Fahrrad fahren in Mexiko-Stadt Ein bisschen irre muss man sein

Fahrrad fahren in Mexiko-Stadt - das ist nicht ohne. Mittlerweile werden die Zweiräder aber immer populärer. Diebe versuchen von dem Hype zu profitieren - wie Klaus Ehringfeld selbst erfahren musste.

So sieht es hier normalerweise nicht aus: Fahrrad-Event in Mexiko-Stadt 2009
REUTERS

So sieht es hier normalerweise nicht aus: Fahrrad-Event in Mexiko-Stadt 2009


Man hat Flaschen nach mir geworfen, mich zwei Mal fast und einmal ganz über den Haufen gefahren, mir zwei meiner Räder gestohlen. Autofahrer haben mich als armen Schlucker beschimpft und mir gesagt, ich störte den Verkehr. Aber ich liebe es dennoch, durch eine der größten und chaotischsten Städte der Welt mit dem Fahrrad zu fahren. Ist einfach unschlagbar schnell. Und die Nerven werden so schön gekitzelt. Außerdem: Allmählich erkennt man selbst in Mexiko-Stadt die Vorteile des Zweirads.

Im Sommer 2004 habe ich mir mein erstes Fahrrad hier gekauft. Ein No-Name-Mountainbike. Rot mit 18 Gängen. Hat damals eine kleine Werkstatt zusammengebaut, Fahrradgeschäfte gab es noch keine. Gekostet hat es 2250 Peso - mit Tacho und Lampen waren das etwas über 200 Euro damals. Als ich stolz den Laden verließ, sagte der Eigentümer noch mit einem maliziösen Lächeln: "Viel Glück". Ich verstand das damals nicht. Das änderte sich dann schnell.

Vor zehn Jahren war ein Fahrradfahrer in Mexiko-Stadt ein armes Schwein. Er strampelte allein gegen vier Millionen Autos. Ab und zu grüßte mal ein Restaurant-Kurier, der Fleisch vom Metzger holte. Die fuhren auch Fahrrad. Oder die Postboten.

Dass jemand freiwillig Rad fährt, um den Staus zu entgehen, die Umwelt zu schonen oder schlicht aus Spaß an der Freude, konnte sich kaum ein Mexikaner vorstellen. Im Gegenteil: Der "Chilango", der Hauptstadtbewohner also, dachte damals und denkt noch heute: "Der Arme, für vier Räder hat es nicht gereicht." Wer Rad fährt, hat kein Geld für ein Auto, dem hier mit religiöser Inbrunst gehuldigt wird.

Rush Hour den ganzen Tag

Dabei ist das Fahrrad hier als Transportmittel eigentlich wunderbar geeignet. Mexiko-Stadt ist platt wie ein Maisfladen, Wind weht nur selten. Außerdem steht man hier mit dem Auto mehr als man fährt. Zehn Kilometer pro Stunde bewegt sich der Verkehr in der Rush-Hour vorwärts. Und die ist eigentlich immer zwischen 6 und 21 Uhr.

Radfahren ist in Mexiko-Stadt noch immer ein Bekenntnis zum Wagemut. Manche meiner Freunde meinen, ich sei ein Gefahrensucher, andere halten mich für schlicht durchgeknallt. Doch die Stimmung ändert sich: Seit zwei Jahren gilt es plötzlich als chic, Fahrrad zu fahren. Jedenfalls in den hippen Stadtteilen. Angefangen hat alles mit dem früheren linken Bürgermeister Marcelo Ebrard. Der hatte vor einigen Jahren die Vision einer anderen Stadt als jener von doppelstöckigen Stadtautobahnen und freier Fahrt für freie Bürger: "Wir müssen den motorisierten Individualverkehr zurückdrängen und die Stadt für die Menschen zurückerobern".

Ebrard ließ neue Konzepte für den Nahverkehr entwickeln mit öffentlichen Buslinien, Fußgängerzonen und einem Fahrrad-Leihsystem nach europäischem Vorbild. Vor allem dieses "Eco-Bici" boomt.

Autor Ehringfeld: Trotz skeptischer Freunde in Mexiko-Stadt mit dem Fahrrad unterwegs
Klaus Ehringfeld

Autor Ehringfeld: Trotz skeptischer Freunde in Mexiko-Stadt mit dem Fahrrad unterwegs

Das Leihradsystem, das mittlerweile rund ein Viertel der Bezirke von Mexiko-Stadt miteinander verbindet, ist das Transportmittel mit den höchsten Zuwachsraten. Zwischen Januar und März hat "Eco-Bici" 23.300 Fahrten pro Tag gezählt. Mittlerweile gehören Menschen in Anzügen, Sportklamotten oder Abendoutfit, die sich auf den kleinen roten Rädern durch den Moloch kämpfen, zum festen Bild. Und günstiger als Taxi, Bus und eigenes Auto ist es allemal.

