Fabrikeinsturz in Bangladesch: Zahl der Toten steigt auf über 600

Bergungsarbeiten in Bangladesch: Erneut Dutzende Tote gefunden Zur Großansicht
AFP

Bergungsarbeiten in Bangladesch: Erneut Dutzende Tote gefunden

Täglich werden Leichen gefunden, ein Ende der Bergungsarbeiten ist nicht abzusehen: Beim Fabrikeinsturz in Bangladesch sind mehr als 600 Menschen gestorben. Der Architekt verteidigt sich, das Haus sei als Einkaufszentrum und nicht als Fabrikgebäude geplant gewesen.

Dhaka - Seit fast einer Woche tragen Rettungskräfte den Schuttberg des eingestürzten Fabrikgebäudes in Bangladesch mit Baggern und Kränen ab, und noch immer ist kein Ende abzusehen. Jeden Tag werden Leichen gefunden, allein am Wochenende waren es Dutzende. Insgesamt wurden nach Angaben des Katastrophenkontrollzentrums bislang 610 Tote geborgen, und weitere Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet.

Verzweifelte Angehörige, die Fotos ihrer vermissten Verwandten bei sich tragen, beobachten die Bergungsarbeiten. Über Lautsprecher werden Passagen aus dem Koran zur Ehrung der Toten verlesen. Nach Armeeangaben gehen die Bergungsarbeiten mittlerweile schneller voran.

In dem achtstöckigen Gebäude waren fünf Textilfabriken untergebracht. Das Haus stürzte am 24. April ein, mehr als 3000 Menschen wurden verschüttet. 2437 Menschen konnten nach Angaben der Armee gerettet werden. Zwölf Menschen, darunter der Besitzer des Gebäudes und vier Fabrikbetreiber, wurden im Zusammenhang mit der Katastrophe festgenommen.

Nun hat sich der Architekt des Hauses zu dem Einsturz geäußert. Demnach war das Gebäude als Einkaufszentrum mit einzelnen Geschäften gedacht und nicht für Textilbetriebe ausgelegt. Der festgenommene Gebäudebesitzer habe grundlegende bautechnische Prinzipien ignoriert, sagte Masood Reza. Beim Anblick der Bilder der um Hilfe schreienden Opfer habe er "Schmerz und seelische Qualen" verspürt.

Architekt verteidigt Gebäudeplanung

Reza zufolge hatte seine Firma das Gebäude nur auf sechs und "nicht auf neun oder gar zehn Stockwerke" ausgelegt. Außerdem sei von Anfang an klar gewesen, dass die Deckenkonstruktion keinen schweren Maschinen wie Generatoren standhalten würde. "Als wir das Gebäude gestalteten, haben uns der Besitzer und der Entwickler nie gesagt, dass dort Textilfabriken untergebracht werden sollten", sagte Reza. "Wenn sie uns das gesagt hätten, wären Struktur und Design anders und stabiler ausgefallen."

Laut ersten Erkenntnissen einer von der Regierung angeordneten Untersuchung wurde der Einsturz durch die Vibration von vier Generatoren in den oberen Stockwerken verursacht. Diese seien nach einem Stromausfall in Gang gesetzt worden und hätten gemeinsam mit der Vibration Tausender Nähmaschinen zum Einsturz geführt, sagte der Leiter der Untersuchung, Main Uddin Khandaker.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) forderte die Behörden in Bangladesch auf, unsichere Fabriken zu schließen. Es müsse gehandelt werden, um derartige "vermeidbare Unfälle" künftig zu verhindern, sagte ein ILO-Sprecher. Die Regierung in Dhaka müsse sicherstellen, dass alle Fabriken inspiziert und nötige Reparaturmaßnahmen vorgenommen würden. Wenn diese nicht möglich seien, müssten die Fabriken schließen.

