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Ethikrat-Empfehlungen: Sterbenlassen statt Sterbehilfe

Von Sorana Scholtes

Ein Jahr nachdem der Tod der Amerikanerin Terri Schiavo die Sterbehilfedebatte neu anfachte, legt der Nationale Ethikrat in Deutschland Empfehlungen zum Umgang mit der Sterbebegleitung vor. Besonders befasste sich das Gremium dabei mit der Terminologie des Todes.

Berlin - In einem 60 Seiten langen Schreiben hat der Nationale Ethikrat Empfehlungen zur "Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende" abgegeben. "Es sind keine konkreten Vorschläge, sondern ethisch begründete Empfehlungen", betont Kristiane Weber-Hassemer, Vorsitzende des Nationalen Ethikrates.

Proteste gegen die Sterbehilfe für Terri Schiavo: "Ethisch begründete Empfehlungen"
DPA

Proteste gegen die Sterbehilfe für Terri Schiavo: "Ethisch begründete Empfehlungen"

An dem Gegensatz zwischen Selbstbestimmung, individueller Autonomie sowie Fürsorge und Lebenshilfe entzünden sich die Diskussionen um die Sterbehilfe. Auch der Nationale Ethikrat hat dies zu spüren bekommen. Seine interdisziplinäre Besetzung eröffnete unterschiedliche Zugänge zu dem Thema. Die Folge davon war eine einstimmig verabschiedete Stellungnahme, die aber von verschiedenen Positionen gekennzeichnet ist.

Einig ist sich der Ethikrat über den Umgang mit aktiver Sterbehilfe - sie soll auf jeden Fall strafbar bleiben. Der Rat plädiert auch dafür, den Begriff der aktiven Sterbehilfe aufzugeben und von "Tötung auf Verlangen" zu sprechen. Überhaupt möchte der Ethikrat eine Änderung der bisherigen Terminologie durchsetzen. Die Begriffe "aktive", "passive" und "indirekte" Sterbehilfe seien missverständlich und irreführend. Sie würden die Tatbestände nicht eindeutig definieren.

Besseres Ausbildungsangebot für Ärzte

Die Lösungsvorschläge des Ethikrats: Die Bezeichnung "passive Sterbehilfe" soll durch den Begriff "Sterbenlassen" ersetzt werden. Dadurch soll der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen stärker in den Vordergrund gerückt werden. Die "inaktive Sterbehilfe" hingegen sieht der Ethikrat als keine konkrete Form der Sterbehilfe an. Durch entsprechende Maßnahmen würden nur Leiden gemindert und nicht der Tod herbeigeführt. Der Umgang mit dem Sprachgebrauch steht an erster Stelle, es wird um Definitionen gerungen, die es erleichtern sollen, zu einer Lösung zu gelangen. Je enger man die Tatbestände zu fassen versucht, desto weiter erhofft man sich den Spielraum für Entscheidungen.

Die Empfehlungen des Ethikrates, die zu politischen und rechtlichen Entscheidungen führen sollen, beziehen sich direkt auf den einzelnen Menschen. Jeder unheilbar Kranke und Sterbende habe Anspruch darauf, unter menschenwürdigen Bedingungen behandelt, gepflegt und begleitet zu werden, heißt es. Bei allen Maßnahmen sei der Wille des Betroffenen entscheidend. Jeder Patient habe das Recht, eine medizinische Maßnahme abzulehnen, auch wenn diese Maßnahme sein Leben verlängern könnte.

"Wir haben aber auch gleichzeitig versucht, gesellschaftliche und kulturelle Fragen zu berücksichtigen", sagt Eckhard Nagel, Doktor der Medizin und stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Ethikrates. Das berufliche Selbstverständnis der Ärzte, die dazu ausgebildet wurden, Leben zu erhalten und nicht zu beenden sowie die sozialen Orte, an denen heutzutage das Sterben stattfindet, seien wichtige Kriterien der Diskussion gewesen.

Uneinigkeit über die Rolle der Ärzte

Für Ärzte schlägt der Rat vor, das Angebot an Aus- und Fortbildungen im Umgang mit schwer kranken sowie sterbenden Patienten zu verstärken. Ärzte sollten auch gemäß dem Willen der Patienten lebenserhaltende Maßnahmen begrenzen oder beenden dürfen, ohne strafrechtliche oder berufsrechtliche Sanktionen zu befürchten.

Bei der ärztlichen Beihilfe zum Suizid aber teilen sich die Meinungen der Ratsmitglieder: Die einen sehen dies als einen Widerspruch zum ärztlichen Ethos und lehnen es deswegen ab. Die anderen vertreten die Auffassung, dass es Ärzten möglich sein sollte, einem Patienten bei der Durchführung eines Suizids behilflich zu sein, sofern ein unerträgliches und unheilbares Leiden vorliegt, der Patient noch entscheidungsfähig ist und eindeutig den Willen zum Tod geäußert hat.

Die Orte, wo die Menschen sterben, müssen nach dem Wunsch des Rats mehr ins Blickfeld genommen werden. Pflegeheime, Palliativstationen und Hospize sollten weiter ausgebaut werden, um damit eine ausreichende Versorgung der Todkranken zu gewährleisten. Zusätzlich sollte man Angehörigen ermöglichen, sich für einen bestimmten Zeitraum von der Arbeit freistellen zu lassen, um die Begleitung des Sterbenden zu übernehmen. Solche Regelungen seien in Österreich und Frankreich bereits gegeben.

Einer Einrichtung wie dem schweizerischen Verein Dignitas stehen die Angehörigen des Ethikrates hingegen skeptisch gegenüber. Dignitas bietet seinen Mitgliedern Hilfe bei der Sterbevorbereitung, Sterbebegleitung und auch im Freitod. Die Mehrheit des Rates lehnt eine organisierte Vermittlung der Beihilfe zum Suizid in Deutschland ab.

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