Die Chilangos haben das Rad auch als Freizeit- und Vergnügungsmittel entdeckt. Jeden Sonntag wird der Prachtboulevard "Reforma" von acht bis 14 Uhr von Autos befreit. Zehntausende Radler und Skater kapern die Avenida.

Geklaute Teile werden auf halblegalen Märkten verscherbelt

Kein Business boomt in Mexiko-Stadt so sehr wie das von Fahrradgeschäften. Im Monatsrhythmus öffnet irgendwo ein neuer Laden. Von mexikanischen Herstellern bis zu teuren Profi-Radmanufakturen ist alles dabei.

Doch den Hype um das Bike haben längst auch die Delinquenten erkannt. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit konnte man selbst die teuersten Räder mit einem kleinen Schloss sicher anschließen. Mittlerweile aber steigt die Zahl der Diebstähle rasant an. Schlösser werden geknackt, Vorderräder abmontiert, Radler mit vorgehaltener Waffe vom Sattel gebeten.

Auf Facebook gibt es eine eigene Seite "Gestohlene Räder in Mexiko-Stadt", die ständig mit neuen Einträgen gefüttert wird. Vergangenes Jahr wurden im Schnitt jeden Tag drei Räder in Mexiko-Stadt gestohlen. Dieses Jahr sind es täglich zehn. Sie werden dann als Ganzes oder in Einzelteilen auf den unzähligen halblegalen Märkten verkauft, wo man von Waffen bis Viagra alles bekommen kann.

Manchmal gehen die Diebe besonders dreist vor. Sie verwickeln dich geschickt in ein Gespräch über Räder, bieten Hilfe an. Dann fragen sie dich, ob sie mal eine Runde drehen dürfen... na ja, man ahnt es schon.

Ich war so unbedarft und habe dem Kerl mein fast neues Marken-Mountain-Bike für einen Moment überlassen: "Ich fahr mal ne Runde um den Block", sagte er, rückte den Helm zurecht und trat in die Pedale wie Lance Armstrong auf verbotenen Substanzen. Ich habe dann noch lange da gestanden und gewartet, dass er von der Runde wieder um die Ecke kommt.

