Ehemaliger NPD-Spitzel "Ihre Familie sehen Sie dann nie wieder"

Konspirative Treffen im Auto, auf Parkbänken und an Autobahnraststätten: Drei Jahre lang war Lars König V-Mann für den Thüringer Verfassungsschutz, lieferte Informationen aus der NPD. Für den Fall, dass er aufgeflogen wäre, gab es einen Notfallplan - mit Fluchtpunkt Mallorca.

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Rechtsextremer Aufmarsch: "In der NPD lacht man über den Verfassungsschutz"
dapd

Rechtsextremer Aufmarsch: "In der NPD lacht man über den Verfassungsschutz"


Ein grüner Opel hält vor dem Haus in einer Thüringer Kleinstadt, ein Mann steigt aus, klingelt und bittet Lars König*, nach unten zu kommen. König ist damals NPD-Funktionär, er setzt sich neben den Fremden auf den Beifahrersitz, so erinnert er sich heute. Er sei vom Staatsschutz, erklärt ihm der Unbekannte und fragte, ob sich König vorstellen könne, Informationen aus der Partei weiterzugeben. Zahlen könne man ihm für den Verrat allerdings nichts, man sei ja "schließlich nicht der Verfassungsschutz".

König lehnt ab.

Monate später habe sich ein Verfassungsschützer auf seinem Handy gemeldet, sagt König. Die Männer verabreden sich in einem Restaurant am Rande der Stadt. Der Schlapphut spricht von Honoraren, die König bekäme, wenn er Interna aus der Parteizentrale weitergeben würde. König lässt sich weichkochen.

Zwei Wochen später wird er an eine Tankstelle bestellt, sein Handy soll er zu Hause lassen. Ein silberfarbener Volvo mit Autokennzeichen für den Ilm-Kreis hält neben ihm, König steigt ein. Beim Losfahren scheppern im Kofferraum mehrere Wechselkennzeichen.

Im Hotel Ilmtal in Weimar lädt der Verfassungsschützer zum Essen ein. König wählt Steak. "Ich habe mir einfach das Teuerste auf der Karte ausgesucht", sagt König. "Das hatte mir der vom Verfassungsschutz so aufgetragen. Er selbst meinte, das mache er auch so."

Nach dem Steak muss König Geheimhaltungserklärungen unterzeichen, mit denen er sich verpflichtet, keine weiteren Personen in seine Tätigkeit für den Verfassungsschutz einzuweihen - nicht einmal seine Ehefrau. Er bekommt erst den Decknamen "Adrian"*, später den Namen "Herakles"*. König kann sich das Lachen nicht verkneifen. "Ein Name aus der griechischen Mythologie, wie albern!"

König hat dunkles Haar, unter seinen kleinen Augen liegen dunkle Schatten. Kette rauchend sitzt er in einem Sessel, auf dem Bezug liegt eine gelbe Decke zum Schutz. Er trägt ausgelatschte Hausschuhe, Jeans, buntes Sweatshirt. Immer wieder muss er schmunzeln, wenn er sich an seine Zeit als V-Mann erinnert.

"Castrop-Rauxel statt Bora Bora"

Für den Fall, dass König enttarnt würde, trichtert ihm der Fremde im Restaurant den Notfallplan ein: Sofort den Verfassungsschutz informieren und das Kennwort nennen, das er jetzt auswählen muss und nie vergessen darf. Zwei Stunden nach diesem Anruf soll er dann an der Raststätte Autobahnabfahrt Hermsdorf Ost aufschlagen. Dort werde er von einem Spezialtrupp abgeholt und in Sicherheit gebracht, erklärt ihm der Verfassungsschützer. Danach folge eine Art Zeugenschutzprogramm.

Wohin er in solch einer Ausnahmesituation gebracht werden wolle, habe ihn der Beamte gefragt. Er könne sich ein beliebiges Ziel aussuchen. König entscheidet sich für Mallorca. Warum? "Weil es da schön ist", sagt König von Rauchschwaden eingenebelt. "Vermutlich hätte man auch Bora Bora sagen können, gelandet wäre man dann in Castrop-Rauxel oder sonst wo." Er kichert. "Ich war echt naiv."

Versorgt mit Anweisungen und geheimen Prozedere liefert der Verfassungsschützer König zu Hause ab. Erste Zweifel machen sich breit, als er sich zu seiner Familie an den Tisch setzt. Sollte er als V-Mann auffliegen, wäre dieses Leben vorbei. "Ihre Familie sehen Sie dann ohnehin nie wieder", soll der Mann ihm eingebläut haben. Würde er nach Mallorca wollen, ohne seine Frau, ohne seine Kinder?

König verdrängt den Worst Case.

Einmal pro Woche, manchmal auch alle zwei Wochen trifft König seinen Aussagen zufolge seinen V-Mann-Führer. Der nennt sich "Lutz" und bestellt seinen Informanten meist an Tankstellen, wo er ihn aufpickt. Gemeinsam fahren sie an eine Stelle, die als "sicher" gilt. Die Regel lautet: Nie zweimal am selben Ort.

Sie tagen in Gaststätten, im Auto, auf Parkbänken im Wald. König sagt von sich selbst, er sei ein "treuer Informant" gewesen. Er habe seinem V-Mann-Führer gesteckt, was die NPD für Aktionen plane, habe Interna aus der Partei preisgegeben, Dokumente besorgt, Auftragsjobs erfüllt.

