Fahndungspanne Osmans merkwürdige Reise nach Rom

Die problemlose Ausreise eines Rucksackbombers aus Großbritannien wirft Fragen auf. Trotz einer der größten Anti-Terror-Fahndungen der Nachkriegszeit war es dem inzwischen festgenommenen Hussein Osman geglückt, im Eurostar das Land zu verlassen. War es eine Ermittlungspanne oder ein Trick der Fahnder?


Geflohener Osman Hussein: Überall hingen Fahndungsfotos
AFP

Geflohener Osman Hussein: Überall hingen Fahndungsfotos

London - Dem gebürtigen Äthiopier Hussein Osman war es am 27. Juli problemlos gelungen, im Londoner Bahnhof Waterloo Station den Eurostar-Zug nach Frankreich zu besteigen, um von dort zu seinem Bruder nach Rom weiterzureisen. Erst dort war der Verdächtige festgenommen worden. Er hat eine Beteiligung an den Anschlägen inzwischen gestanden.

Weder den britischen Beamten noch ihren französischen Kollegen war Hussein aufgefallen, und dass, obwohl sein Konterfei bereits einen Tag nach den fehlgeschlagenen Attentaten vom 21. Juli weltweit im Fernsehen zu sehen war und überall im Bahnhof aushing. Überwachungskameras hatten den 27-Jährigen beim Betreten der Londoner U-Bahn mit einem Rucksack gefilmt, in dem sich einer der Sprengsätze befand. Zeitungsberichten zufolge stand auf Husseins Bahnticket sogar sein echter Name.

Jetzt soll eine offizielle Untersuchung klären, wie es zu dieser mutmaßlichen Ermittlungspanne kommen konnte. Seit einem Jahr gibt es in Großbritannien nur noch sporadische Grenzkontrollen von Ausreisenden. Wie der "Independent" berichtet, seien wegen der Bombenanschläge zusätzliche Kontrollen von Anti-Terror-Fahndern an der Waterloo-Station durchgeführt worden. Doch Osman habe durch dieses Netz schlüpfen können.

Auch von den französischen Grenzbeamten, die die Fahrgäste des Eurostars überprüfen, wurde Osman nicht erkannt - obwohl sein Fahndungsbild den französischen Behörden bekannt war.

Die britischen Medien reagierten mit Verwunderung darauf, wie löchrig ihre Grenzkontrollen trotz des derzeitigen Alarmzustands mittlerweile sind. Die britischen Boulevardzeitung "The Sun" spricht von "chaotischen Grenzkontrollen". "Wir werden unsere Grenzen dichter machen", lautete sinngemäß die Überschrift des Artikels.

Laut "Sun" sprach sich Verteidigungsminister Geoff Hoon dafür aus, die routinemäßigen Passkontrollen wieder einzuführen: "Es ist wichtig, dass wir die identifizieren können, die in unser Land kommen, und die, die es wieder verlassen." Laut "Sun" könne es jedoch bis zu 80 Tage dauern, bis das Parlament die gängige Regelung ändere: Die Abgeordneten befinden sich gerade in den Sommerferien, und auch aus dem Kabinett von Premierminister Blair haben sich mehrere Minister in den Urlaub verabschiedet.

Wie der "Independent" spekuliert, könnte es sich aber bei der Ausreise Osmans um gar kein Versehen handeln. Möglicherweise, so die Zeitung, hätten Fahnder den Verdächtigen absichtlich fahren lassen, um ihn zu verfolgen und auch seine Kontaktpersonen ausfindig zu machen.



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