Extremtemperaturen in Abu Dhabi: Ackern in der Hitzehölle
30 und ein paar zerquetschte Grad wie in Deutschland - darüber können die Einwohner Abu Dhabis nur müde lächeln. In dem Golf-Staat klettern die Temperaturen im Sommer bis auf 50 Grad Celsius. Hitzefrei gibt es dennoch nicht, im Gegenteil: Die Wanderarbeiter ackern ohne Pause.
Auf der ersten Seite der "Gulf News", dort, wo gewöhnlich von Absonderlichkeiten aus aller Welt berichtet wird, stand kürzlich eine Meldung aus Berlin. Der Chef einer Steuerbehörde hatte seinen Angestellten per E-Mail pauschal hitzefrei gegeben, "mit schweißgebadeten Grüßen". Die Redakteure von "Gulf News" hatten versucht, mit dem Behördenleiter Kontakt aufzunehmen, vergeblich. Offenbar konnten sie den Vorgang nicht glauben.
In Abu Dhabi wurden schon im März 38,5 Grad gemessen. Das waren damals 41,5 Grad mehr als in Berlin. Heiß ist in den Emiraten eine Selbstverständlichkeit.
Es fing damit an, dass eines Tages im April ein Vorzeichenwechsel am Waschbecken stattfand. Das Wasser aus dem Kaltwasserhahn ist heiß wie Badewasser, das aus dem Warmwasserhahn erfrischend kühl. Das System schlägt um. Wieso? Weil der Boiler sowieso längst abgeschaltet ist und im klimatisierten Hausinneren steht. Die Kaltwassertanks dagegen backen in der prallen Sonne.
Eisquader im Pool
Ende Mai, als es regelmäßig heißer als 40 Grad war, meldeten die Zeitungen, dass jetzt wohl bald der Sommer beginnen würde und man die Kinder nicht mehr ins Freie lassen sollte. Das war der Tag, an dem ein Nachbar erstmals Eisquader in seinen Pool wuchten ließ, jeder so groß wie eine Eisenbahnschwelle. Die Kühlung war ausgefallen.
Zwei Wochen später maß das Thermometer am Auto 46,5 Grad, und das Lenkrad fasste sich an wie der Griff einer Bratpfanne. Bei offenem Fenster zu fahren, fühlte sich an, als würden die Härchen auf den Armen verbrennen, als säße man in einem Umluftgrill. Trotzdem radelten Inder mit durchgedrücktem Rücken über die Zayed-the-First-Street, als wäre es selbstverständlich, bei 47 Grad ein wenig Radsport zu betreiben.
Aber all das war nur heiß, nicht feucht. Das war nur der Anfang.
Es herrscht Aufguss
Derzeit herrscht kein Wetter mehr. Es herrscht Aufguss. Eines Morgens war es so, als hätte ein Wahnsinniger in der Trockensauna Wasser auf die heißen Steine gekippt. Die Fensterscheiben sind nun von außen beschlagen.
Kaum hat man das Haus verlassen, beschlägt die Brille, es bildet sich ein feuchter Film zwischen den Fingern und breitet sich dann über den ganzen Körper aus. Und plötzlich tropft es. Das sind aber keine einzelnen Tropfen. Das ist ein Leck in der Leitung, aus dem die Tropfen zu zweit und zu dritt parallel fallen und das ohne Pause. Nur: Die lecke Leitung ist man selbst. Jeder Atemzug fühlt sich an, als öffnete man die Waschmaschine und schnüffelte an der frischgekochten Wäsche. Auffällig auch, dass die Vögel jetzt mit aufgerissenen Schnäbeln fliegen.
Die meisten Emiratis sind längst nach Bayern abgereist. Die anderen Einheimischen verlassen das klimatisierte Auto nicht mehr. Man fährt seinen makellos weißen Audi vor den Laden, hupt zweimal, bis der Ladenbesitzer herausgeeilt kommt. Dann wird kurz vom Handy abgelassen, eine Bestellung abgegeben - "Give me one kilo peaches" - und die Scheibe wieder hochgefahren. Eine Art Drive-by-Shopping.
Die Schatten fliehen
Mittags fliehen die Schatten vor der Hitze unter die Autos. Der Schweiß brennt in den Augen. In Dubai verteilt die Firma Exotic Limo jetzt Hightech-Kühlwesten an die Touristen, bevor sie auf die Straße gelassen werden. Jede Bewegung ist zuviel. Auf den Baustellen aber wird weiter malocht.
Nachdem in den letzten Jahren regelmäßig Arbeiter mit Hitzeschlag von den Gerüsten fielen, wurde jetzt eine Mittagspause per Gesetz vorgeschrieben. Zwischen 12.30 und 15 Uhr darf nur in Ausnahmefällen im Freien gearbeitet werden. So liegen gegenüber vom Emirates Palace Inder in ihren Blaumännern im Gras, hingestreckt wie tot unter den Flamboyant-Bäumen, den Kopf auf eine leere Wasserflasche gebettet. Andere hocken wartend am Rinnstein, um in ihre Camps gekarrt zu werden.
Kleinere Firmen scheren sich weniger um die Gesetze. Sie denken, es reicht, wenn nicht in der offenen Sonne gearbeitet wird. In der Garage der Wahda-Mall zum Beispiel. Einem Luxus-Einkaufszentrum, das einem indischen Konzern gehört. Hier ist die Temperatur in der Mittagszeitzeit noch sieben Grad höher als draußen. Und es ist genauso feucht.
"I? Five liters, Sir."
Wer sich hier von seinem Fahrer zum Shopping absetzen lässt, der kann sich auch gleich den Porsche Cayenne waschen lassen. Dafür sind die Bangladeshis der Firma "Q2 Wash" ausgerüstet mit einem grün-weißen Schiebekarren, futuristisch designed wie eine Nato-Drohne: Es ist der "GeoWash", ein laut Eigenwerbung "revolutionäres mobiles Autowaschsystem", unabhängig von der Bodenstation und somit geeignet für den Undergrundeinsatz in Tiefgaragen.
Tanvir zum Beispiel hat das Wort Mittagshitzepause noch nie gehört. Sein blaues Dienst-Sweatshirt hängt wie ein nasser Lappen an ihm, und das kommt nicht vom Autowaschen. Man schwitzt auch nicht weniger, bloß weil man aus Bangladesh kommt. Neun Stunden täglich wäscht Tanvir Autos, poliert, waxt und schäumt ein, sechs Tage die Woche. Wieviel Wasser verbraucht er da? "Sixty liters, Sir." Nein, nicht für die Autos. "I? Five liters, Sir."
Seine Firma ist in sechzehn Shoppingmalls, Flughäfen, Siebensternehotels der Emirate tätig. Ihre Leute tragen eine Uniform und schieben ihre eleganten Wagen mit Tüchern und Pflegecremes durch die stehende, Abgas getränkte Glut. Einer der miesesten Sommerjobs überhaupt. Tanvir bekommt dafür 750 Dirham. Das sind 150 Euro. Im Monat.
Manche Zahlen sind noch erstaunlicher als das, was auf dem Thermometer steht.
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- Montag, 26.07.2010 – 07:10 Uhr
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Bevölkerung: 4,707 Millionen
Hauptstadt: Abu Dhabi
Staatsform: Föderation von sieben autonomen Emiraten (Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Ras al-Cheima, Fudscheira, Umm al-Keiwein und Adschman)
Staatsoberhaupt: Scheich Chalifa Bin Sajid al-Nahajan
Regierungschef: Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktum
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