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Zwangsevakuierte Esso-Häuser: "Ein Teil von mir ist weg"

Von Rainer Leurs und

Mitten in der Nacht mussten die Bewohner der maroden Esso-Häuser in Hamburg raus aus ihren Wohnungen, benachbarte Bars und Clubs wurden geschlossen. Ein Filetstück von St. Pauli ist jetzt Sperrgebiet, und im Raum steht ein Vorwurf: Ließ der Eigentümer die Wohnblöcke absichtlich vergammeln?

DPA

Isa E. wollte gerade einen Film schauen, als er sein Zuhause verlor. Samstagabend auf der Reeperbahn, irgendwann nach elf, seine Eltern schliefen bereits, da bemerkte der 22-Jährige, dass die Polizei im Haus ist. "Machen Sie die Tür auf!", rief eine Beamtin. Isa zog sich noch schnell eine Hose an, öffnete und fragte erstaunt, was denn los sei. Einsturzgefahr, antwortete die Polizistin, "Sie müssen das Gebäude verlassen!" Viel Zeit für Fragen blieb nicht: Isa weckte seine Eltern auf und ließ die Wohnung hinter sich, in der er seit seiner Geburt gelebt hatte.

Rückkehr ausgeschlossen - das ist das Szenario, vor dem seit dem Wochenende etwa hundert Bewohner der sogenannten Esso-Häuser am Hamburger Spielbudenplatz stehen. Sie alle mussten überstürzt ihr Heim verlassen, als das marode Gebäude-Ensemble aus Sicherheitsgründen evakuiert wurde. Zwei Bewohner hatten unabhängig voneinander die Behörden alarmiert und von "wackelnden Wänden" berichtet. Umgehend ließ das Bezirksamt die Häuser räumen - und stellte am nächsten Tag klar: Die Standsicherheit der Gebäude sei "akut und konkret gefährdet", eine Rückkehr in die Wohnungen "sehr unwahrscheinlich".

Die überstürzte Räumung trifft nicht nur die Bewohner, sondern auch viele Gewerbe in der Nachbarschaft. Bars, Clubs, ein Hotel, ein Wachsfigurenkabinett, die namensgebende Esso-Tankstelle - sie alle wurden in der Nacht zum Sonntag dichtgemacht, womöglich für immer. Ein Herzstück des Amüsierviertels St. Pauli ist seit dem Wochenende Sperrgebiet.

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Evakuierung auf St. Pauli: Trauriges Ende der Esso-Häuser
Trauriger Zustand der Häuser lange bekannt

Dabei drohte im nächsten Jahr ohnehin der Abriss, weil das 6190 Quadratmeter große Areal an der Reeperbahn neu bebaut werden soll. Dass es nun aber buchstäblich über Nacht evakuiert werden musste, weil Gefahr für Leib und Leben besteht, sorgt bei vielen für Unverständnis.

Zumal der traurige Zustand der Esso-Häuser in der Stadt bereits seit längerem bekannt ist. Im Juni wurde die Tiefgarage gesperrt, auch die Balkone durften am Ende nicht mehr betreten werden. Ebenfalls im Juni ergab ein vom Bezirksamt in Auftrag gegebenes Gutachten, der "Zustand von nahezu 100 Prozent der Bauteile" sei "kritisch oder grenzwertig". Mitte 2014 wäre die Betriebserlaubnis für die Gebäude erloschen.

Die werden jetzt von Bauzäunen und Absperrbändern umrahmt, Sicherheitsleute bewachen die Eingänge. Die erste Nacht mussten die meisten Bewohner in einer Turnhalle verbringen, mittlerweile sind sie in Hotels untergebracht. Für kurze Zeit durften die Mieter noch einmal in die Wohnungen, um ihre Habseligkeiten herauszuholen. Ein Mann trägt seine Katze in einer Transportbox davon, ein anderer ist mit Frau und Baby zurückgekehrt.

"Die Leute waren aufgebracht"

Christian Najmann kommt schwer bepackt mit Kartons aus dem Haus, in einer Einkaufstüte stecken Jeans und Pullover. 40 Stunden habe er nicht geschlafen, sagt der 33-Jährige. In der Turnhalle sei daran nicht zu denken gewesen. "Es war unbequem und laut, die Leute waren aufgebracht." Vier Jahre lang hat er gemeinsam mit seinem Mitbewohner Robert Majewski im dritten Stock gewohnt. Jetzt sind die beiden nur froh, dass ihre Französischen Bulldoggen "Leon" und "Space" mit ins Hotel durften.

Auch Isa und seine Freundin Maria sind noch einmal zum Haus gekommen. Man tauscht sich über die vergangene Nacht aus, über das fehlende Frühstück und die unbequemen Betten im Hotel. Das liegt wenige Blocks weiter; von ihrem Zimmer aus können Isa und Maria zur alten Heimat hinüberschauen. Den Sonntag wollten sie eigentlich mit der Familie verbringen, gemeinsam spielen und den Nusskuchen essen, der jetzt noch immer auf dem Ofen steht.

Früher, als kleiner Junge, spielte Isa vor dem Hauseingang Fußball. Jetzt kann er nur noch hoffen, seinen Computer bald aus der Wohnung holen zu können. "Es ist schon traurig", sagt er. "Ein Teil von mir ist weg."

Furcht vor überteuertem Lifestyle-Quartier

Vor allem Gentrifizierungs-Gegner kämpfen seit Jahren für den Erhalt der Esso-Häuser. Sie befürchten, dass ein schicker Neubau auf dem Gelände mit hohen Mieten dazu beitragen wird, aus ihrem charmant-verranzten St. Pauli ein überteuertes Lifestyle-Quartier zu machen. Um für den Erhalt der zwei Hochhäuser mit angrenzendem Gewerberiegel zu demonstrieren, gingen am Sonntag dann auch fast tausend Menschen auf die Straße.

