Eschede-Prozess "Ich habe nicht aus dem Fenster geguckt"

"Du bist allein hier vorbei gefahren, du bist entgleist." Mit diesen Worten wurde der Lokführer des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" wenige Sekunden nach dem Unglück am 3. Juni 1998 alarmiert. Etliche Wagen seines mit rund 300 Personen besetzten Zuges waren bei Eschede gegen eine Brücke geprallt, einer wurde darunter zerquetscht. Vor Gericht schilderte der 61-Jährige jetzt, wie er das Unglück erlebte.




Lokführer des Unglückszugs: "Habe nur einen Ruck gespürt"
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Lokführer des Unglückszugs: "Habe nur einen Ruck gespürt"

Der inzwischen pensionierte Lokführer hatte den Zug in Kassel übernommen. Nach einer unproblematischen Fahrt habe er an einer Baustelle bei Celle die Geschwindigkeit auf 90 Stundenkilometer absenken müssen, sagte er am Mittwoch vor der in Celle tagenden auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Lüneburg. Anschließend habe er den Zug wieder auf etwa 180 Kilometer pro Stunde beschleunigt. Plötzlich habe er einen Ruck gespürt. "Danach fiel die Fahrleistung ab und ich bekam eine Zwangsbremsung." Die Instrumente auf dem Führerstand hätten eine Störung angezeigt.

Nachdem er auf dem Bahnhofsgelände von Eschede zum Stehen gekommen sei, habe er mehrmals versucht die Stromversorgung wieder herzustellen. "Ich habe nicht aus dem Fenster geguckt. Ich musste meine Instrumente beobachten. Ich habe nichts bemerkt."

101 Menschen starben in den Trümmern, 105 wurden zum Teil schwer verletzt
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101 Menschen starben in den Trümmern, 105 wurden zum Teil schwer verletzt

Erst durch den Funkspruch des Fahrdienstleiters des Bahnhofs Eschede erfuhr der Lokführer, dem die Nachwirkungen des Schocks auch heute noch immer anzumerken sind, dass der Triebkopf des ICE abgetrennt war. Die meisten Wagen waren nach dem Bruch eines Radreifens entgleist, gegen eine Brücke geprallt, hatten diese zum Einsturz gebracht und lagen zum Teil zerquetscht unter den Betonplatten. 101 Menschen starben damals bei dem Unglück.

Seit einer Woche müssen sich drei Ingenieure wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Den Mitarbeitern der Bahn und eines Radherstellers wird angelastet, sie hätten die Verwendung gummigefederter ICE-Räder zugelassen, ohne dass diese in ausreichendem Maße auf Bruchfestigkeit geprüft oder auf Risse hin kontrolliert worden wären.



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