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Papstschreiben "Evangelii Gaudium": Revolution von oben

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Sein Ideal ist eine "verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist": Papst Franziskus hat mit der Schrift "Evangelii Gaudium" sein Programm vorgelegt. Ziel ist eine offenere Kirche, Gegner das von Konsum geprägte Menschenbild.

Er wisse sehr wohl, so Franziskus in seinem apostolischen Schreiben, "dass heute die Dokumente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden". Was auch immer im Zeitempfinden des Papstes als schnell gilt: Sein eigenes Schreiben kann er nicht gemeint haben.

"Evangelii Gaudium", "Freude des Evangeliums", die erste umfassende programmatische Schrift seines Ponitifikats, ist eine Demonstration seines Mutes, der Kirche eine Radikalkur zu verpassen. "Der Sohn Gottes hat uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen", schreibt er. Jesus, verstanden als Revolutionär, das ist das Vorbild.

Franziskus macht sich auf, das Machtgefüge der Kirche grundsätzlich zu ändern. Und dabei nimmt er sein eigenes Amt nicht aus. Das Papsttum müsse "mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung" entsprechen, fordert er in dem apostolischen Schreiben - um dann Türen und Fenster ganz weit zu öffnen: "Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen 'Dezentralisierung' voranzuschreiten."

"Die Kirche ist keine Zollstation"

Bereits einen Monat nach seinem Amtsantritt hatte Franziskus eine Kommission aus acht Kardinälen einberufen, die eine Kurienreform vorantreiben soll. Unter den Mitgliedern ist auch der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. Seit Oktober werden Dokumente gesichtet und Grundfragen geklärt, wie der Verwaltungsapparat der römisch-katholischen Kirche neu organisiert werden könnte. Konkrete Ergebnisse drangen bisher nicht an die Öffentlichkeit. Die letzte große Reform der Kurie fand unter Papst Paul VI. im Jahr 1967 statt.

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Papst Franziskus: "Mir ist eine 'verbeulte' Kirche lieber"
Nun bahnt sich die nächste an: Franziskus will den Ortskirchen mehr Kompetenzen geben. Sie und die Bischofskonferenzen sollten "Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen (...) einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität" werden. Genauso wie es das Zweite Vatikanische Konzil postuliert hat.

Er will eine Kirche, die sich den Menschen mehr öffnet, die auf sie zugeht. Man denkt an Wiederverheiratete, an Homosexuelle, wenn man die Zeilen liest: "Die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben." Die Türen der Sakramente dürften "nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden". An anderer Stelle schreibt er von "kreativen Methoden", mit denen die pastorale und missionarische Arbeit neu gestaltet werden müsse.

Priesteramt bleibt Frauen verschlossen

Eines wird aber auch Franziskus nicht ändern: Das Priesteramt bleibt den Frauen verschlossen. Das sei eine Frage, "die nicht zur Diskussion steht". Doch zugleich drückt er den Willen aus, dass Frauen dort beteiligt werden, "wo in den verschiedenen Bereichen der Kirche wichtige Entscheidungen getroffen werden".

Weil Franziskus will, dass die Kirche sich möglichst wenig mit sich selbst und viel mehr mit den Nöten der Menschen beschäftigt, widmet er weite Teile seiner Schrift denjenigen, denen er sich von Beginn seines Pontifikats an zugewendet hat: den Armen. Er verortet sie nicht in irgendeiner Unterschicht, denn als solche wären sie ja noch Teil dieser Gesellschaft, wenn auch eben in deren untersten Gefilden. Er nennt sie die Ausgeschlossenen - "ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg". Er spricht sein tiefes Misstrauen gegenüber den Wirtschaftseliten aus. Die Ansicht, dass von einem fortschreitenden Wachstum alle profitieren, "drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten".

