Eschede-Prozess Schaffner trifft keine Schuld

Der einzige überlebende Schaffner des ICEs "Wilhelm Konrad Röntgen" trägt keine Schuld am Tod der 101 Menschen, die im Juni 1998 beim größten Zugunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte ums Leben kamen. Das bestätigt ein Gutachten, das jetzt im Eschede-Prozess verlesen wurde.


Celle - Ein Passagier des Unglückszuges hatte den Schaffner angezeigt, weil er glaubte, dieser hätte die Katastrophe durch frühzeitiges Ziehen der Notbremse verhindern können. Das neue Gutachten, das jetzt in dem Prozess gegen drei verantwortliche Ingenieure vorgelegt wurde, widerspricht diesem Vorwurf.

Der Zugbegleiter, so das Papier, habe den Bruch eines Radreifens, durch den der Boden des ersten Wagens aufgerissen wurde, nur als leichte Erschütterung wahrnehmen können, da er sich zu diesem Zeitpunkt im dritten Wagen befunden habe. Auch als ein Passagier kurz nach dem Radbruch zum Schaffner eilte und ihn alarmierte, sei dieser nicht zu einer Notbremsung verpflichtet gewesen. Die Angaben des Reisenden - er hatte lediglich von "etwas ganz Schlimmen" berichtet - seien dazu zu vage gewesen. Der Zugbegleiter habe deshalb zwischen der Gefahr durch den beschädigten Wagenboden und der Gefahr durch eine unnötige Notbremsung abwägen müssen, heißt es in dem Gutachten.

Indem der Schaffner zum ersten Wagen eilte, um sich den Schaden selbst anzusehen, handelte er also nicht gegen die Dienstvorschriften. Ankommen sollte er dort jedoch nicht mehr. Kurz vor Eschede zerschellte der hintere Teil des Zuges an einer Brücke.

Die Ermittlungen gegen den Schaffner waren bereits im Vorfeld des Eschede-Prozesses eingestellt worden. Vor der Strafkammer des Landgerichts in Celle müssen sich seit vier Wochen drei Ingenieure der Bahn und des Radherstellers wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Die Angeklagten sollen die gummigefederten Räder des ICE-Zuges ohne ausreichende Tests auf Bruchfestigkeit und ohne ausreichende Kontrollen auf Risse eingeführt haben.



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