Extremtemperaturen in Abu Dhabi: Ackern in der Hitzehölle

Von , Abu Dhabi

30 und ein paar zerquetschte Grad wie in Deutschland - darüber können die Einwohner Abu Dhabis nur müde lächeln. In dem Golf-Staat klettern die Temperaturen im Sommer bis auf 50 Grad Celsius. Hitzefrei gibt es dennoch nicht, im Gegenteil: Die Wanderarbeiter ackern ohne Pause.

Sommer am Golf: Hitzeschlag in den Emiraten Fotos
Alexander Smoltczyk

Auf der ersten Seite der "Gulf News", dort, wo gewöhnlich von Absonderlichkeiten aus aller Welt berichtet wird, stand kürzlich eine Meldung aus Berlin. Der Chef einer Steuerbehörde hatte seinen Angestellten per E-Mail pauschal hitzefrei gegeben, "mit schweißgebadeten Grüßen". Die Redakteure von "Gulf News" hatten versucht, mit dem Behördenleiter Kontakt aufzunehmen, vergeblich. Offenbar konnten sie den Vorgang nicht glauben.

In Abu Dhabi wurden schon im März 38,5 Grad gemessen. Das waren damals 41,5 Grad mehr als in Berlin. Heiß ist in den Emiraten eine Selbstverständlichkeit.

Es fing damit an, dass eines Tages im April ein Vorzeichenwechsel am Waschbecken stattfand. Das Wasser aus dem Kaltwasserhahn ist heiß wie Badewasser, das aus dem Warmwasserhahn erfrischend kühl. Das System schlägt um. Wieso? Weil der Boiler sowieso längst abgeschaltet ist und im klimatisierten Hausinneren steht. Die Kaltwassertanks dagegen backen in der prallen Sonne.

Eisquader im Pool

Ende Mai, als es regelmäßig heißer als 40 Grad war, meldeten die Zeitungen, dass jetzt wohl bald der Sommer beginnen würde und man die Kinder nicht mehr ins Freie lassen sollte. Das war der Tag, an dem ein Nachbar erstmals Eisquader in seinen Pool wuchten ließ, jeder so groß wie eine Eisenbahnschwelle. Die Kühlung war ausgefallen.

Zwei Wochen später maß das Thermometer am Auto 46,5 Grad, und das Lenkrad fasste sich an wie der Griff einer Bratpfanne. Bei offenem Fenster zu fahren, fühlte sich an, als würden die Härchen auf den Armen verbrennen, als säße man in einem Umluftgrill. Trotzdem radelten Inder mit durchgedrücktem Rücken über die Zayed-the-First-Street, als wäre es selbstverständlich, bei 47 Grad ein wenig Radsport zu betreiben.

Aber all das war nur heiß, nicht feucht. Das war nur der Anfang.

Es herrscht Aufguss

Derzeit herrscht kein Wetter mehr. Es herrscht Aufguss. Eines Morgens war es so, als hätte ein Wahnsinniger in der Trockensauna Wasser auf die heißen Steine gekippt. Die Fensterscheiben sind nun von außen beschlagen.

Kaum hat man das Haus verlassen, beschlägt die Brille, es bildet sich ein feuchter Film zwischen den Fingern und breitet sich dann über den ganzen Körper aus. Und plötzlich tropft es. Das sind aber keine einzelnen Tropfen. Das ist ein Leck in der Leitung, aus dem die Tropfen zu zweit und zu dritt parallel fallen und das ohne Pause. Nur: Die lecke Leitung ist man selbst. Jeder Atemzug fühlt sich an, als öffnete man die Waschmaschine und schnüffelte an der frischgekochten Wäsche. Auffällig auch, dass die Vögel jetzt mit aufgerissenen Schnäbeln fliegen.

Die meisten Emiratis sind längst nach Bayern abgereist. Die anderen Einheimischen verlassen das klimatisierte Auto nicht mehr. Man fährt seinen makellos weißen Audi vor den Laden, hupt zweimal, bis der Ladenbesitzer herausgeeilt kommt. Dann wird kurz vom Handy abgelassen, eine Bestellung abgegeben - "Give me one kilo peaches" - und die Scheibe wieder hochgefahren. Eine Art Drive-by-Shopping.

