Experte "US-Verhältnisse auch in Deutschland"


Meißen/Bielefeld - In Deutschland ziehen in Sachen Jugendgewalt nach Ansicht des Jugendforschers Klaus Hurrelmann "langsam amerikanische Verhältnisse ein". Zwar seien der Mord an der Lehrerin in Meißen und der Amoklauf des 16-Jährigen in Bad Reichenhall extreme Taten, sie zeigten aber, "dass es in unserer Gesellschaft eine deutliche Unfähigkeit gibt, mit den Problemen des Erwachsenwerdens und der damit zusammenhängenden Aggressivität der Jungen zurecht zu kommen", sagte der Professor der Universität Bielefeld am Mittwoch in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Die Fälle von Meißen und Bad Reichenhall sind extreme Beispiele von misslungener Bewältigung von Pubertätsproblemen."

Am Dienstag hatte in Meißen ein 15-jähriger Gymnasiast seine Geschichtslehrerin erstochen. In Bad Reichenhall hatte ein 16-jähriger Lehrling mit den Waffen seines Vaters bei einem Amoklauf in der vergangenen Woche insgesamt vier Menschen und sich selbst getötet. Bei dem letzten schweren Massaker an einer Schule in Amerika hatten im April zwei Schüler im Alter von 17 und 18 Jahren in Littleton bei Denver zwölf Schüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen.

Hurrelmann sagte: "Gerade für Jungen ist die Phase der Pubertät in der Vergangenheit deutlich schwieriger geworden. Der Druck ist enorm gestiegen." So werde von den jungen Männern erwartet, "dass sie einmalig und etwas Besonderes sind. Sie sollen mutig sein und Risikos eingehen können. Gleichzeitrg sollen Männer auch sanft und sozial sein. Die Jungen wissen nicht, wie sie das alles schaffen sollen." Treffe dies zusammen mit ungünstigen persönlichen Konstellation und Problemen in Familie, Schule und der Gruppe der Gleichaltrigen, könne es gefährlich werden. "Das Gebräu, das dort zusammenkommt, unterschätzt man leicht", sagte Hurrelmann.

In Meißen könne ein Hintergrund in der Clique des Jungen liegen. "Der Junge muss eine sehr unsichere Position gehabt haben. Er hatte offenbar das Gefühl, sich nur durch eine derart extreme Tat Autorität verschaffen zu können. Die Gruppensituation schrie förmlich danach, dass so etwas passiert." Dass der Junge zu der negativ zum Leben eingestellten Gruppe der so genannten Gruftis gehörte, könnte die Schwelle für eine derartige Gewalttat heruntergesetzt haben.

Um richtig auf die schwierigen Probleme der Jungen zu reagieren, bedürfe es mehrerer Voraussetzungen. "Die Jugendlichen brauchen Eltern, die Grenzen aufzeigen, aber auch die Hand ausstrecken. Sie benötigen eine Schule, die sie versteht und fair in der Bewertung ist, und eine Gruppe von Gleichaltrigen, die sie nicht zwingt, durch eine solche Extremtat dabei zu sein." In der Freizeit und in der Schule müssten Plattformen geschaffen werden, auf denen die pubertierenden Jugendlichen ihr normales Aggressionspotenzial "unter festen Regeln, wie etwa beim Ringkampf" ausleben könnten.



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