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Ex-Millionär Rabeder: "Für viele war ich das Geld-Schwein"

Karl Rabeder war reich. Dann stieg er aus: Er versteigerte seine Villa, verkaufte seine Segelflieger, Luxuskarossen, Firma und gab den Erlös für einen guten Zweck. Im Interview erzählt er, wie es sich jetzt mit nur 1000 Euro lebt - und erklärt, was Geld und Glück miteinander zu tun haben.

Ex-Millionär Rabeder: Von der Luxusvilla in die Almhütte Fotos

Es war eine der ungewöhnlichsten Schlagzeilen des letzten Jahres: Mit den Worten "ich möchte, dass nichts übrig bleibt" kündigte der Millionär Karl Rabeder an, sich von seinem Besitz trennen zu wollen. Er verloste seine Villa, knapp 22.000 Menschen erkauften sich für je 99 Euro die Chance, auf 321 Quadratmetern im Tiroler Telfs zu wohnen. Seinen restlichen Besitz verkaufte er, darunter eine kleine Flotte von Segelfliegern.

Den Erlös steckte er in den von ihm gegründeten Verein MyMicroCredit, mit dem er Menschen in der Dritten Welt dabei hilft, sich eine Existenz aufzubauen. Er selbst entschied, künftig mit 1000 Euro im Monat auszukommen. Heute lebt Rabeder in einer 19 Quadratmeter kleinen Almhütte. Er gibt Seminare wie "Glück kann man lernen" oder "Genug Geld zum Glücklichsein".

Im Interview erzählt er, ob der Geschäftsmann in ihm noch weiter lebt, was er aus seinem alten Leben noch vermisst und ob er für weniger Betuchte das "Geld-Schwein" geblieben ist, für das sie ihn früher hielten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rabeder, ist Ihr neues Leben wirklich so toll, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Rabeder: Nein, besser. Vor knapp einem Jahr wurde ein Foto von mir aufgenommen, wie ich vor meiner Villa stehe. Wenn Sie sich das heute ansehen, werden Ihnen zwei Dinge auffallen: Ich sehe auf dem Foto mindestens zehn Jahre älter, traurig und müde aus.

SPIEGEL ONLINE: Der Abschied vom Reichtum als Verjüngungskur?

Rabeder: Materielles spielt keine Rolle, es geht mir besser, weil ich nun das lebe, was ich immer schon hätte leben sollen.

SPIEGEL ONLINE: Also war der Weg, den Sie bis dahin beschritten haben, ein Irrweg?

Rabeder: Am Anfang ist Geld natürlich etwas ganz Tolles. Geld schafft zunächst einmal tatsächlich Freiheit. Ich habe schon als junger Mann gearbeitet, um tun zu können, was mir wichtig ist. Ich habe mit 16 mit dem Segelfliegen angefangen, mit 19 begann ich zu studieren, beides hätten sich meine Eltern nicht leisten können. In dieser Hinsicht ist Geld eine wunderbare Sache, die Türen öffnet.

SPIEGEL ONLINE: Wo also lag das Problem?

Rabeder: Ich dachte: Wenn eine gewisse Summe Geld toll ist, muss zehnmal so viel Geld zehnmal so viele Möglichkeiten eröffnen. Doch das ist ein Irrtum, weil die Freiheit irgendwann zur Unfreiheit wird. Es sammelt sich materieller Besitz an, und gleichzeitig entsteht ein System, das einen nicht mehr loslässt. Wenn der Fokus nur noch auf wirtschaftlichem Erfolg liegt, fehlt das, was Menschsein für mich ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist es?

Rabeder: Zu sich kommen, seine Wurzeln finden, spannenden Menschen begegnen, die aus unterschiedlichen Gesellschafts- und Einkommensschichten kommen. Das habe ich zwar auch als Millionär gemacht. Für diejenigen, die selbst nicht so viel Besitz hatten, schien ich aber besonders abschreckend zu sein, ein Geld-Schwein. Mit diesen Leuten war einfach kein intensiver Kontakt möglich.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Umgang mit weniger Betuchten jetzt tatsächlich entspannter, oder haftet das Image des Geld-Schweins weiter an Ihnen?

Rabeder: Wenn sich jetzt jemand für mich interessiert, kann es nicht mehr des Geldes wegen sein. Mittlerweile bin ich einer von vielen, der Kontakt fällt daher jetzt tatsächlich vielen leichter.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaut heute ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Rabeder: Den gibt es nicht. Die Tage, an denen ich Seminare gebe, haben eine gewisse Struktur. Sonst ist es tatsächlich so, dass ich einfach wach werde, wenn mein Körper wach wird. Dann höre ich in mich hinein und frage mich, wonach mir ist. Meistens beginne ich den Tag mit Qigong. Manchmal kann es sein, dass ich einfach zehn Stunden lang schreibe, weil es gerade so sprudelt. Wenn ich unproduktiv bin, gehe ich in die Berge, auch wenn ich eigentlich einen Abgabetermin einhalten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Geld und Glück einander ausschließen?

Rabeder: Ich glaube, dass der Umkehrschluss richtig ist: Wenn man glücklich ist, braucht man kein oder kaum Geld. Es gibt eine Übung, die ich auch in meinen Seminaren gerne anwende: Schreiben Sie die zehn für Sie wichtigsten Werte auf, und schreiben Sie die Summe in Euro dazu, die Sie dafür benötigen. So kommt man darauf, dass die wichtigsten Dinge im Leben gar keine Dinge sind und dass man sie auch nicht kaufen kann. Ich erlaube mir jetzt, meine Werteliste von oben nach unten zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es irgendetwas, das Sie aus ihrem früheren Leben vermissen?

