Ex-Rebell im Chat "Es gibt 68er, die einem auf die Nerven gehen"

Kindermangel, Drogen, Familienkrise und Bildungsnotstand - alles die Folgen von 68? Im Chat diskutierten SPIEGEL-ONLINE-Leser mit dem Autor und Ex-Rebellen Cordt Schnibben über Illusionen und Träume einer Generation: "Die Welt nach 68 ist nicht besser geworden."


"Eigentlich fingen wir damals alle als Hippies an", sagt SPIEGEL-Ressortleiter Cordt Schnibben im Chat zum Thema 68er.

68er Cordt Schnibben (5. v. r.): "Time is on My Side"
Edgar Einemann

68er Cordt Schnibben (5. v. r.): "Time is on My Side"

Welche Rolle spielte der Tod Rudi Dutschkes, wie hielten es die 68er mit dem Sozialismus und was waren ihre Irrtümer - beim Chat zum aktuellen SPIEGEl-Titel "Gnade für die 68er"berichtet Schnibben, "was damals wirklich los war". "Das Gerede von den 68ern ist Quatsch", so Schnibben. "Wir brauchen keine Stereotype, um uns zu erklären."

Ex-Rebell: "keine gemeinsame Stimme"
Dirk Eisermann

Ex-Rebell: "keine gemeinsame Stimme"

Offen äußert er sich zu seiner Kindheit und Frauen: "Ich als Junge habe das Verhältnis zum anderen Geschlecht, neben allem Überbaugequatsche, als sehr anstrengend empfunden, weil wir uns auf die Fahnen schrieben, auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau neu erfinden zu müssen." Dennoch seien viele nach Enttäuschungen, Irrwegen und Experimenten wieder in der bürgerlichen Ehe gelandet: "Ich zum Beispiel bin seit neun Jahren verheiratet, und wir haben zusammen fünf Kinder."

Schnibben erzählt, wie sein neues Buch "I can't get no - ein paar 68er treffen sich und rechnen ab" entstand, berichtet von seinem Treffen mit 16 Freunden aus der alten Zeit: "Wir haben geredet, bis die Sonne aufging" - über ihre Träume und Illusionen. Schnibben bekennt: "Die Welt nach 68 ist nicht besser geworden."

Aber glaubten die 68er damals wirklich, die Welt verändern zu können? "Ja, weil wir ja nicht nur in Deutschland rebellierten, sondern in Frankreich, in Italien, in den USA, in Südamerika, in Japan und anderen Ländern", sagt Schnibben. Der Krieg in Vietnam: "Ein gemeinsamer Punkt" der jugendlichen Rebellion. Doch Schnibben betont, dass es auch eine kulturelle Bewegung war: "Popmusik, Kultur, Kleidung, all das wurde verändert und gab uns das Gefühl: 'Time is on My Side'."

Was ist aus ihnen geworden, den Rebellen? Die 68er - alle zahnlos und zahm? Schnibben zufolge sind sie heute links, rechts, konservativ oder unpolitisch und haben daher "keine gemeinsame Stimme in diesem Debattenzirkus".

Ebenfalls im Chat diskutiert wurde die Frage, weshalb die 68er heute so negativ gesehen werden. Schnibben argumentiert, dass konservative Autoren wie Udo di Fabio und Eva Herman die 68er als Feindbild gebrauchen würden.

Ein weiterer Grund: Die 68er scheiterten, denn was als positive Entwicklung in den Sechzigern begann, kippte "in den siebziger Jahren ins Ideologische, Dogmatische und auch Gewalttätige. Das ist das Versagen der 68er."

Die 68er - Oberlehrer und totale Spießer? "Ja", meint der Autor. "Es gibt 68er, die einem auf die Nerven gehen." Besonders dann, wenn sie den Heranwachsenden vorwerfen würden, sie seien nicht politisch genug und darüber vergessen, "dass auch sie nicht als hochpolitische Jugendliche anfingen zu rebellieren". Außerdem herrschten heute ganz andere Bedingungen: Die Regierungen seien heute viel "geschickter, toleranter, flexibler, so dass solche Konflikte nicht mehr so eskalieren wie damals", meint Schnibben.

Hier geht es zum aktuellen Chatprotokoll

Im Forum "68er" können Sie weiterdiskutieren


Lesen Sie zum Thema in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL (44/2007, Seite 74) über Stolz und Schuld der 68er - 16 Rebellen diskutieren über eine Generation und die Folgen:"Es war nicht alles schlecht" - Gnade für die 68er.



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