nur auf den fliegenden Funken wartete - bis zum 28. Juni 1914.

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Weltkrieg I: Europas erstes Inferno

Das Unheil kam aus der Waffe eines serbischen Terroristen und traf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie bei einer Fahrt durch Sarajevo. Jetzt ging alles ganz schnell. Österreichs Diplomaten sicherten sich die Unterstützung des verbündeten deutschen Kaiserreichs und provozierten mit einem äußerst scharfen Ultimatum an Serbien einen Krieg mit der kleinen Balkan-Nation.

Leichtfertig riskierte die österreichische Führung, dass sich aus einem kleinen Brandherd ein Flächenbrand entwickelte. Denn Serbien stand das große Russland als Verbündeter zur Seite. Zar Nikolai II. zögerte mit einer militärischen Intervention und ordnete zunächst nur die Mobilmachung der Truppen an. Doch damit lieferte das Zarenreich den deutschen Militärs eine erstklassige Vorlage. Seit Jahren sahen sie Deutschland zwischen den miteinander verbündeten Landmächten Frankreich und Russland eingekeilt. Früher oder später, so lautete ihre Prognose, werde das Reich von diesen beiden Konkurrenten angegriffen, man müsse schnell reinen Tisch machen, je eher, desto besser. Notfalls auch mit einem Präventivschlag.

Der Krieg beginnt mit einem Völkerrechtsbruch

Mit der russischen Mobilmachung nahte dieser Zeitpunkt. Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, zwei Tage später wurde der Krieg auch offiziell gegen Frankreich eröffnet.

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Für Deutschland schien die Stunde der Wahrheit gekommen. Endlich konnte man zeigen, dass das Land in den vergangenen Jahren nicht nur industriell sondern auch militärisch an Potenz gewonnen hatte. Wenn man schnell handele, so drängten Kriegsplaner wie der Generalstabschef der Armee, Helmuth Graf von Moltke, könne man erst den einen und dann den anderen Gegner ausschalten.

Doch der deutsche Generalstab gehorchte einem Plan, der in seinen Grundzügen lange vor Kriegsausbruch von Moltkes Vorgänger Alfred Graf von Schlieffen konzipiert worden war. Die deutsch-französische Grenze in Elsass-Lothringen war nur etwa 250 Kilometer lang, fast die Hälfte davon wurde durch das natürliche Hindernis der Vogesen geschützt.

Die Festungen von Belfort, Epinal, Toul und Verdun verriegelten die Lücken in dieser Kette, so dass ein frontaler Durchbruch kaum möglich schien. Schlieffen wollte deshalb die linke französische Flanke in einem weit ausholenden Bogen umgehen. Der deutsche rechte Flügel, der durch die neutralen Länder Belgien und Luxemburg einschwenken sollte, musste so stark wie möglich sein: 79 Divisionen hatte Schlieffen vorgesehen, während die restliche deutsche Front von Metz bis zur Schweizer Grenze nur von 13 Divisionen, einigen Landwehreinheiten und den Garnisonen in Metz und Straßburg gehalten werden sollte.

Von Anfang an war sich der deutsche Generalstab über das enorme Risiko und die logistischen Schwierigkeiten dieser Strategie im Klaren - und tatsächlich, der Plan vom schnellen Sieg ging schief. Denn als Reaktion auf den Einmarsch der Deutschen ins neutrale Belgien erklärte Großbritannien am 4. April um 23 Uhr englischer Zeit dem Deutschen Reich den Krieg. Mit ihren Truppen eilten die Briten nun den Franzosen zur Hilfe.

Zwar konnten die deutschen Armeen zunächst tief auf französisches Territorium vordringen, Paris lag bereits in Reichweite der deutschen Kanonen und richtete sich auf seine Verteidigung ein. Frankreich schien so gut wie verloren. Doch in der Schlacht an der Marne konnten die französischen Generäle den deutschen Vormarsch stoppen.

Die Deutschen mussten sich auf befestigte Stellungen zurückziehen, und auch die Alliierten gruben sich ein. Aus dem Bewegungskrieg war ein Stellungskrieg geworden. In kilometerlangen, tief verschachtelten Schützengraben-Systemen verschanzten sich die Soldaten die nächsten vier Jahre. Angriffe auf die gegnerischen Stellungen endeten meist nach wenigen hundert Metern im Maschinengewehrfeuer und in den Stacheldrahtsperren des Feindes. Eine derart festgefahrene Situation war den Befehlshabern neu. Sie lösten sie auf ihre Weise: Der Gegner sollte sich in dem Stellungskampf nach und nach aufreiben, "ausbluten" nannte das der deutsche Generalstab.

