Bakus ESC-Kandidatin Babayeva: Herzen öffnen, Hirn abschalten!
Sabina Babayeva vertritt den Gastgeber Aserbaidschan beim Eurovision Song Contest. Aus ihrer Sicht geht es um Spaß und die Chance, "unsere Herzen zu öffnen für Menschen aus ganz Europa". Die Aufregung um Menschenrechte ist der Sängerin ein Rätsel - unterdessen werden weiter Regimekritiker verfolgt.
Manikürte Fingernägel, die über einen Eisblock gleiten, in dem Blumen gefangen sind. Stetig rieselnde Schneeflocken. Ein fröstelndes Mädchen in tief dekolletierter Robe. Ganz allein in einem verlassenen Haus. Das Video zu "When the Music Dies" ist konventionell inszeniertes Musiktheater. Die Sängerin heißt Sabina Babayeva und kommt aus dem aserbaidschanischen Baku.
Mit kraftvoller, rauchiger Jazz-Stimme beschwört die "Königin der Balladen" das Ende der Musik ("cold, cold, cold") und ihrer Liebe zu einem offensichtlich schwer unterkühlten Mann. "Er ist wie aus Eis. Und ich versuche, ihn aufzutauen. Es gelingt mir nicht", so ihre Deutung. Dermaßen düster geht es im wahren Leben der 32-Jährigen nicht zu. Sie ist, sagen wir, eher der sonnige, optimistische Typ.
"Wir haben seit unserer ersten Teilnahme 2008 davon geträumt, den Eurovision Song Contest (ESC) in Aserbaidschan auszurichten", flötet die Sängerin. "Ich bin sehr stolz, dass es dazu gekommen ist. Es gibt uns die Möglichkeit, unsere Herzen zu öffnen für Menschen aus ganz Europa."
Dass einige Herzen einfach beharrlich verschlossen bleiben und viele Europäer der Meinung sind, einen Unrechtsstaat wie das vom Alijew-Clan regierte Aserbaidschan solle man weder unterstützen noch besuchen, ist ihr völlig unverständlich: "Ich finde beim ESC geht es um Freude, Musik und die Erfahrung. Es ist völlig unwichtig wo er stattfindet."
Warum also sollten deutsche ESC-Fans die lange Reise nach Baku antreten? Jetzt ist Babayeva in ihrem Element: "Erstens müssen sie Baku mit ihren eigenen Augen sehen, eine der schönsten Städte der Welt! Zweitens - wenn Sie noch nie in Aserbaidschan waren, wissen Sie nicht, was Gastfreundschaft bedeutet. Und drittens wollen Sie doch meinen Live-Auftritt nicht verpassen!"
Nein, das will keiner. Zumal ja auch das Geheimnis ihres in der Heimat und den Nachbarstaaten viel diskutierten Bühnen-Outfits noch zu lüften wäre. Das Kleid werde "eher hell sein, aber auch mit vielen Farben", orakelte Babayeva im ukrainischen Fernsehen. In Kiew nahm sie ihren Clip auf, hier bereitete sie sich wochenlang auf ihren Auftritt vor mehr als 100 Millionen Zuschauern weltweit vor. Angst kennt Aserbaidschans musikalische Botschafterin nicht, Respekt vor der Aufgabe hat sie schon: "Es ist eine riesige Verantwortung. Aber ich bin glücklich und außer mir vor Freude, dass ich am 26. Mai singen darf."
Tatsächlich ist die ESC-Bilanz des Neun-Millionen-Einwohner-Staates am Kaspischen Meer beeindruckend: Erst viermal trat Aserbaidschan an - und schaffte es immer unter die Top Ten: In Belgrad gab es Platz acht, in Moskau Rang drei, in Oslo reichte es für Platz fünf und in Düsseldorf folgte schließlich der Sieg.
Babayeva hat mehrfach an Vorentscheidungen zum ESC teilgenommen. Dass sie es nun endlich schaffte, erfüllt sie mit Genugtuung. Die in Baku geborene Tochter einer Pianistin besuchte eine Musikschule und studierte später Jura. Sie liebt Jazz - und ihren guten Freund Anri Dschochadse, der fürs Nachbarland Georgien mit dem zackigen Gute-Laune-Song "I'm a Joker" ins Rennen geht. "Ich mag ihn sehr, er ist mein Favorit. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, haben auf Festivals zusammen gesungen." Die Konkurrenz allerdings sei stark in diesem Jahr.
Viel weiß man nicht über das Leben der Babayeva. Sie gewann Wettbewerbe in Litauen und Aserbaidschan, wurde 2009 Siegerin beim Schlagerfestival "Slawjanskaja Swesda" in Russland. Für eine aserbaidschanische TV-Serie nahm sie den Soundtrack "Roya Kimi" ("Wie ein Traum") auf. Bei Facebook bringt es Babayeva auf knapp 27.000 Fans.
Das allerbeste an Aserbaidschan seien ihre gastfreundlichen, warmherzigen Landsleute, da ist sich die Kandidatin sicher: "Viele Menschen in Europa kennen unser Land nicht gut und haben einen falschen Eindruck von unseren Traditionen und der Kultur. Das ist eine Schande. Ich werde mein Bestes tun, um das zu ändern."
Während Sabina Babayeva sich um die Völkerverständigung bemüht, verfolgen die Behörden in Baku unbeirrt Regimekritiker. Vor einer Woche ging die Polizei in Baku brutal gegen etwa 200 Teilnehmer einer Protestkundgebung vor dem Rathaus vor. Mindestens drei Menschen wurden verletzt. Es gab mehrere Festnahmen. Auch auf Demonstranten, die bereits am Boden lagen, hätten die Polizisten eingeschlagen und sie getreten, berichteten Augenzeugen.
Im März besuchte SPIEGEL ONLINE die Regimekritikerin Schirinbadschi Rsajewa in ihrem Haus im Zentrum von Baku. Hier sollen lukrative Neubauten hochgezogen und die Famile möglichst schnell ausquartiert werden. Unbekannte schleuderten einen riesigen Betonklotz in Rsajewas Schafzimmer, um sie dazu zu bewegen, die Wohnung endlich zu verlassen. Sie blieb.
Am 11. Mai wurde Rsajewas Sohn festgenommen. Man hatte Drogen in seiner Wohnung gefunden. Vertreter der Instituts für Demokratie und Menschenrechte gehen davon aus, dass die Polizei ihm Heroin unterjubelte, um ihn dingfest machen zu können - eine weit verbreitete Praxis in Aserbaidschan.
Auch der Blogger und Regierungskritiker Jabbar Sawalan wurde auf diese Weise festgenommen und wegen Drogenbesitzes zu drei Jahren Haft verurteilt. Zwar wurde er auf internationalen Druck frühzeitig entlassen. Allerdings berief man ihn wenige Wochen vor dem Eurovision Song Contest in die Armee. Pressetermine ausgeschlossen.
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Bevölkerung: 9,188 Mio. Einwohner
Fläche: 86.600 km²
Hauptstadt: Baku
Staatsoberhaupt: Ilcham Alijew
Regierungschef: Artur Rasisade
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