Mit dabei: Vertreter der "Initiative Esso Häuser", die unter anderem gegen den Eigentümer Vorwürfe erhebt. "Es ist skandalös, dass Häuser überhaupt in einen solchen Zustand geraten können", sagt Aktivist Steffen Jörg. "Dass Menschen über Nacht aus ihren Wohnungen rausgeholt werden müssen und es keinen Verantwortlichen dafür geben soll, finde ich unglaublich."

Dass sich die Situation nun derart zugespitzt hat, dafür sind nach Auffassung Jörgs vor allem der aktuelle Eigentümer sowie der Vorbesitzer verantwortlich. "Beide haben jahrelang Miete aus den Häusern herausgezogen - und nichts für den Erhalt getan", sagt er. Seine Forderung: "Die Gebäude müssen der BHG aus den Händen genommen werden." Stattdessen solle eine öffentliche Lösung her.

"Die Art und Weise kotzt mich an"

Doch das Münchner Immobilien-Unternehmen kann bei sich keine Schuld erkennen. Im Gegenteil: "Die Art und Weise, wie hier von verschiedenen Seiten Stimmung gemacht wird, kotzt mich an", sagt Bernhard Taubenberger, Chef der Objektgesellschaft für den Spielbudenplatz. Bereits vor drei Jahren hätten Expertisen ergeben, dass eine Sanierung der Häuser nicht möglich sei - schon gar nicht im bewohnten Zustand.

Taubenberger verweist auf die Vorgeschichte der Gebäude, die die BHG 2009 von einem örtlichen Unternehmer übernommen hatte. "Die waren in einem maroden Zustand", sagt er. Saniert habe seine Firma damals nicht - "weil wir gesagt haben: Wir glauben nicht, dass das möglich ist. Wir glauben, dass abgerissen werden muss." Stattdessen habe das Unternehmen kleinere Schäden instandgesetzt und für mehrere hunderttausend Euro Stützen an Balkonen und in der Tiefgarage installiert. "Wenn man uns nun vorwirft, dass wir die Häuser verkommen lassen, dann halte ich das für unlauter", sagt Taubenberger.

Am Montagnachmittag sollten Statiker noch einmal die Bausubstanz untersuchen. Wie es danach für die Betroffenen weitergehen soll, weiß niemand genau. Die Unterbringung in Hotels sei jedenfalls keine Dauerlösung, sagt Taubenberger. "Aber die Leute wollen natürlich wissen, wo sie bleiben."

Geht es nach dem Leiter des Hamburger Bezirksamts Mitte, soll es bald organisierte Umzugstermine geben. Für die Betroffenen suche man mit Hochdruck Ersatzwohnungen, sagte Andy Grote. Er hoffe, dass Mieter und Gewerbetreibende ihr Inventar aus den Häusern holen können. Stünden diese leer, könnten die Wohnblöcke schon im ersten Quartal 2014 abgerissen werden.

Wo Isa dann wohnen wird, weiß er selbst noch nicht. In der Nacht, als er sein Zuhause für immer verlassen musste, sei er auf dem Kiez spazieren gegangen, erzählt er. "Ich hatte keinen Bock auf die Turnhalle."

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1. BHG-Häuser St. Paulis
raber 16.12.2013
so würde ich es nennen, denn BHG ist der Eigentümer; selbt wenn als Esso-Häuser von eingien bekannt. Immer derselbe Trick!
2. Kein Wunder ...
observer2025 16.12.2013
bis zum Jahr 2009 standen die Häuser im Eigentum der Familie Jürgen Schütze, die auch Betreiber der Tankstelle auf dem bezeichneten Gelände sind. Diese haben es zu verantworten, dass sich das Gebäude in dem jetzgen baufälligen Zustand befindet. Sie haben die Mieten kassiert und das Gebäude verkommen lassen. Gefährdete Menschenleben sind offenbar ein kalkulierter Faktor bei der Gewinnmaximierung.
3. Soso
Mannfreed 16.12.2013
Zitat von raberso würde ich es nennen, denn BHG ist der Eigentümer; selbt wenn als Esso-Häuser von eingien bekannt. Immer derselbe Trick!
An anderen Stellen werden Immobilien verkauft, die ZYX gehören. ZYX hat Angst um seinen Ruf und verkauft an die "gfntfhfuz GmbH". Immer derselbe Trick!
4. charmant-verranzt
u.loose 16.12.2013
Wo hat der Autor denn den Ausdruck her? verranzt kenne ich ja noch, aber das verranzt / versifft in einem Satz mit charmant benutzt wird, ist mir neu...
5. Welcher Gewinn?
u.loose 16.12.2013
Zitat von observer2025bis zum Jahr 2009 standen die Häuser im Eigentum der Familie Jürgen Schütze, die auch Betreiber der Tankstelle auf dem bezeichneten Gelände sind. Diese haben es zu verantworten, dass sich das Gebäude in dem jetzgen baufälligen Zustand befindet. Sie haben die Mieten kassiert und das Gebäude verkommen lassen. Gefährdete Menschenleben sind offenbar ein kalkulierter Faktor bei der Gewinnmaximierung.
"Zehn Euro zahlt man hier für den Quadratmeter. Wer einen alten Vertrag hat, zahlt deutlich weniger." Davon kann man nicht mal so einen Dinosaurier Plattenbau erhalten...
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