Extreme Arbeitsbedingungen Fukushima-Helfer am Ende ihrer Kräfte

Schlaflosigkeit, Wassermangel, ständige Angst vor radioaktiver Strahlung: Die Techniker im AKW Fukushima arbeiten seit Wochen unter Extrembedingungen. Ein Mediziner hat die Männer nun besucht - und warnt vor schweren gesundheitlichen und seelischen Schäden.

AP/ Ehime University Medical Department

Hamburg - Es ist eine Ausnahmesituation: Seit Wochen versuchen Einsatzkräfte, die Lage im AKW Fukushima I unter Kontrolle zu bekommen. Den Arbeitern drohen wegen des Dauereinsatzes schwere gesundheitliche Folgen - und zwar auch unabhängig von möglichen Strahlenschäden.

Die Schilderungen eines Mediziners zeigen: Die Männer sind mit ihren Kräften fast am Ende. Sie leiden an Schlaflosigkeit, zeigen Anzeichen von Flüssigkeitsmangel und hohem Blutdruck, sagt Takeshi Tanigawa von der medizinischen Fakultät der Ehime Universität in einem Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur AP. Er sei besorgt, dass die Arbeiter Depressionen oder Herzprobleme bekommen könnten.

Tanigawa hat nach eigenen Angaben an vier Tagen mit 80 Arbeitern gesprochen, die sich im benachbarten Fukushima II von ihrem Einsatz im Unglücks-AKW erholten. "Die Bedingungen im Kraftwerk sind nach wie vor brutal", so Tanigawa. Er weist auf extreme körperliche und psychische Belastungen der Einsatzkräfte hin: Die Männer arbeiten demnach seit Wochen rund um die Uhr, um das Unglücks-AKW zu stabilisieren. Sie bekommen kaum Pausen, kein frisches Essen und können sich nicht waschen.

Die Männer müssen unter der ständigen Angst arbeiten, radioaktiver Strahlung ausgesetzt zu werden, so Tanigawa. Schon vor Wochen hatte die Mutter eines Arbeiters von der Todesangst der Einsatzkräfte berichtet. Die Sorgen der Angehörigen - viele wollen, dass die Männer das AKW verlassen - verstärken den mentalen Stress der Arbeiter zusätzlich, sagt der Mediziner. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass sie teilweise selbst Heimat und Familie durch den Tsunami verloren haben.

Von Erholung sind die Männer weit entfernt

Die Arbeiter bekämen inzwischen zwar drei Mahlzeiten am Tag, aber kein frisches Gemüse oder Fleisch. "Sie essen Mikrowellen-Fraß", sagt Tanigawa. Die dramatische Situation in den ersten Tagen der Krise habe die schlechten Arbeitsbedingungen noch gerechtfertigt. Nun, fast sechs Wochen nach Beginn der atomaren Katastrophe, sei der Zustand allerdings chronisch geworden.

Vier Tage Einsatz, zwei Tage frei - so ist derzeit laut Tanigawa der Rhythmus. Doch von echter Erholung sind die Männer weit entfernt. Viele fühlten sich in einem Maß verantwortlich, das sie kaum Pausen machen lasse. In Fukushima II schlagen die Arbeiter ihr Lager meist auf dem Boden einer Turnhalle auf, "gehüllt in Decken und ohne jede Privatsphäre", berichtet Tanigawa.

"Weil sie so dicht beieinander schlafen, ist Schnarchen ein großes Problem." Unter normalen Umständen sei das vielleicht komisch, so der Mediziner. "Aber in diesem Fall bringt es die Männer um den Schlaf und kann zu schlechterer Leistung im Einsatz führen." Für eine komplette medizinische Untersuchung habe die Zeit wegen Auflagen zwar nicht gereicht. Dennoch zeigt sich Tanigawa sicher: "Wenn es so weitergeht, fürchte ich, wird das Risiko gesundheitlicher Probleme weiter steigen."