1.200.000 Tote in einer einzigen Schlacht

Der Blutzoll dieser menschenverachtenden Strategie war ungeheuerlich. So kamen im monatelangen Trommelfeuer und den Grabenkämpfen bei Verdun 700.000 französische und deutsche Soldaten ums Leben. Bei der Schlacht an der Somme, die am 1. Juli 1916 von den Alliierten eröffnet wurde, verloren an einem einzigen Kampftag 20.000 britische Soldaten ihr Leben. Während der gesamten Schlacht starben 500.000 Deutsche, weitere 500.000 Briten und 200.000 Franzosen. Die Geländegewinne der Alliierten betrugen nicht einmal zehn Kilometer. Zu den enormen Verlusten trugen auch die neuen Waffensysteme bei, von denen viele erstmals ihre verheerende Wirkung entfalteten: weitreichende Geschütze mit bislang ungekannter Zerstörungskraft, Panzer, U-Boote, Flugzeuge, Kampfgas, Maschinengewehre - und Stacheldraht.

Im Osten hatten Deutsche und Österreicher mehr Erfolg. Mit den Schlachten von Tannenberg und an den Masurischen Seen gab der deutsche General Paul von Hindenburg dem Krieg im Osten bereits 1914 die entscheidende Wendung zugunsten der Mittelmächte. Als Ende 1917 im zaristischen Russland die Revolution ausbrach, stürzte der russische Widerstand schließlich weitgehend in sich zusammen. Im Frieden von Brest-Litowsk konnten die Deutschen am 3. März 1918 den an die Macht geputschten Bolschewiki ihre Bedingungen diktieren.

Die USA steigen in den Krieg ein

Die sich abzeichnende Niederlage des deutschen und österreichisch-ungarischen Imperiums vermochte dieser Teilsieg nicht aufzuhalten. Italien war auf Seiten der westlichen Alliierten ebenfalls in den Krieg eingestiegen und bedrängte Österreich im Süden. Viel gravierender sollte sich jedoch der Auftritt der USA auf der europäischen Kriegsbühne auswirken. Weil der von Wilhelm II. angeordnete totale U-Bootkrieg auch amerikanische Schiffe und damit amerikanische Handelsinteressen bedrohte, erklärten die Vereinigten Staaten am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg.

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Anders als irgendeine andere Kriegspartei konnten die USA frische Truppen und Waffen in die Schlacht werfen. An ein "Ausbluten" der Alliierten durch die Deutschen war jetzt nicht mehr zu denken. Im Gegenteil: Die Schlachten von Marne, Somme und Verdun hatten die deutschen Truppen stark dezimiert. Den 3,2 Millionen alliierten Soldaten standen an der Westfront nur 2,8 Millionen deutsche Landser gegenüber. Deutsche Gegenoffensiven brachten keine Entlastung mehr, sondern schwächten die ausgezehrten Einheiten noch weiter.

Der oberkommandierende Befehlshaber Erich Ludendorff musste schließlich einsehen, dass an einen Sieg nicht mehr zu denken war. Noch schlimmer lastete die Furcht auf dem Offizier, dass sich das deutsche Heer bald auflösen würde, käme es nicht schnell zu einem Waffenstillstand - so verheerend war sein Eindruck vom Zustand und der Moral seiner Truppen. Am 29. September 1918 musste die oberste Heeresleitung gegenüber der Reichsregierung die Ausweglosigkeit der militärischen Lage eingestehen und forderte sofortige Waffenstillstandsverhandlungen. Doch den von ihm mitverlorenen Krieg auch selbst zu beenden - dazu fehlte Ludendorff der Mut. Zwei Wochen vor Kriegsende bat er den Kaiser um seine Entlassung. Seiner Frau sagte er am selben Abend: "Du wirst sehen, in 14 Tagen haben wir kein Kaiserreich und keinen Kaiser mehr."

Ludendorff hatte Recht, die Ereignisse überstürzten sich. Denn auch im Inneren des Deutschen Reichs gärte es bereits. Neben der allgemeinen Kriegsmüdigkeit meuterten bereits die ersten Soldaten und Matrosen. Wilhelm II. wollte den drohenden Zusammenbruch nicht wahrhaben und flüchtete sich in sein Hauptquartier im belgischen Spa. Am 9. November 1918 verkündete daraufhin Reichskanzler Prinz Max von Baden eigenmächtig den Thronverzicht des Kaisers und übertrug sein Reichskanzleramt an den Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert. Um 14 Uhr rief Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstages die Republik aus. Zwei Tage später wurde in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne der Waffenstillstandsvertrag unterschrieben. Am 11. November 1918 um 11 Uhr war "La Grande Guerre" zu Ende.



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