Panorama

Kritik an Essener Tafel

"Hier werden Arme gegen Arme ausgespielt"

Die Essener Tafel nimmt nur noch Neukunden mit deutschem Pass auf - eine heftig umstrittene Entscheidung. Kollegen in Hamburg oder Mannheim haben andere Lösungen gefunden.

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Kunden der Essener Tafel

Freitag, 23.02.2018   17:57 Uhr

Das Konzept ist so simpel wie sinnvoll: Anstatt brauchbare Lebensmittel wegzuwerfen oder zu vernichten, werden sie gesammelt und an Bedürftige verteilt. So machen es Tafeln in ganz Deutschland. Um Lebensmittel zu bekommen, müssen die Empfänger nachweisen, dass sie zum Beispiel Hartz IV oder Grundsicherung beziehen.

Die Lebensmittel gehen an Kinder und Jugendliche, an Alleinerziehende, an Rentner, an Familien. In Essen stieg der Anteil der Migranten an den Tafel-Kunden nach Angaben der dortigen Einrichtung in den vergangenen Jahren auf 75 Prozent an - und das hat, so sieht es zumindest der Essener Leiter Jörg Sartor, zu Problemen geführt.

"Die deutsche Oma oder die alleinerziehende deutsche Mutter haben sich bei uns zuletzt nicht mehr wohlgefühlt", sagte Sartor dem SPIEGEL. Unter Syrern und Russlanddeutschen gebe es "ein Nehmer-Gen", einige würden drängeln und schubsen, es fehle an einer "Anstellkultur". Die Essener Tafel will daher vorläufig nur Neukunden mit deutschem Personalausweis aufnehmen - bis ein ausgewogenes Verhältnis erreicht sei.

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Jörg Sartor

"Absoluter U nfug"

Diese Entscheidung hat heftige Kritik ausgelöst - auch in den eigenen Reihen: "Das vermeintliche 'Nehmer-Gen' kann ich für einige 'Urdeutsche' genauso bestätigen", sagte Sabine Werth, Chefin der Berliner Tafel. Sie sieht in der Entscheidung aus Essen und vor allem in der Begründung eine große Gefahr, weil beides dem Rechtspopulismus Vorschub leiste. "Die Argumentation ist absoluter Unfug und diskriminierend. Das geht gar nicht", sagte Werth dem SPIEGEL.

Wenn es Menschen schlecht gehe, würden sich einige aus der Not nehmen, was sie kriegen könnten - egal welcher Herkunft. "Es gibt bei den Tafeln aber keinen Anspruch, sondern wir machen ein Angebot", betonte Werth. Das müsse sie übrigens auch einigen Sozialbehörden immer wieder deutlich machen, die Menschen zur Tafel schickten. "Wir können Bedürftige unterstützen, aber nicht versorgen. Das ist Aufgabe des Staates."

Auch in Berlin habe man insbesondere seit 2015 vermehrt Flüchtlinge bei den Ausgabestellen. "Aber wir würden nie sagen, dass wir diese Menschen von der Hilfe ausschließen." Die Essener Entscheidung widerspreche den Grundsätzen der Bundestafel, an die sich alle halten müssten: "Es geht nach Bedürftigkeit, das ist das oberste Prinzip." Richtschnur sei ein Einkommen von höchstens 900 Euro pro Monat.

So sieht es auch der Chef der Mannheimer Tafel in Baden-Württemberg, Hubert Mitsch. "Wenn wir da jetzt anfangen, Grenzen zu ziehen, möchte ich keine Tafel-Arbeit mehr machen", sagt er. Es sei seine innerste Überzeugung, Bedürftigen zu helfen, vollkommen unabhängig von der Herkunft.

Großer Zulauf bei den Tafeln

Für Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbandes, zeigt sich an dem Beispiel aus Essen ein fragwürdiger Verteilungskampf unter den Ärmsten der Gesellschaft in Deutschland. "Hier werden Arme gegen Arme ausgespielt", sagte Schneider, und zwar Deutsche gegen Nichtdeutsche. So sei es in ähnlicher Form auch etwa auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Das fördere Rechtspopulismus, lenke aber von dem eigentlichen Problem ab.

Der Zulauf zu den Tafeln zeige, dass eine riesige Zahl an Menschen in Deutschland unterversorgt sei. "Hauptgrund: Die staatlichen Leistungen etwa für Arbeitslose, viele Rentner und Asylbewerber reichen einfach nicht aus, um über die Runden zu kommen", sagt Schneider. Gleichzeitig gebe es einen großen Niedriglohnsektor. Viele Menschen in Deutschland seien trotz Arbeit arm. "Die Politik macht sich einen schlanken Fuß und wälzt das Problem auf die Tafeln ab."

Losverfahren und Punktesystem

"Es wäre besser, wenn es uns nicht geben müsste", sagt der Geschäftsführer der Hamburger Tafel, Christian Tack. "Aber die Not ist so groß, dass wir offenbar dringend gebraucht werden." Immer mehr Menschen sind nach seiner Beobachtung auch in Hamburg auf die Hilfe der Tafel angewiesen - und zwar, so Tack, in steigender Zahl vor allem Rentner.

Die Rente reiche insbesondere bei Witwen oft nicht zum Leben, vor allem angesichts steigender Mietkosten, sagt Tack. "Wenn der Mann stirbt und sie nur noch 60 Prozent der Rente bekommen, ist das für viele fatal. Dann sparen sie am Essen." Gleichzeitig würden Supermärkte weniger Lebensmittel abgeben. Die Folge: Engpässe bei den 26 Ausgabestellen der Tafel.

Auch in Hamburg gibt es deshalb mancherorts einen Aufnahmestopp bei den Tafeln und einen Ansatz, die Zahl der Tafel-Kunden zu reduzieren - allerdings anderer Natur als in Essen. Tack und seine Kollegen haben ein Losverfahren eingeführt. "Manchmal ist der Andrang so groß, dass nicht alle ein Los bekommen. Aber wer eins hat, darf zu einem symbolischen Preis bei uns einkaufen", sagt Tack. Ein gefüllter Einkaufsbeutel sei für bis zu zwei Euro zu haben."Wenn der Andrang besonders groß ist, packen unsere Mitarbeiter die Beutel nicht ganz so voll, damit es für alle reicht."

In Berlin gibt es Werth zufolge derzeit an vier Ausgabestellen einen generellen Aufnahmestopp für Neukunden.

"Es gibt immer mehr Menschen, die ohne uns nicht über die Runden kommen", sagt auch Mitsch in Mannheim. Um den Andrang zu bewältigen, habe man verschiedene Besuchergruppen eingerichtet. "Es gibt ein Farbpunkte-System", sagt Mitsch. Wer einen Tafel-Ausweis mit rotem, gelbem, blauem oder grünem Punkt habe, dürfe jeweils an einem anderem Wochentag einkaufen. "Jeder Kunde darf einmal pro Woche zu uns kommen. Das entzerrt die Sache und wir können jedem Kunden gerecht werden."

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