245 Mitarbeiter des Atomkonzerns Tepco und von untergeordneten Firmen sind derzeit nach Angaben des Betreibers im Einsatz. Hinzu kommen Soldaten, Polizisten, Feuerwehrmänner. "Tepco und die Regierung denken nicht an die Männer", sagt Tanigawa. "Sie müssen einen guten Job machen, aber sie bekommen keine Unterstützung."

"Wer würde den Job jetzt noch machen?"

Tepco sagt, die Situation sei schwierig geworden, weil die Krise sich so lange hinziehe. Man habe die Verpflegung, die Schlafmöglichkeiten und die Pausen verbessert, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. "Unter Betrachtung der Beobachtungen von Dr. Tanigawa wollen wir an weiteren Verbesserungen arbeiten."

In einem Interview mit TV Asahi beschrieb ein anonymer Arbeiter das AKW Fukushima unlängst als "Schlachtfeld". Der Mann sei kürzlich im Turbinengebäude von Reaktor 2 im Einsatz gewesen, in dem stark radioaktives Wasser ein großes Problem darstellt. "Wir waren schockiert von den hohen Strahlenwerten", sagte der Arbeiter. Vor lauter Angst sei es schwer gewesen, sich zu konzentrieren.

"Ich arbeite im AKW, weil ich meinen Heimatort retten will", sagte der Techniker. Trotz der Gefahren sieht er zu seinem Einsatz offenbar keine Alternative. "Wir haben hier die ganze Zeit die Stellung gehalten. Wer würde den Job jetzt noch machen, wenn nicht wir?"

hut/AP

insgesamt 44 Beiträge
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exminer 21.04.2011
1. Humankapital
Wer soll den Sch...haufen denn aufräumen ? Hitec-Robots? Um die die Kühlung wieder in Gang zu bekommen braucht man Schrauber und davon entweder sehr viele oder einige die sich auskennen.Und da es für das Ereignis keinen Betriebsplan gibt,wird gebastelt ohne Rücksicht auf Verluste.Das läuft bei anderen Ereignissen nicht viel anders. Die Ehre ist den Kräften gewiss und die Nation ist stolz auf sie. So läuft das in der Praxis, nichts Neues.
PaulBiwer 21.04.2011
2. Siehe Fotos
Arbeitskleidung im Aufenthaltsraum? Ich hoffe,es ist nicht so wie ich denke.
naranael 21.04.2011
3. Hmmm
Zitat von PaulBiwerArbeitskleidung im Aufenthaltsraum? Ich hoffe,es ist nicht so wie ich denke.
Würde mich nicht wundern, wenn es tatsächlich so wäre wie Sie denken. Die Strahlung wird vor einer Turnhalle nicht extra Halt machen.
frank314 21.04.2011
4. Adel und Knechte
Zitat von sysopSchlaflosigkeit, Wassermangel, ständige Angst vor radioaktiver Strahlung: Die Techniker im AKW Fukushima arbeiten seit Wochen unter Extrembedingungen. Ein Mediziner hat die Männer nun besucht - und warnt vor schweren gesundheitlichen und seelischen Schäden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,758383,00.html
Die Japaner arbeiten heftig an der Demontage ihres Bildes als "Preussen" Asiens. Die Welle hat den dünnen Anstrich eines durchorganisierten Gemeinwesens regelrecht abgespült. Jetzt geben sie innere Details der Arbeitswelt preis. Und die ILO schweigt - ebenso die satten, IG Metall-Funktionäre.
leberknecht 21.04.2011
5. schlaflosigkeit
Zitat von sysopSchlaflosigkeit, Wassermangel, ständige Angst vor radioaktiver Strahlung: Die Techniker im AKW Fukushima arbeiten seit Wochen unter Extrembedingungen. Ein Mediziner hat die Männer nun besucht - und warnt vor schweren gesundheitlichen und seelischen Schäden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,758383,00.html
hochachtung vor den arbeitskräften! aber hat man denen auch gesagt,mit was sie sich beschäftigen? als wenn das nur schlaflosigkeit ist,dann kann ausgeruht werden und weiter gehts-oder?tolles land(ich wes ja nicht!!!)die armen leute im norden machen sich um ihr hab und gut sorge und toyota will die produktion forcieren?
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