Elterncouch

Elterncouch Das große Rollentausch-Experiment

Wenn der Affe zum Tiger wird: Heilsamer Perspektivwechsel
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Wenn der Affe zum Tiger wird: Heilsamer Perspektivwechsel

Von Juno Vai


Einen Tag lang mal wieder Kind sein? Oder endlich tun, was sonst nur Erwachsene dürfen? All das ist möglich, wenn Eltern und Kinder Rollen tauschen. Ein Erfahrungsbericht - Erkenntnis inbegriffen.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Ein Sonntagmorgen in der Provinz: Die Luft ist kalt und schon ein bisschen frühlingssüß. Ein Trecker knattert vorbei, obendrauf ein popelnder Junge, der mich grimmig anschaut. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs zur Dorfkirche. Nicht, weil ich besonders gläubig bin, sondern weil meine Tochter es mir aufgetragen hat. Grund ist das Experiment.

"Wollt ihr mal einen Tag lang wir sein?", hatten mein Mann und ich die Kinder gefragt, und sie hatten nur kurz gezögert. Bis sie die Vorteile erkannten. "Dann guck ich den ganzen Tag Filme ab 16", rief der zehnjährige Vito begeistert. "Dann bist du dran mit Katzenklo saubermachen!", frohlockte Vic, 13. Leider ja. Außerdem war ich dran mit:

  • um 7 Uhr aufstehen und Frühgymnastik machen (verrückt, aber die Sonntagsroutine meiner Tochter)
  • YouTube-Videos gucken und laut mitsingen
  • den kleinen Bruder zusammenfalten (mehrmals täglich)
  • Klavier üben
  • Wäsche einsortieren
  • blitzschnell bei Freunden abtauchen
  • Hausaufgaben in gefühlt 17 Fächern erledigen
  • sich als Konfirmandin die pomadigen Reden des Pfarrers anhören

Bei so einem Rollentausch soll ja der Einzelne eine neue Perspektive einnehmen, um sich selbst und den anderen besser zu verstehen. Es geht darum, Automatismen zu durchbrechen und Fehleinschätzungen zu korrigieren.

Die erste Überraschung erwartete mich schon in der Kirche: Der Laden war voll. Ältere Menschen, Zugewanderte, kleine Kinder. Der blinde Organist spielte ein äußerst eigenwilliges, dissonantes Intermezzo. Geradezu funky. Die Predigt des Pfarrers war überhaupt nicht langweilig, sondern inspirierend. Es ging um Buße, um die Notwendigkeit, neue Wege zu beschreiten und anders zu denken - ein bisschen wie bei unserem Experiment.

"Ja klar, wenn der Pastor gut drauf ist, ist das voll spannend", sagte Vic später lakonisch. Ihre Rolle als Mutter erledigte sie - wie alles andere sonst auch - gewissenhaft. Sie buk Pfannkuchen zum Frühstück, scheuchte ihren "Sohn" (also meinen Mann) durch die Gegend, befahl ihm, nicht ständig dazwischenzuquatschen und sich endlich mal anzuziehen. Der trommelte unbeeindruckt auf der Tischkante herum und warf beim Bottle-Flip die Smoothie-Flasche so gekonnt auf eine Gabel, dass diese durch die ganze Küche sprang. "Jetzt reicht's!" rief "Mutter".

Mein Mann genoss seine Rolle als jüngstes Familienmitglied sichtlich, entband sie ihn doch von lästigen Pflichten und Verantwortung. Er schlief bis in die Puppen, musste lediglich ein paar YouTuber-Videos angucken und mäanderte ansonsten durch den Tag. Ab und zu rief er vorwurfsvoll "Boh, ist mir langweilig" in die Runde. "Nur Langweilern ist langweilig", dozierte "Mutter" Vic.

Das Mittagessen fiel aus, auch Aufräumen fanden unsere Kinder als Eltern eher unwichtig. Vito amüsierte sich dafür prächtig in der Vaterrolle. Als er Klamotten auf dem Fußboden seines Zimmers entdeckte, kickte er sie vorwurfsvoll zur Seite und rief: "Was ist das überhaupt für ein Mist hier?"

Die Echoisierung nahm ihren Lauf. Mein Mann leidet unter einer minderschweren, aber sehr vergnüglichen Form des Tourette-Syndroms: Wenn er mit unserer Katze kuschelt, entfahren ihm Koseworte in einer uns unbekannten Sprache. Vito schnappte sich also ebenfalls den Kater und gurrte: "Du Mölm, du Wollerent, ich froker dich!" Großes Gelächter!

