Eurovision Song Contest in Baku Im Namen der Familie

Die Veranstalter des Eurovision Song Contest in Aserbaidschan strotzen nur so vor Selbstvertrauen. Ein Event der Superlative stehe bevor, das perfekte Fest. Damit die Image-Kampagne gelingt, gibt der herrschende Alijew-Clan alles. Koste es, was es wolle.

REUTERS

Von


Tahir Mammadow ist ein ordentlicher Mann. Er trägt ein klitzekleinkariertes Hemd zur gebügelten Hose, das schwarze Haar sitzt perfekt. Leicht angeekelt schaut er auf einen Fussel am Revers der Besucherin, stutzt und beschließt dann, die Nachlässigkeit wohlwollend zu ignorieren. "Willkommen im Informationszentrum des Eurovision Song Contest", flötet er, lächelt mechanisch und reibt sich beflissen die Hände.

Der PR-Mann steht vor dem Panoramafenster im ersten Stock des Gebäudes im Herzen von Baku. Der Blick geht weit auf das Kaspische Meer hinaus. Jenseits der Scheibe, auf Höhe von Mammadows rechtem Ohr, schießt eine Riesenfontäne in den Himmel. Böse Zungen behaupten, dass sie ins Meer geleitete Abwässer bei auflandigem Wind direkt in die Gesichter ahnungsloser Passanten auf der Promenade sprüht.

Doch davon will Mammadow nichts wissen. "Den Dreck sieht man gar nicht", sagt er. "Die Wasserqualität ist auch schon besser geworden." Alles super an der ESC-Front. Der Boykott des Nachbarlands Armenien, mit dem Aserbaidschan seit vielen Jahren einen blutigen Konflikt um die Region Berg-Karabach austrägt? "Armenien boykottiert nicht, sie wollen nur nicht teilnehmen", erklärt Mammadow. "Erst haben sie zugesagt, dann wieder abgesagt, obwohl wir für ihre Sicherheit garantiert haben", fügt er vorwurfsvoll hinzu.

Veranstalter des Eurovision Song Contest ist der staatliche Fernsehsender Ictimai, dem die Aktivisten von "Sing for Democracy" vorwerfen, er berichte parteiisch und regierungskonform.

Fotostrecke

42  Bilder
ESC-Teilnehmer 2012: Föhnfrisuren, Omis und Engelbert
Wie steht es um die Sicherheit bei der Großveranstaltung, zu der Tausende Fans, außerdem etwa 1500 Journalisten, TV-Teams und Delegationen erwartet werden? Man richte sich streng nach den Vorgaben der Europäischen Rundfunkunion (EBU), betont Mammadow. "Wir haben einen Plan erstellt. Es wird getan, was nötig ist."

Die Zusammenarbeit mit dem Kölner Produktionspartner Brainpool? Fantastisch! Der nationale Vorentscheid? Ein Fest! Die aserbaidschanische Kandidatin Sabina Babajewa? Ein Supertalent! Darf die Welt also mit einer Sause auf "höchstem Niveau" rechnen, ganz so, wie es die Vorsitzende des Organisationskomitees, Präsidentengattin Mehriban Alijewa, angekündigt hat?

Bei der Erwähnung der First Lady geht ein Ruck durch Tahir Mammadow. Er drückt den Rücken durch und faltet die Hände im Schoß, ganz so, als sammle er sich zum Gebet. "Ja, es wird perfekt sein."

"Wir lassen uns das Festival nicht verderben"

Der ESC wirft ein Schlaglicht auf die öl- und gasreiche Republik Aserbaidschan, die vom Alijew-Clan und einer Camarilla aus Oligarchen mit harter Hand regiert wird. Seit Wochen berichten westliche Medien von Menschenrechtsverletzungen, Angriffen auf Journalisten und Demonstrationen, auf denen Alijews Rücktritt gefordert wird. Das Herrscherhaus reagiert grimmig: "Sie werden es nicht schaffen, uns das Festival zu verderben", sagte Mehriban Alijewa dem Nachrichtenportal news.az.

Um Investoren ins Land zu holen und das ramponierte Image aufzupolieren, will Aserbaidschan der Welt ein Mega-Spektakel präsentieren. Das Online-Magazin "Transitions" hat die rekordverdächtigen Ausgaben für das Event aufgelistet: Demnach wurden per Kabinettsbeschluss aus verschiedenen Fonds umgerechnet etwa 214 Millionen Euro lockergemacht.

Am Ende der Bucht von Baku steht die "Kristallhalle", ein Multifunktionsgebäude mit Platz für 23.000 Besucher, in der am 26. Mai der ESC ausgetragen wird. Weil "deutsche Wertarbeit" hoch im Kurs steht, wurde die Alpine Bau Deutschland AG beauftragt. Bis zu 1500 Arbeiter waren auf der Baustelle beschäftigt, Tag und Nacht malochten sie hinter blickdichten Bretterzäunen, um die Halle im Schatten des riesigen Flaggenmastes rechtzeitig fertigzustellen.

Die Zusammenarbeit mit den Aserbaidschanern sei ausgezeichnet, "gerade in einer so herausfordernden Situation merkt man das", lobte ein Alpine-Sprecher. "Die Regierung will dieses Projekt unbedingt, deshalb tut sie alles dafür." Die notwendigen 49 Millionen Euro für den Hallenbau wurden laut "Transitions" einfach einem staatlichen Rentenfond entnommen. Die Regierung äußert sich zu solchen Berichten nicht.