Jedes Mal, wenn ich die Geschichte Freunden erzähle, ernte ich große Heiterkeit. Und vor Kurzem erst habe ich mir ein neues Rad gekauft. Ist jetzt wieder No-Name.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Fakler 07.09.2014
1. Lima
Also, nehme an in Mexico ist es nicht anderst. War zweimal, jedes Mal mit dem Fahrrad da. Vor allem gut asfaltierte Strassen gibt es nicht. Und Abstellen geht eigentlich auch nicht (Diebstahlsgefahr). Und klar dass man kein Verkehrshindernis sein darf. Dann geht es schon.
Sibylle1969 07.09.2014
2. Da sind wir zum Glück schon weiter
Bei uns ist es kein Zeichen von Armut, wenn man in der Stadt mit dem Rad fährt, sondern zeugt davon, dass man ziemlich schlau ist, denn man vergeudet nicht seine Zeit im Stau, man lebt gesünder und man spart eine Menge Geld. Ich bin mal gespannt, ob sich diese Haltung zum Fahrrad auch irgendwann in Schwellen- und Entwicklungsländern etabliert. Wird wenn überhaupt sicher noch lange dauern, denn leider wiederholen viele Schwellen- und Entwicklungsländer die Fehler der Industrieländer, was die Ausrichtung des Alltags auf motorisierten Individualverkehr angeht. Ich würde liebend gerne jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fahren, aber leider ist mein Arbeitsplatz zu weit weg dafür (brauche doppelt so lang wie mit dem Auto).
rolandmex 07.09.2014
3. Unsinn
a) 2004 gab es sehr wohl Fahrradgeschäfte; z.B. Ecke Morelos und Bucareli oder auf San Pablo zwischen Pino Suárez und Anillo de Circunvalación im Zentrum. Aber vielleicht ist das aus Polanco, La Condesa, Villa Coapa oder Santa Fé zu weit weg. b) Fahrradfahren in Mexiko-Stadt ist nicht nur irre, es ist lebensgefährlich. Das hat aber nur zur Hälfte mit den Autofahrern zu tun. In einer Stadt, in der man für den Führerschein nicht mal lesen zu können braucht (den kauft man z.B. in Coyoacán tatsächlich im (genauer: überm) Supermarkt; man benötigt nur Geld (!), einen Ausweis und einen Wohnsitznachweis), sind auch und besonders Radfahrer wegen absolut fehlender Verkehrsausbildung und daraus resultierender Ignoranz unter den schlimmsten Verkehrsteilnehmern: sie fahren im Gegenverkehr und links (auch in Einbahnstraßen), auf dem Gehweg, kreuzen die Straße unberechenbar, sind ohne Licht (, Schutzbleche, Helm, Reflektoren, etc.) unterwegs, sind manchmal noch betrunkener als so mancher Autofahrer des nachts. Schlimmer als all das ist aber -sowohl bei Autofahrern als auch bei Radfahrern- das Gesetz des Rechts des Stärkeren, bei dem Fußgänger immer den kürzeren ziehen, und (z.B. in einer Einbahnstraße) über den Haufen gefahren werden, wobei sich der Radfahrer unter lautem Geschimpfe davonmacht (in der gleichen Manier wie es Autofahrer mit Radfahrern tun). c) Ich habe Zweifel, ob das Eco-Bici günstiger ist als der Bus: ohne Kreditkarte kein Service; man bekommt von vornherein 400 Pesos Jahresbeitrag (oder 90 pro Tag) - siehe www.ecobici.df.gob.mx) abgebucht ohne auch nur einmal ein Rad berührt zu haben. Maximal eine dreiviertel Stunde darf man ein Eco-Bici benutzen; wenn man nicht rechtzeitig eine Abgabestation findet, bekommt man eine Strafe aufgebrummt (wird von der Kreditkarte abgebucht). Bei so manchen Distanzen in der Stadt und dem Verkehrsverhalten ist es oft eine Hearusforderung, die 45 Minuten Höchstzeit einzuhalten, v.a. wenn man an einer Abgabestation ankommt und alle Plätze belegt sind und man woanders hinfahren muss. Im Bus werfe ich mein Kleingeld in eine Säule ein (zwischen 5 und 6 Pesos pro Fahrt) und fertig; keine Vorkasse. d) Fahrradklau, selbst mit schweren Schlösser, ist schon seit Jahren normal. Nicht umsonst nehmen Radfahrer ihre Sättel ab oder verschließen jede einzelne Felge und den Rahmen mit getrennten Schlössern und an einem festen und hohen Pfahl, weil sonst das Fahrrad oder Teile davon abhanden kommen.
limaquinto 07.09.2014
4. Fahrrad-Sonntag
Dieser Fahrrad-Sonntag existiert übrigens in fast allen mexikanischen Metropolen. Außerdem sind viele Mexikaner für das berüchtigte Down Hill bekannt (vor allem in Taxco de Alarcón) und verdienen von mir einen riesen Respekt, denn das nennt man Fahrrad fahren. Wäre mal einen Bericht wert :)
ocmbdf 07.09.2014
5. es läuft eigentlich ganz nett ab...
das erste Fahrrad kaufte ich mir hier 1995 auf der San Pablo, wo es traditionell seit eh und je einen Fahrradladen neben dem anderen gibt. Nur die Rahmengröße für einen 1,84m großen Deutschen war anfangs sehr schwer zu bekommen, da musste man etwas länger suchen. Da machte es richtig Spaß, sich bei den verschiedenen Händlern die Einzelteile nach eigenem Geschmack zusammenzusuchen, um sich schließlich ein absolutes Unikat zu bauen. Anfangs guckten die Leute noch ziemlich viel, wenn da nun ein "Gringo" (obwohl ich ja nun keiner bin) auch noch auf 'nem Fahrrad fuhr, aber seitdem, wie der Autor ja auch bemerkt, die Stadtregierung urbane Projekte zur Nutzung des Fahrrades angestoßen hat, so ab 2004 mit der ersten "ciclopista" auf der alten Bahntrasse nach Cuernavaca, hat sich das Fahrrad langsam auch als Fortbewegungsmittel im Alltag installiert. Vor allem auch in der neuen, dynamischen Mittelklasse junger Arbeitnehmer gibt es mittlerweile eine wachsende Nachfrage nach individualisierten Fahrrädern in guter Qualität, und gezahlte Preise hierfür liegen sicherlich rund drei- bis viermal höher als noch vor 10 Jahren..........und zur Fahrkultur in Mexiko-City: da denke müssen vor allem 7nd am ehesten die Fahrradfahrer hier noch lernen....derweil geht's dann eben noch über den Bürgersteig, die Ampel ist wohl eher ein zu vernachlässigender Verhaltensvorschlag, und die Fahrtrichtung einer Straße (hier ist der Verkehr ja hauptsächlich über Einbahnstraßen organisiert) oftmals eher ein Hilfsmittel, um bei Fahrradfahrt entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung dann besser sehen zu können, wann ein Auto kommt, welchem man ausweichen müsste. Für Fahrradfahrer, wie übrigens für jeden anderen Verkehrsteilnehmer hier auch (bin selbst auch Autofahrer hier) ist die Teilnahme stets ein höchst aktiver und vorausschauender Akt, bzw. diestetige Abstimmung mit anderen Fahrern in der Nähe. Habe die Erfahrung gemacht, dass wenn ich "deutsch" unterwegs bin, d.h. z.B. auf die Kreuzung zuradeln und erwarten, dass das bereits abbiegende Auto mich abzuwarten hat, obwohl mir sicherlich noch 15m fehlen, tja, dass ich mir damit nur Frust einfahre.....habe mit der visuellen Abstimmung und angedeuteter Mimik von bitte und danke von Fahrrad- zu Autofahrer und umgekehrt sehr gute Erfahrungen gemacht....da geht's dann eigentlich ganz souce piano.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.