Wenn mein Mann als "Sohn" nicht sofort spurte, sagte Vito: "Bah, du bist zu faul, ich geh allein in den Garten." Dann verschwand er und hakte doch tatsächlich freiwillig Laub! Später gingen wir alle raus, um an der Scheunenwand Squash zu spielen. Da rutschten wir sofort in unsere echten Rollen, wohl weil rohe Körperkräfte am Werk waren.

Allesamt jonglierten wir ein bisschen mit unseren eingefahrenen Familienmustern. "Immer lobst du nur Vito, immer bis du auf seiner Seite", imitierte ich die Standard-Vorwürfe meiner Tochter. "Ihr sollt euch nicht vergleichen, jeder ist anders, und ich hab euch beide lieb", spulte Vic meinen Muttertext ab - und wir lachten beide los, weil das echt abgedroschen klang.

Ich will nicht Vito sein!

Unser Abschlussgespräch offenbart wichtige Erkenntnisse. "Ich will nicht Vito sein", sagt mein Mann. "Alle finden mich total süß, aber keiner nimmt mich für voll. Dabei will ich doch ernst genommen werden." Heftiges Nicken beim Sohn. "Vito erfüllt seine Rolle als Kleinster, aber vielleicht will er das gar nicht", fährt mein Mann fort. Er habe außerdem verstanden, dass er als Vater nicht immer so streng sein dürfe. "Ich meckere zu viel, das lässt gar keinen Raum für Entwicklung."

Das YouTuber-Gequatsche sei ihm fürchterlich auf den Geist gegangen, sagt mein Mann. Und auch mit dem Abhängen habe er Probleme gehabt. "Ich habe gern Aufgaben. Wenn ich die ganze Zeit rumliege, fühle ich mich total unnütz."

Papa ist ein Mysterium

Der überzeugte Stubenhocker Vito kann dem Experiment Gutes abgewinnen: "Es hat sich gelohnt, draußen zu arbeiten, die Luft hat so gut gerochen", meint er.

Dennoch ist auch Vito lieber er selbst: "Vater sein ist blöd." Immerzu an alles denken, verantwortlich sein. Besonders nervig sei es gewesen, als ihn sein "Sohn" beim Mathelernen permanent mit Fragen gelöchert habe. "Was ist ein Parallelogramm? Und was eine Raute?" Das sei einfach mega anstrengend gewesen. Wenn er erwachsen sei, werde er seine Kinder "sehr früh sehr streng behandeln", damit das "Papa, sag mal"-Gefrage aufhöre. "Aber Kinder stellen immer Fragen", wende ich ein. "Dann sind Kinder auch blöd", sagt Vito.

Die Papa-Rolle sei ihm insgesamt nicht so gut gelungen, meint er selbstkritisch. "Ich kenne Papa nicht. Er ist ein Mysterium."

Mamas Leben ist langweilig

Vic sieht das genauso: "Vito war nicht Papa. Und Papa war nicht halb so nervig wie Vito es normalerweise ist." Das Leben ihrer Mutter - also meins - fand sie unfassbar langweilig. "Das ertrag ich nicht, ich brauch Bewegung, Action. Ich will auf keinen Fall so werden, wenn ich erwachsen bin."

Außerdem hat Vic als Mutter ihre Tochter vermisst. "Du warst irgendwie immer weg", sagt sie zu mir. "Das geht mir normalerweise genauso, du bist auch oft weg", sage ich. Vic verspricht, in Zukunft häufiger etwas mit der Familie zu unternehmen.

Nicht peinlich, aber beschämt

Für mich war der Blick in den Spiegel nicht wie befürchtet peinlich, sondern vertraut und teilweise sogar vergnüglich. Wir alle scheinen unsere Macken ganz gut zu kennen und sie mit Humor zu nehmen.

Erstaunt hat mich, welch gute Schauspieler meine Kinder sind. Und ich habe Ehrfurcht vor meiner Tochter, die ihren Sonntag so stringent durchplant, dass sie viel mehr auf die Reihe kriegt als ich. Auch, weil sie sich nicht mit Multitasking verzettelt.

Und wenigstens in einem Punkt verstehe ich meine Tochter nun auch besser. Ich war sehr gerührt, aber auch beschämt, als Vic sagte: "Ich hatte eigentlich gehofft, du würdest durch den Tausch meine Gefühle besser verstehen. Die schlimmen Gefühle. Du sagst manchmal, ich steigere mich da hinein. Es wäre schön gewesen, wenn du die mitgefühlt und mich dadurch besser verstanden hättest."

"Experiment gelungen, Lerneffekt setzt ein", dachte ich schuldbewusst. Und versprach: "Ich versuche das ab jetzt."

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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