Exotische Geschäftsidee Der Schlussmacher

Tränen, Flehen, Verzweiflung: Wenn eine Liebe endet, fällt der Schlussstrich selten leicht. Aber man kann es sich leichter machen - mit Geld: Bernd Dressler regelt das Beziehungsende ziemlich professionell. Und ohne Skrupel.

Von Almut Steinecke


Berlin - "Einer hat mir richtig leidgetan", sagt Bernd Dressler. "Das war ein Beamter, der so festgefahren war in seinem Lebensstil. Seine Freundin wollte deshalb die Trennung."

Ihre Bestellung bei Dresslers ganz besonderem Beziehungs-Service: "ein freundlich ausgesprochenes Kontaktverbot über einen Zeitraum von vier Wochen". Dressler tat, wie ihm geheißen. Als er den Beamten besuchte und ihm die Botschaft überbrachte, sah der ihn an "wie ein Teddy". Und bestürmte ihn fassungslos: Das ist doch jetzt ein Scherz?!? Ist das wirklich ernst gemeint? Ist da nichts mehr zu machen?

Nein. Nicht, wenn Bernd Dressler kommt. Wer zu ihm kommt, hat sich entschieden: Es ist Schluss - nur fehlen die Kraft oder der Mut, selbst Schluss zu machen. Das ist dann Dresslers Job.

Rund 120 Aufträge hat der Berliner schon ausgeführt, also 120 Beziehungen professionell beendet. Sein Schreibtisch steht im Dachzimmer in einer Bürogemeinschaft in Berlin-Zehlendorf. Das Telefon klingelt "drei- bis viermal am Tag".

Dressler bietet den Anrufern vier Trennungspakete an: entweder Paket 1, "Lass uns Freunde bleiben", mit einer "einfühlsamen Gesprächsführung am Telefon" für "nur 19,95 Euro". Oder das preisgleiche Paket 2, "Lass mich in Ruhe: bestimmt, konsequent mit Kontaktverbot". Oder für nur zehn Euro mehr Paket 3, "schriftliches Schlussmachen" mit einem "Brief nach Ihren Angaben und Wünschen". Am teuersten ist Paket 4: "Persönliches Schlussmachen mit einem Gespräch vor Ort von sanft bis unbarmherzig nach Ihren Vorgaben". Der Preis ist nach oben offen: "ab 49,95 Euro".

Paket 3, der Brief, ist so gut wie gar nicht gefragt. Schriftlich Schluss zu machen, trauen sich die meisten offenbar selbst. Das persönliche Gespräch geht besser - am beliebtesten ist aber der Trennungsakt per Telefon.

Nur gegen Vorkasse, nur schriftlich, nur undramatische Fälle

Ist ein Kunde interessiert, nimmt Dressler den Auftrag "immer nur gegen Vorkasse" und schriftlich entgegen. Vor allem aber muss der Kunde vor Abschluss zwei Kategorien einstufen: "Gewaltneigung" und "emotionale Erregbarkeit" des Partners. Ist eines davon hoch, "sortiere ich diesen Auftrag sofort aus", sagt Dressler. Zwischenfälle will er vermeiden, deshalb auch führt er persönliche Schlussmach-Gespräche "ausschließlich im Treppenhaus". Im Schutz der Halb-Öffentlichkeit sozusagen.

Bernd Dressler sichert sich so gegen die größeren Dramen ab. Nur manchmal berührt ihn ein Fall etwas tiefer, zum Beispiel bei dem Beamten. Trotzdem, sagt er, plagen ihn keine Skrupel: "Kündigungsgespräche mit Mitarbeitern gehen wesentlich stärker ans Eingemachte." Die Trennung sei oft "innerlich vollzogen, wenn die Kunden zu mir kommen". Und die Entscheidung zur Trennung habe er ja nicht zu vertreten - weder emotional noch moralisch. Für ihn ist es einfach ein Job. Dressler war ein arbeitsloser Versicherungsfachwirt, als er im Mai bei eBay auf das Geschäftskonzept stieß. Er wollte sich selbständig machen und ersteigerte das Konzept einer Trennungsagentur für ein paar hundert Euro. Was für seine Kunden der Abbruch einer Liebe ist, das ist für Dressler der Aufbruch in eine neue Existenz.

Auch Studentin Cara, 26, hat die Dienste des Schlussmachers in Anspruch genommen. Sie lebte in einer glücklichen Beziehung mit ihrem Kommilitonen Arne - dachte sie. Bis sie durch eine andere erfuhr, dass ihr Herzensmann notorisch fremdgeht. Eines Tages tauchte ein aufgeregtes Mädchen in dem Antiquitätenladen auf, in dem Cara jobbt, und erzählte ihr, sie sei beileibe nicht die einzige Frau in Arnes Leben. Die Studentin forschte nach: Freunde und Bekannte bestätigten ihr, dass Arne "alle drei Minuten mit einer anderen knutscht".

Sogar die Sachen, die noch beim Ex liegen, werden abgeholt

Cara war am Boden zerstört. So schnell sie sich verliebt hatte, "so schnell wollte ich Arne wieder loswerden". Ein persönliches Gespräch - darauf kam sie gar nicht mehr. Das erledigte Bernd Dressler für sie. Erst kam ihr dessen Angebot im Internet wie "ein Riesenscherz" vor. "Aber im Nachhinein kann ich sagen: Das war jeden Cent wert." Rund 80 Euro hat es gekostet. Dafür holte Bernd Dressler für sie sogar alle persönlichen Sachen aus Arnes WG-Zimmer.

Arne hat danach bis zu 20 SMS pro Tag an Cara geschickt. Sie ignorierte die verzweifelten Kontaktversuche ihres Ex-Freundes einfach. Für sie war die Sache gegessen. Dank Schlussmacher.

Bernd Dressler ist nicht der einzige Schlussmacher. Aber er hat sich einen Panzer gegen die emotionalen Tiefen des Jobs zugelegt, der anderen fehlt. Florian Aichhorn, 26, Webdesigner aus Traunstein, zum Beispiel hatte im September 2005 den Service Schlussmachen.com im Internet gegründet. Er hielt bis zum zweiten Auftrag durch. Da bat ihn ein Mann, an seiner Stelle die Beziehung zu seiner schwangeren Frau zu beenden.

Der Mann wollte keine Kinder - und sich mit Aichhorns Hilfe sprichwörtlich aus der Affäre ziehen. Aichhorn: "Da habe ich gesagt, bis hierhin und nicht weiter." Er sagte alle Aufträge ab, münzte seine Website in eine Satire-Seite um und versteigerte sie im Januar schließlich bei eBay für satte 7061,21 Euro. Aichhorn findet es "schwach", dass sein Konzept heute einfach kopiert wird, aber weniger aus gekränkter Ehre - sondern wegen ethischer Bedenken. "Mir ist damals schnell klar geworden, dass ich unterschätzt habe, wie tief das gehen kann", sagt Aichhorn. "Da braucht man nur mal einen labilen Menschen erwischen, dem man seelischen Schaden zufügt - und der sich anschließend was antut."



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