Im Gegenzug bekommt König nach eigenen Angaben "Aufwandsentschädigungen" zwischen 80 und 120 Euro. Der höchste Betrag, der ihm ausgezahlt worden sei, seien 220 Euro gewesen. Die Geldübergabe erfolgt nach dem immer gleichen Ritual: "Lutz" überreicht seinem V-Mann ein Kuvert, zieht einen Quittungsblock aus dem Handschuhfach, auf dem König mit seinem Decknamen den Empfang bescheinigen muss. Einen Durchschlag für König gibt es nicht.

"In der NPD lacht man über den Verfassungsschutz"

Durch die häufigen Treffen entsteht in drei Jahren ein Vertrauensverhältnis zwischen dem V-Mann und seinem V-Mann-Führer. "Lutz" habe ihn fast gebremst, er solle nicht so fleißig sein, behauptet König. "Ihr sichert unsere Arbeitsplätze, wenn ihr nicht so schnell liefert", habe dieser gescherzt.

Wenn er heute hört, was Verfassungsschützer im Rahmen der NSU-Ermittlungen in den Untersuchungsausschüssen von ihrer Arbeit berichten, vermutet König, dass in diesen Worten ein Funken Wahrheit lag.

Und noch einen Verdacht hat König: Wie authentisch ein V-Mann berichtet, kann der Verfassungsschutz nicht wirklich einschätzen. Eine Theorie, die sich König vielleicht auch zugelegt hat, um das Honorar zu begründen, das er kassierte. Anders als V-Leute wie Tino Brandt und Thomas Dienel, die ein Salär von 200.000 und 25.000 D-Mark bekommen haben sollen, habe er weder Auto noch Computer oder horrende Summen kassiert.

"Ich habe die komplette Kohle eingesteckt und nicht wie Brandt und Dienel in die Szene investiert, vielleicht hätte ich mehr absahnen können, wenn ich ein doppeltes Spiel betrieben hätte", orakelt König. Laut Helmut Roewer, von 1994 bis 2000 Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, wurden unter seiner Ägide etwa 1,5 Millionen Euro in bar für "nachrichtendienstliche Zwecke" ausgegeben.

König behauptet, "der normale V-Mann bei der NPD" weihe den Parteivorstand ein und gebe einen Teil des Honorars an die Partei. Er habe das selbst mitbekommen, dass Spitzel so verfahren seien. Und die, die sich nicht anvertrauten, würden intern dennoch auffliegen. "Da reicht ein Anruf", habe ihm ein NPD-Funktionär mal gesagt. Entsprechend kurz gehalten werde solch ein Spitzel dann mit Informationen. "In der NPD lacht man über den Verfassungsschutz", sagt König.

Das Doppelleben setzte König zu. Nach nur vier Wochen hatte er bereits seine Ehefrau eingeweiht. Sie habe ihn unterstützt und sich an einen Neonazi herangewanzt, der durch einen emotionalen Tiefschlag redselig gewesen sei und aus der Szene geheime Aktionen ausgeplaudert habe. König sagt, er habe alles artig weitergegeben.

Aus privaten Gründen kehrte König der Partei den Rücken, zog mit seiner Familie ans andere Ende von Thüringen und sagte "Lutz", seinem V-Mann-Führer, er wolle deaktiviert werden. Der habe Verständnis für die Entscheidung gezeigt. Bei einer letzten Begegnung musste König erneut Geheimhaltungspapiere unterschreiben, sagt er. Zum Abschied habe er noch einmal 120 Euro Aufwandsentschädigung bekommen. Ohne eine Information überbracht zu haben.

*Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
woswoistndu 18.09.2012
1. selbstverständlich
lacht die NPD über den VS, aber aus schwerwiegenderem Grund: es werden gezielt drittrangige oder sonstig minderwertige Informationen über die V-Männer gegen Steuergelder weitergegeben. In meinen Augen Grund genug nicht nur die NPD sondern auch gleich den VS mit zu verbieten.
taggert 18.09.2012
2. ...
Was soll denn der letzte Sinn befreite Satz? Steht da nicht normalerweise einfach nur das die Namen abgeändert wurden? ... aber diesmal steht da: "*Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt." Ou ha! Wer hätte das gedacht. Oder was das eine geheime Message an die NPD? ;)
MünchenerKommentar 18.09.2012
3. billigjob
Also ich würde da mindestens das zehnfache verlangen. Gute Arbeit kostet schließlich, und ein gewisses Risiko ist da auch dabei ...
KarlFaktor48 18.09.2012
4.
Der Verfassungsschutz und die NPD, da hatten unsere Räuber und Gendarm-Spiele im Alter von 10 Jahren ein beträchtlich höheres Niveau. Da haben sich echt 2 gefunden.
euroberliner 18.09.2012
5. Hat sich denn...
...noch niemand überlegt, das V-Leute sowieso unsinnig sind. Wenn eine Person, selbst kein überzeugter Nazi ist, kann Er doch auch nicht eingesetzt werden. Er würde sofort auffallen. Warum sollten die V-Leute, Ihre Kameraden ausspähen? Wo ist da die Logik? Aber wer verlangt schon, dass Politiker logisch denken.
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