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Elterncouch

Elterncouch Bekenntnisse einer Leitwölfin

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Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.
"Bei uns herrscht Diktatur": Die meisten Eltern fänden es wohl besorgniserregend, wenn ihr Kind so etwas sagt. Ich setze trotzdem auf liebevolle Strenge und klare Ansagen. Mit Erfolg.

"Meine Freundinnen erzählen mir oft, dass sie zu Hause gemeinsam mit Mama und Papa Entscheidungen treffen", berichtete meine Tochter neulich am Küchentisch. "Dann sag ich immer, meine Eltern machen das nicht - bei uns herrscht Diktatur."

Die Tatsache, dass Vic sich schlapplachte, während sie das erzählte, rettete mich vor einem Herzinfarkt. Dennoch fragte ich mich ein wenig erschrocken: Bin ich tatsächlich so eine autoritäre Sau?

Kürzlich hat sich der dänische Erziehungsexperte Jasper Juul im SPIEGEL zu genau dieser Frage geäußert. Juul spricht von einer Leitwolf-Funktion der Eltern, von Führungsstärke, die Orientierung geben und Grenzen setzen soll, ohne dem Kind die Individualität zu rauben.

Ich glaube, ich bin so eine Wölfin. Ich mache klare Vorgaben, verbiete dumme Filme, sexistischen Hip-Hop, rassistische (und schlechte) Witze, übermäßiges Gedaddel und nervenraubendes Genöle. Ich habe eine klare Vorstellung davon, was Kinder - zumindest solange sie in meiner Küche sitzen - essen sollten und was nicht. Ich habe meine Kinder auf "Bitte"-"Danke"-"Gern geschehen" gedrillt und finde das sehr angenehm. Wenn sie nerven, knurre ich vernehmlich. Wenn es ganz schlimm wird, lege ich den Kopf zurück und heule laut. Dann kehrt Stille ein.

Ignorant? Bestimmt.

Meine Wolf-Werdung war keine bewusste pädagogische Entscheidung, sondern eine aus der Not geborene Strukturmaßnahme. Mein Mann und ich sind beide berufstätig. Ich pendle, was zur Folge hat, dass ich meine Kinder von Montagfrüh bis Mittwochnachmittag gar nicht sehe. Das ist manchmal schmerzhaft, meistens in Ordnung, aber immer eine extreme Belastung für den vollbeschäftigten Vater, der dadurch zweieinhalb Tage alleinerziehend ist.

Damit wir beide und die Kinder nicht im Chaos versinken, muss der Alltag klar strukturiert werden. Die konkrete Folge daraus ist, dass wir Diskussionen des Typs "Männo, ich will aber die rote Jeans anziehen" oder "Ich glaube, ich will irgendwie doch lieber nicht zum Sport" nicht führen. Ignorant? Bestimmt. Aber es funktioniert. Die Farbe der Jeans wird ihnen im Laufe des Tages egal, und nach dem Kung-Fu sind beide entspannt und glücklich.

Unsere Kinder haben gelernt, dass, wenn wir einmal Nein sagen, auch neunmaliges Nachfragen an der Entscheidung nichts ändert. Dafür helfen wir uns, wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, auch wirklich gern: Die allerallerliebste Freundin muss besucht werden, wohnt aber 800 Kilometer entfernt? Kriegt Papa hin. Der Sohn fühlt sich missverstanden und schlecht behandelt? Mama redet mit ihm, entschuldigt sich, wenn nötig, tröstet, bis die Wasser wieder klar sind.

"Ich hab was Tolles gekriegt: 'ne Strafe"

Manchmal frage ich mich, ob kompromisslose Autorität auf der einen Seite ein hartes Durchgreifen auf der anderen sozusagen überflüssig macht. Denn: Interessanterweise mussten wir unsere Kinder noch nie bestrafen, um Dinge durchzusetzen. Das heißt, doch: zweimal. Der pädagogische Erfolg war allerdings überschaubar.

Meine Tochter erhielt einmal drei Wochen Miffy-Verbot, weil sie sich im Stadtpark heimlich abgesetzt hatte. Ich bin tausend Tode gestorben, bis ich sie endlich in der Menge wiedergefunden habe. Beim Stuhlkreis in der Kita soll sie am nächsten Tag ganz stolz erzählt haben: "Ich hab am Wochenende was ganz Tolles gekriegt, nämlich 'ne Strafe." Anerkennendes Raunen im Rotznasenpublikum. Ehrlich verdient, muss man erst mal hinkriegen.

Auch mein Sohn musste neulich dran glauben. Und diesmal war es tatsächlich eine bewusste Erziehungsmaßnahme: Weil Vito die Angewohnheit hat, seine Klamotten wie eine Diva einfach überall auf den Boden fallen zu lassen und die wenigen verbliebenen freien Flächen mit nassen Handtüchern zu dekorieren, war es Zeit für eine Lektion. Eine Woche Digitales-Drachen-Züchten-Verbot. Verzweifelter Aufschrei. "Ich verstehe ja, dass ich eine Strafe verdient habe", sagte Vito. "Aber könnten wir uns vielleicht auf eine andere einigen?"

Die Antwort können Sie sich denken.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (12) und Vito (9)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt

37 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Dramaturg 02.02.2016
ja-so-ist-das... 02.02.2016
tims2212 02.02.2016
seelion 02.02.2016
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spon-facebook-10000039468 02.02.2016
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edoo 08.04.2016

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