Die Schatten fliehen

Mittags fliehen die Schatten vor der Hitze unter die Autos. Der Schweiß brennt in den Augen. In Dubai verteilt die Firma Exotic Limo jetzt Hightech-Kühlwesten an die Touristen, bevor sie auf die Straße gelassen werden. Jede Bewegung ist zuviel. Auf den Baustellen aber wird weiter malocht.

Nachdem in den letzten Jahren regelmäßig Arbeiter mit Hitzeschlag von den Gerüsten fielen, wurde jetzt eine Mittagspause per Gesetz vorgeschrieben. Zwischen 12.30 und 15 Uhr darf nur in Ausnahmefällen im Freien gearbeitet werden. So liegen gegenüber vom Emirates Palace Inder in ihren Blaumännern im Gras, hingestreckt wie tot unter den Flamboyant-Bäumen, den Kopf auf eine leere Wasserflasche gebettet. Andere hocken wartend am Rinnstein, um in ihre Camps gekarrt zu werden.

Kleinere Firmen scheren sich weniger um die Gesetze. Sie denken, es reicht, wenn nicht in der offenen Sonne gearbeitet wird. In der Garage der Wahda-Mall zum Beispiel. Einem Luxus-Einkaufszentrum, das einem indischen Konzern gehört. Hier ist die Temperatur in der Mittagszeitzeit noch sieben Grad höher als draußen. Und es ist genauso feucht.

"I? Five liters, Sir."

Wer sich hier von seinem Fahrer zum Shopping absetzen lässt, der kann sich auch gleich den Porsche Cayenne waschen lassen. Dafür sind die Bangladeshis der Firma "Q2 Wash" ausgerüstet mit einem grün-weißen Schiebekarren, futuristisch designed wie eine Nato-Drohne: Es ist der "GeoWash", ein laut Eigenwerbung "revolutionäres mobiles Autowaschsystem", unabhängig von der Bodenstation und somit geeignet für den Undergrundeinsatz in Tiefgaragen.

Tanvir zum Beispiel hat das Wort Mittagshitzepause noch nie gehört. Sein blaues Dienst-Sweatshirt hängt wie ein nasser Lappen an ihm, und das kommt nicht vom Autowaschen. Man schwitzt auch nicht weniger, bloß weil man aus Bangladesh kommt. Neun Stunden täglich wäscht Tanvir Autos, poliert, waxt und schäumt ein, sechs Tage die Woche. Wieviel Wasser verbraucht er da? "Sixty liters, Sir." Nein, nicht für die Autos. "I? Five liters, Sir."

Seine Firma ist in sechzehn Shoppingmalls, Flughäfen, Siebensternehotels der Emirate tätig. Ihre Leute tragen eine Uniform und schieben ihre eleganten Wagen mit Tüchern und Pflegecremes durch die stehende, Abgas getränkte Glut. Einer der miesesten Sommerjobs überhaupt. Tanvir bekommt dafür 750 Dirham. Das sind 150 Euro. Im Monat.