Dass ein Papst den Kapitalismus kritisiert, ihn verantwortlich macht für Ungleichheit, Armut und letztlich für Kriege und somit den Tod vieler Menschen, ist sicher keine Sensation. Doch wie er die Kritik vorträgt, wie er die Kirche und seine Gläubigen aufruft zum gewaltlosen Kampf gegen ein System, das alles dem ökonomischen Nutzen unterordne, ist ein neuer päpstlicher Stil. Sein Stil.

"Mir ist eine 'verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist." Das unterscheidet ihn von Benedikt XVI., der Entweltlichung predigte, von vielen verstanden als Rückzug aus einer sinnentleerten Welt.

Attac oder der Heilige Vater?

Franziskus will etwas anderes: Die Kirche dürfe sich nicht abkehren, sie müsse der Welt etwas entgegenstellen, sie müsse missionieren. Franziskus wünscht sich die Gläubigen in einem Zustand der "permanenten Mission, in den wir uns versetzen müssen, um allen Menschen die Liebe Gottes zu bringen".

Wenn Franziskus in seiner Schrift die Liebe Gottes, die "Schönheit des Evangeliums" preist, richtet er sich an die Gläubigen. Doch er beherrscht auch eine andere Ansprache: "Nein zur neuen Vergötterung des Geldes", "Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen", "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung", "Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt". Man fragt sich, ob man hier eine Petition von Attac liest oder eine Schrift des Heiligen Vaters.

"Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ", soll Franziskus einmal gesagt haben. Die Kirche hat einen Papst bekommen, der in der Tradition von Befreiungstheologen spricht, von theologischen Vordenkern, auf deren Nachttischen neben der Bibel "Das Kapital" von Karl Marx lag.

Kardinal Bergoglio hatte der Kardinalsversammlung als Bewerbungsrede eine schonungslose Analyse zum Zustand der katholischen Kirche gehalten. Die Kardinäle wussten, wen sie da zum Papst wählten. Nun nimmt die Revolution Formen an.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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1. Bildunterschrift Foto Nr. 9
Corni 26.11.2013
Genau, alle Frauen haben grundsätzlich immer eine ordentliche "Abreibung" verdient ...
2. eine verbeulte Kirche !
mattoregiert 26.11.2013
das klingt wie Gebrauchtwagen ,alte Gebrauchtwagen,klingt vom Leben gezeichnet , im Miteinander respektiert,klingt einfach wie eine frohe Botschaft..dem darf man eine gute Zukunft wünschen, wegen mir mit Gottes Hilfe!!!
3. da wünsche ich
Stabhalter 26.11.2013
Zitat von sysopREUTERSSein Ideal ist eine "verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist": Papst Franziskus hat mit der Schrift "Evangelii Gaudium" sein Programm vorgelegt. Ziel ist eine offenere Kirche, Gegner das von Konsum geprägte Menschenbild. "Evangelii Gaudium": Wie Papst Franziskus die Kirche reformieren will - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/evangelii-gaudium-wie-papst-franziskus-die-kirche-reformieren-will-a-935782.html)
als überzeugter Atheist dem Pontifex Franziskus gutes Gelingen,aber irgend ein Meuchler wird schon im Vatikan parat stehen und das Seinige tun ,dass alles so bleibt wie bisher gehabt,denn Erneuerungen sind der RKK stets fremd gewesen und wird es auch bleiben.Prunk,Protz und Raffgier sind die drei Säulen des Vatikans.Urbi et Orbi usw.
4. So lange ...
Boracaytaucher 26.11.2013
... die Kirche nicht erkennt, dass die globale Entbannung von Empfängnisverhütung dafür sorgt, dass täglich in Ländern, in denen vor allem die Armen streng an ihre Heilsversprechungen glauben und täglich mehr chancenlose Kinder geboren werden, hat sie für mich jeglichen Anspruch an moderne Lebensrichtlinienkompetenz und Verantwortung verloren.
5. optional
raber 26.11.2013
Papst Franziskus. Wir sind auf Deiner Seite!
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