Regierung, Fabrikanten, Arbeitnehmer und ILO vereinbarten einen Aktionsplan für mehr Sicherheit in der Textilindustrie, die fast 80 Prozent zu den Exporteinnahmen des Landes beisteuert. Ein ranghoher Regierungsbeamter versicherte, alle Textilfabriken würden überprüft. Es seien zahlreiche Maßnahmen ergriffen worden, um derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern.

Ob solche Ankündigungen ernst genommen werden sollten, ist allerdings zweifelhaft. Die Regierung hatte bereits nach einem verheerenden Feuer in einer Textilfabrik im vergangenen November mit mehr als 110 Toten ähnliche Maßnahmen angekündigt.

ulz/AFP/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. man sollte herausfinden ......
herbert 05.05.2013
Zitat von sysopTäglich werden Leichen gefunden, ein Ende der Bergungsarbeiten ist nicht abzusehen: Beim Fabrikeinsturz in Bangladesch sind mehr als 600 Menschen gestorben. Der Architekt verteidigt sich, das Haus sei als Einkaufszentrum und nicht als Fabrikgebäude geplant gewesen. Fabrikeinsturz in Bangladesch: Zahl der Toten steigt auf über 600 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/fabrikeinsturz-in-bangladesch-zahl-der-toten-steigt-auf-ueber-600-a-898186.html)
für welche Firmen diese Näherei produziert hat ! ====================================== Im Presseclub ARD konnte man heute am 05.05.13 Meinungen dazu hören. Diese Beschäftigten haben ja ausser Reis kaum etrwas zu essen. Alle 2 Monate mal ein Huhn und das war es. Der Lohn schreit zum Himmel und die Arbeitsbedingungen sind kaum noch zu beschreiben. Oft sind es vermutlich Verträge mit Subunternehmen, die wieder Subunternehmen und mehr haben. Also ein Netz von Austraggebern wo es letztlich nur um den billigen Herstellungspreis geht. Das diese Waren hier in Deutschland zu einem gigantischen Preis angeboten werden und die Gewinnspanne sehr hoch ist müsste einen Aufschrei erzeugen. Wie ich lese sind jetzt in der eingestürzten Fabrik über 600 Menschen tot.
2. Bauaufscht
chb_74 05.05.2013
Ungeachtet dieser schrecklichen Tragödie sollte angesichts der vielen Motzerei hierzulande über angebliche "Gängelei" durch Behörden eines nicht vergessen werden: genau sowas passiert eben, wenn funktionierende und kompetente staatliche Aufsichtsinstitutionen nicht oder nicht hinreichend vorhanden sind und auch nicht das notwendige Regelwerk dazu existiert. Solcherart Fehlnutzung eines Gebäudes wäre in Mitteleuropa gar nicht möglich, weil es gar keine Betriebsgenehmigungen gäbe. "Regelungswut von Behörden" hat also durchaus auch ihre guten, weil letztlich menschenfreundlichen Seiten...
3. Nicht aufregen leute ... nicht hinsehen
trj 05.05.2013
... die wollen euch nur eure 4 Euro T-Shirts von Kik & Co wegnehmen ... kauft die einfach weiter und nichts wird sich ändern. Wie beim Gammelfleisch, bei der Giftmüllentsorgung von Handys, den "natürlichen" Aromastoffen usw. Keine Angst, es wird sich nichts ändern ... unser Wohlstand ist gesichert ... die sind doch selbst schuld wenn sie nix Gescheites gelernt haben vor 1000 Jahren ... Und wenns sein muss steinigen wir halt die Fabrikbesitzer, die sind auch leicht ersetzbar, dann haben wir wenigstens nen eindeutigen Schuldigen ... und können mit ruhigen Gewissen zur Tagesordnung übergehen ...
4.
Hans58 05.05.2013
Zitat von herbertman sollte herausfinden ...... für welche Firmen diese Näherei produziert hat ! ...
Das ist hinreichend bekannt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Bangladesch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare

Fotostrecke
Bangladesch: Kik-Klamotten in Unglücksfabrik gefunden