Offenbar verdienen die Alijews aber auch selbst am Bau der Halle: Wie das aserbaidschanische Monitoring-Projekt für organisierte Kriminalität und Korruption OCCRP berichtet, hält die Familie versteckte Beteiligungen an dem Subunternehmer Azenco.

Die Alijews sind in verschiedenen Sparten aktiv: Die Journalistin Chadidscha Ismailowa berichtete, dass die Präsidententöchter Leyla und Alzu über in Panama registrierte Firmen an dem Telekommunikationsunternehmen Azerfon beteiligt seien. Auch an der Gold- und Silberförderung im Land sollen die beiden Frauen über in Panama registrierte und dem Konsortium AIMROC angehörende Firmen teilhaben. Auch hierzu gibt es bisher keine offizielle Stellungnahme.

Leyla Alijewa ist nebenbei Chefredakteurin des aufwendig in Großbritannien produzierten Hochglanzmagazins "Baku", in dem nicht nur für Aserbaidschans Kultur geworben, sondern auch heftigste Selbstbeweihräucherung betrieben wird. Ein müde dreinblickender Brian Ferry lobt seitenlang das hinreißende Baku, Leyla zeigt stolz ihre ungelenken Schwarzweißillustrationen und in der People-Sparte lächeln die in hautenge Outfits gepressten Alijewas von fast jeder Seite.

Die 47-jährige First Lady gilt als umtriebig, sie ist Unesco-Botschafterin und Vorsitzende der mächtigen Heydar-Alijew-Stiftung. Diplomaten der US-Botschaft in Baku beschrieben die Parlamentarierin in WikiLeaks-Depeschen als politisch unerfahren und nicht besonders faktensicher. So sei die Abgeordnete der Regierungspartei "Neues Aserbaidschan" überrascht gewesen zu hören, dass Hillary Clinton Demokratin ist. Auch das Datum der Präsidentschaftswahl im eigenen Land sei ihr nicht geläufig gewesen, hieß es. Aussagen, zu denen Alijewa keine Stellung bezog.

Dennoch gelingt es der First Lady über große Gala-Auftritte und Spenden, im Ausland gute Stimmung für ihr Land zu machen. So soll die Heydar-Alijew-Stiftung sowohl den Pariser Louvre, das Straßburger Münster als auch Versailles mit Spenden bedacht haben. Im vergangenen Jahr gingen 50.000 Euro nach Berlin - für den Wiederaufbau des Stadtschlosses.

Das Geld für die Stiftung soll aus Öl- und Gasgeschäften stammen. In Wahrheit gibt es keine verlässlichen Angaben darüber. Es kursieren immer wieder Gerüchte, dass Geschäftsleute oder Regierungsbeamte Geld direkt auf die Konten der Stiftung überweisen, um sich so vor Strafverfolgung zu schützen und mit dem Freibrief der "Spenden" ungestört ihren Geschäften nachgehen zu können. Solche Berichte werden von der Regierung in Baku nicht kommentiert.

Mit ihrer Heirat drängte die Familie von Mehriban Alijewa, geborene Paschajewa, an die Macht. Ihr einflussreicher Onkel Hafiz Paschajew ist seit 2006 stellvertretender Außenminister und war 13 Jahre lang Botschafter in den USA. Schwester Nargiz ist Rektorin der Moskauer Lomonossow-Universität in Baku, Vater Arif Paschajew leitet die Nationale Luftfahrtsakademie. Die Paschajews kontrollieren die "Pasha Holding" mit Versicherungs-, Bau- und Reiseunternehmen sowie der "Pasha Bank". Außerdem gehört ihnen der Sender Lider TV, bekannt für seine harte Linie gegen Oppositionelle.

Geht es nach Mehriban Alijewa ist der ESC ohnehin nur eine Aufwärmübung: Aserbaidschan hat sich für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2020 beworben. Schon 2016 wird hier die Fußball-Europameisterschaft für die U-17-Teams stattfinden.

Beim ESC in Baku wird die Gewinnerin von 2010, Lena Meyer-Landrut, auftreten. Auch Emin Agalarow ("Baby Get Higher") kann sich auf einen Gastauftritt freuen. Er ist der Schwiegersohn des Präsidentenpaares.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
w220 27.05.2012
1. die weiber aus diesem clan ...
... einschließlich der "frau präsidentin" sehen doch alle aus wie 100-dollar-nutten aus los angeles mit diesen gespritzten schlauchboot-lippen, den botox-augenrändern, den viel zu kurzen röcken - auch die meisten weiber der russischen oligarchen sehen so aus. die geschichte zeigt, dass so dreiste überhöhung einzelner über ein volk nie von dauer ist. wer sich ein ganzes land zum raubesgut macht, wird fallen, tief fallen, vlt. noch nicht nach 15 jahren, aber nach 30 jahren werden die menschen in diesem land alle mitglieder der familie wegjagen wie räudige hunde oder mit ihnen dasselbe machen wie mit ghaddafi, mubarak und anderen. geschichte läuft nie rückwärts!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.