Manche Zahlen sind noch erstaunlicher als das, was auf dem Thermometer steht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. Natürlicher Hitzeschutz hilft
fucus-wakame 26.07.2010
Die meisten Touristen machen den Fehler, zu leichte Kleidung zu tragen. Wolle isoliert hervorragend gegen Hitze. Ok, mich haben Passanten ungläubig angeschaut, als ich bei 32 °C in der Berliner City einen dicken Pullover aus Schurwolle und eine gestrickte Hose anhatte. Doch es hilft wirklich. Der Trick ist einfach, sich gegen die Hitze zu isolieren. Die Beduinen machen es nicht anders.
2. Klimatisierte Hölle
fleischwurstfachvorleger 26.07.2010
Zitat von sysop30 und ein paar zerquetschte Grad wie in Deutschland - darüber können die Einwohner Abu Dhabis nur müde lächeln. In dem Golf-Staat klettern die Temperaturen im Sommer bis auf 50 Grad Celsius. Hitzefrei gibt es dennoch nicht, im Gegenteil: Die Wanderarbeiter ackern ohne Pause. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,708211,00.html
Wir haben dies Pfingstferien Dubai gebucht gehabt. Ich fand es einfach anstrengend und die Temperaturen unangenehm heiß und wir haben uns nicht überanstrengt. Am Strand war es mir persönlich zu heiß. Am Pool wurden 40 Grad im Schatten gemessen. Aushalten konnte man es nur in klimatisierten Räumen. Wenn man aus der Hoteldrehtür rauskam, wartete dort schon eine Mauer aus heißer Luft. Den indischen Straßenbauarbeitern schien das Alles nichts auszumachen. Gemächlich schaufelten sie ihre Löcher bei flirrender Hitze. Am schönsten war der Abreisetag, da hatte es um 4:00 Uhrt morgens nur 25 Grad und war damit angenehm kühl.
3. Sicher gibt es in den lokalen Steuerbehörden Aircon!
califax68 26.07.2010
Fragen Sie doch mal die Beamten der lokalen Steuerbehörden in Abu Dhabi, ob sie Klimaanlagen in ihren Büros haben! Und dann fragen Sie mal die Berliner Kollegen. Bei gut gut gekühlten Bürotemperaturen von sagen wir mal ca 24°C muss man in A.D. ja auch kein "Hitzefrei" bekommen. Ausagekräftiger wäre da schon ein Vergleich "Bauarbeiter" in Berlin und Constrution Worker (aus den Philippinen, Bangladesh, Indien, Pakistan etc) in Abu Dhabi, Doha oder Dubai gewesen.
4. Die Emirate sind Golf "light",
satissa 26.07.2010
wie schon mehrmals angemerkt, ist in Saudi Arabien alles extremer. Entlang der Kueste zum Arabischen Golf herrschen die gleichen Temperaturen wie in den Emiraten, also auch in Qatar, Bahrain und Saudi Arabien. Geht man ins Innere der arabischen Halbinsel, dann gibt es dort nur eine Metrople, Riad. Hier herrscht kontinentales Klima, die 50 Grad Grenze wurde jetzt im Juli mehrfach locker ueberschritten. Durch die nicht vorhandene Luftfeuchtigkeit ist das noch ertraeglich, dafuer gibt es ein schlimmeres Problem: Staub. Durch die Thermik wird permanent Staub aufgewirbelt, so dass die Bauarbeiter draussen entweder mit Mundschutz rumlaufen oder total verhuellt sind und nebenbei mehrere Universitaeten und das groesste Finanzzentrum am Golf aus dem Wuestensand stampfen. Trotzdem Staubes, hoeherer Temperaturen und sehr rigider Lebensweise kommen die sogennanten Blue Collar Worker lieber nach Saudi Arabien, da bei gleichem Lohn die Lebenshaltungskosten niedriger sind. Einen Hummer kann er hier fuer 10 Euro volltanken. Wie gesagt, die Emirate sind Golf "light", vielleicht berichtet der Autor mal aus dem groessten und wichtigsten Land des Golfes.
5. Biergarten
derletztdemokrat 26.07.2010
Schöne neue Welt? Frage mich nur wer dort leben will. Wer zahlt mir täglich 20.000 Euro dafür, dass ich mich an seiner Stelle dort aufhalte? Steuerfrei natürlich, Kost und Logis frei. Das Paradis sind die bayrischen Biergärten, Almhütten ohne Schicki-Micki oder die Äppelweinkneipen in Frankfurt, aber absolut frei von Suchtkranken Filterzigaretten-Rauchern. Aber freiwillig in eine Plastikwelt? Aua, Aua... Wenn das der Zauber des Orient ist, dann lieber nach Bitterfeld. Die drögen Autofahrer zahlen, mit jedem Kilometer den sie fahren, für diesen dekadenten Zirkus. Geld macht halt doch nicht glücklich, man muss es auch zu schätzen wissen. Aber bis man sich am Tag 5 mal geduscht hat und 5 mal umgezogen hat, das schminken nicht vergessen geht auch die Zeit rum. Klimakatastrophe? was´n dat?
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Zum Autor
Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, berichtet für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aus den Golf-Staaten und der arabischen Welt. In seinem Blog "Golf für Anfänger" erzählt er tausendundeine Geschichten aus dem Orient.


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