Rabeder: Lebenszeit. Ich habe 20 Jahre lang gespürt, dass mein Leben, so wie ich es geführt habe, nicht zu mir passte. Und trotzdem habe ich es nicht geändert.

SPIEGEL ONLINE: Hat es jemanden aus ihrem Umfeld gegeben, der sich von Ihnen abgewendet hat?

Rabeder: Nein, vermutlich weil ich mich mit solchen Leuten auch davor nicht abgegeben hätte. Mir ging es immer um den Kontakt von Herzen und nicht darum, unter Meinesgleichen zu sein. Mir waren sehr Wohlhabende immer suspekt, weil ich gemerkt habe, dass sie sich nur über ihren Besitz definieren. Doch dahinter verbergen sich Menschen wie du und ich, mit denselben Problemen und Sorgen. Nur nach außen hin setzen sie sich eine Maske auf, die suggerieren soll: Es ist alles wunderbar, ich bin reich und glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach wie vor sehr umtriebig. Sie geben Seminare, Sie haben ein Buch ("Wer nichts hat, kann alles geben") veröffentlicht. Lebt der Geschäftsmann in Ihnen also doch weiter?

Rabeder: Menschsein heißt nicht, nichts zu tun. Beruf darf ja von Berufung kommen. Wenn ich einem Beruf nachgehe, der mir Spaß macht und mir guttut, übe ich ihn gerne aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag nur auf der Terrasse zu sitzen und die Füße in die Sonne zu halten.

SPIEGEL ONLINE : Kommen Sie mit den Einnahmen aus Ihrem Buch, Ihrer Tätigkeit als Coach und den Beiträgen der Seminarteilnehmer nicht über die 1000 Euro im Monat?

Rabeder: Derzeit sind die Einnahmen nicht so umwerfend. Sollte es tatsächlich einmal mehr sein, weiß ich schon, was ich damit mache. Der Großteil meines Vorschusses für mein Buch ist beispielsweise in den Ausbau von MyMicroCredit geflossen. Ich habe nicht vor, auf meinem Konto Geld anzuhäufen. Mir geht es mit dem jetzigen Zustand zu gut, als dass ich daran etwas ändern möchte.

Das Interview führte Sonja Kainz

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insgesamt 136 Beiträge
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    Seite 1    
1. 1000
blowup 16.11.2011
Na ja, 1000 Euro hört sich nicht wirklih realistisch an. Ich nehme an, als erfolgreicher Unternehmer warder gute Mann privat krankenversichert und muss jetzt ca. 500 - 600 Euro für die Versicherung bezahlen. Wenn dann noch Miete dazu käme, wäre es das schon. Irgendwie eine merkwürdige Geschichte, die man mal kritisch hinterfragen sollte.
2. .
FXTrader 16.11.2011
Irgendwann wird es er das ganze bereuen, da bin ich mir sicher. Geld ist wie eine harte Droge, hat man einmal viel, kann man nicht plötzlich mit wenig leben.
3. ^^
JacksonBlood 16.11.2011
aber, woher kommt der Tausender den er im Monat hatt? Das ist aber eine leichte augenwischerei dann, wenn jemand erzählt, wer hatt sein ganzes Vermögen aufgegeben und dann wird erzählt, man lebe so in den Tag hinein wenn nicht grade ein seminar ansteht. Alleine diese Freiheit ist mehr wert als Mehrere Millionen auf dem Konto. Aber trotzdem muss doch irgendwo das geld für diesen recht freien lebenswandel herkommen - es ist doch egal, ob man nun ohne feste arbeit im Monat 10000 verprassen kann oder mit 1000 auskommt, fakt ist doch, das kaum ein normalsterblicher sich mal eben eine Almhütte holt und "ausser zu seminaren" nach seinem gusto leben kann... was nicht heisst, dass ich dem mann nicht seinen frieden und seine freude gönnen würde.
4. Ein Vorbild
sir.viver 16.11.2011
Diese Seminare sollten fuer Hartz IV Empfaenger eine Pflichtverantaltung sein. So koennte sich die Zufriedenheit und Gelassenheit des Ex-Millionaers auch auf die Seminarteilnehmer uebertragen und vermitteln, dass der materielle Ueberfluss der dt. Konsumgesellschaft nicht gluecklich macht.
5. .
PublicTender 16.11.2011
Pure Askese! "Nur" € 1.000,- im Monat und eine Hütte deren Innenausstattung mancher gerne in seinem EFH hätte. Ohne Neid zu äussern, aber es gibt viele die gerne in solch "kläglichen" Verhältnissen leben würden. Für mich ist Hr. Rabeder jemand der, insgesamt gesehen, im Wohlstand lebt.
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Zur Person
Karl Rabeder, 49, geboren in Linz, ist mit dem Handel von Wohnaccessoires reich geworden. Mit Anfang 30 war er Millionär und beschäftigte zeitweilig 400 Angestellte. Er besaß ein Villa, mehrere Segelflugzeuge und teure Autos. Bis er sich entschloss, ein neues Leben zu beginnen. Er gründete eine Non-Profit-Organisation, die Mikrokredite an Arme in der Dritten Welt vergibt und trennte sich von seinem Besitz.


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