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Evakuierung von New Orleans: Hurrikan "Gustav" vertreibt Hunderttausende

Sie fahren mit Autos, Bussen und Zügen ins Landesinnere: Der herannahende Hurrikan "Gustav" schlägt rund eine Million Menschen im Süden der USA in die Flucht. Der Bürgermeister von New Orleans hat die Zwangsevakuierung angeordnet. John McCain erwägt die Verschiebung des Republikaner-Parteitags.

New Orleans - Ray Nagin rechnet mit dem Schlimmsten. Der Bürgermeister von New Orleans hat die zwangsweise Evakuierung von New Orleans ab acht Uhr Ortszeit (14 Uhr deutscher Zeit) in den Vierteln entlang des besonders gefährdeten Westufers des Mississippi angeordnet. Ab dem Mittag soll auch entlang des Ostufers evakuiert werden.

Nagin bezeichnete "Gustav" als "die Mutter aller Stürme" und warnte die Einwohner davor, den Hurrikan zu unterschätzen. In der Stadt zurückzubleiben wäre "einer der größten Fehler, den Sie in Ihrem Leben machen können". Die Behörden würden keine Rettungsdienste aufrechterhalten, um in der Stadt Gebliebenen zu helfen, betonte Nagin.

Bereits vor der offiziellen Anweisung am Samstagabend machten sich rund eine Million Menschen an der Golfküste mit Bussen, Zügen, Flugzeugen oder Autos auf den Weg ins Landesinnere. Auf den Straßen bildeten sich lange Staus, an Tankstellen ging das Benzin aus. Es wird befürchtet, dass "Gustav" die höchstmögliche Stufe fünf erreichen wird.

McCain: "Festliche Versammlung nicht angemessen"

Der Bürgermeister wies darauf hin, dass die Dämme am Westufer des Mississippis noch nicht fertig gestellt seien. Eine Sturmflut könne die angrenzenden Stadtviertel unter Wasser setzen. Vor genau drei Jahren hatte Hurrikan "Katrina" die tiefliegende Stadt zu 80 Prozent überschwemmt, in der gesamten Region kamen insgesamt 1600 Menschen ums Leben.

Es wird erwartet, dass "Gustav" am Montagnachmittag (Ortszeit) zwischen dem Osten von Texas und dem Westen von Mississippi auf die Südküste der USA trifft. Ölkonzerne schlossen am Samstag die Räumung der Ölbohrinseln im Golf von Mexiko ab. Dort arbeiten normalerweise etwa 35.000 Menschen.

Was die Hurrikan-Stärken bedeuten
Hurrikans werden nach der sogenannten Saffir-Simpson-Skala je nach Intensität in Kategorien von 1 bis 5 eingestuft. Wichtige Merkmale zur Einordnung sind Windgeschwindigkeit und Zerstörungskraft.
Windgeschwindigkeiten von 119 bis 153 Kilometer pro Stunde - minimale Schäden an Bäumen und schlecht verankerten Gebäuden.
Windgeschwindigkeiten von 154 bis 177 Kilometer pro Stunde - Bäume werden entwurzelt und Schilder umgerissen, auch können Hausdächer, Fenster und Türen beschädigt werden. Küstenstraßen werden überflutet, kleinere ungeschützte Schiffe aus der Verankerung gerissen. Bewohnern an Küstenstreifen wird empfohlen, sich in Sicherheit zu bringen.
Windgeschwindigkeiten von 178 bis 209 Kilometer pro Stunde - mobile Häuser werden zerstört, ebenso leichtere Bauwerke in Küstennähe. Der Wind drückt Fenster ein und deckt Dächer ab. Große Bäume werden entwurzelt oder knicken einfach um. Die Überflutungen werden stärker. Ein Küstenstreifen von etwa 400 Metern Breite sollte geräumt werden.
Windgeschwindigkeiten von 210 bis 249 Kilometer pro Stunde - extreme Schäden an Gebäuden. Wohnwagen werden zerstört oder weggeweht. Bauwerke an der Küste werden durch Wind und Wellen schwer beschädigt oder zerstört, tiefer liegende Gebiete überflutet. Massive Evakuierungen sind notwendig. Menschen können zu Schaden kommen oder getötet werden.
Windgeschwindigkeiten ab 250 Kilometer pro Stunde - die Zerstörungen sind katastrophal. Es gibt schwere Überschwemmungen, Häuser werden zerstört oder fortgeblasen. Es gibt massenweise abgedeckte Dächer, zertrümmerte Türen und Fenster. In Küstengebieten sind manchmal große Evakuierungsaktionen erforderlich. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, kann verletzt oder getötet werden.
Um sich von den Vorbereitungsmaßnahmen zu überzeugen, kündigten der republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain und seine Vize-Kandidatin Sarah Palin für Sonntag einen spontanen Besuch in Mississippi an. McCain schloss angesichts des Wirbelsturms auch eine kurzfristige Absage des am Montag beginnenden Nominierungsparteitags nicht aus. "Es wäre nicht angemessen, eine festliche Versammlung zu veranstalten, während eine nahe gelegene Tragödie sich als ein nationales Desaster herausstellt", sagte er dem US-Sender Fox News. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama forderte die Bewohner der von "Gustav" bedrohten Gebiete auf, die Evakuierungsmaßnahmen ernst zu nehmen.

Gustav hatte zuletzt über Kuba gewütet. Von der Insel der Jugend im Westen zog er weiter und befand sich am frühen Sonntag rund 150 Kilometer westlich von Havanna, wie das nationale Hurrikan-Zentrum mitteilte. Auf Kuba zerstörte "Gustav" zahlreiche Häuser und legte in einigen Orten die Stromversorgung lahm. In Carraguao südwestlich von Havanna, wo der Sturm zuerst auf die kubanische Hauptinsel getroffen war, hatte er zufolge zahlreiche Bäume entwurzelt und Strommasten umgeworfen.

Durch "Gustav" kamen in der Karibik in den vergangenen Tagen mindestens 85 Menschen ums Leben.

itz/AFP/AP

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