Fall Friedman Die Fahnder atmen auf

Für die Berliner Ermittler endet mit dem öffentlichen Kotau Friedmans eines der heikelsten Verfahren der letzten Monate. Angriffe, Anfeindungen und den Verdacht des Antisemitismus mussten sie aushalten. Nun sind sie erleichtert und fühlen sich bestätigt.

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Berlins Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) kann nach dem Ende der Friedmann-Affäre nun endlich in Ruhe Urlaub machen
DDP

Berlins Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) kann nach dem Ende der Friedmann-Affäre nun endlich in Ruhe Urlaub machen

Berlin - Berlins Justizsenatorin Karin Schubert erfuhr die Neuigkeiten in Sachen Friedman per Telefon. Seit einigen Tagen weilt die SPD-Politikerin im Urlaub an der mecklenburgischen Seenplatte. Der von ihren Staatsanwälten verfolgte Drogen-Fall gegen den prominenten TV-Moderator ließ die Senatorin trotzdem nicht los. Als am Dienstag die Pressekonferenz des TV-Moderators in Frankfurt stattfand, hing auch Schubert gespannt am Fernseher. Über alles weitere wurde sie von ihren Mitarbeitern auf dem Laufenden gehalten.

Für die Berliner Staatsanwaltschaft ist das Ende des Falls Friedman eine Erleichterung. Kaum ein anderes Verfahren der letzten Monate hat der Behörde so sehr zugesetzt. Nach monatelangen Ermittlungen und dem Fund dreier Päckchen mit Kokain-Anhaftungen beim Talkmaster fanden sich die Ermittler nach einigen Tagen in einer ungewohnten Rolle. Statt des Verdächtigen standen plötzlich sie unter öffentlicher Anklage. Friedmans Anwalt sprach von einer "öffentlichen Hinrichtung" durch die Behörde.

Streitsache "durchgeknallt"

Andere Kritiker erhoben noch schwerere Vorwürfe: "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann sah gar einen "durchgeknallten Staatsanwalts" am Werk. Diverse Zeitungen berichteten über eine angebliche braune Verschwörung unter den Ermittlern, die sich gegen den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats und TV-Inquisator zusammen gerotte hätten. Öffentlich wurde auch schon gefragt, ob die Behörde der Hauptstadt überhaupt in der Lage sei, ein solches Verfahren zu führen. Kern der Kritik war der Vorwurf, die heiklen Details über die Treffen Friedmans mit ukrainischen Prostituierten in Nobel-Hotels, seinen Tarnname "Paolo Pinkel" und andere schlüpfrige Details seien absichtlich von den Ermittlern an die Presse lanciert worden, um ihm zu schaden.

Friedmans Geständnis am Dienstag sorgte auch bei den Berliner Staatsanwälten für Erleichterung
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Friedmans Geständnis am Dienstag sorgte auch bei den Berliner Staatsanwälten für Erleichterung

Anfang dieser Woche herrschte deshalb Aufatmen in den Fluren der Justiz. Mit der Annahme des Strafbefehls fühlen sich auch die Ermittler bestätigt. "Im Prinzip" habe Friedman damit auch die Arbeit der Fahnder akzeptiert, lautete eine Interpretation aus Justizkreisen. Außerdem sehen sich die Strafverfolger bestätigt, da Friedman ohne Verhandlungen das Strafmaß von 150 Tagessätzen zu je 116 Euro anerkannte.

Der Sprecher darf wieder sprechen

So konnte am Dienstag auch der Sprecher der Staatsanwaltschaft endlich wieder sprechen, nachdem eine wochenlange Nachrichtensperre herrschte. Selbstbewusst wie lange nicht mehr verteidigte Retzlaff das Vorgehen in dem Fall und wies die Indiskretions-Vorwürfe von Friedmans Verteidiger zurück. Die Staatsanwaltschaft habe zu keiner Zeit aktiv die Medien informiert. Sie habe wie in jedem anderen Fall nur auf Anfragen reagiert.

Ein persönliches Schlusswort aber gestattete sich der Sprecher. Retzlaff kritisierte die Arbeit "einiger Medienvertreter" und warf ihnen eine zum Teil "unsägliche Berichterstattung" vor. Aus seiner Sicht sollten sich "einige" überlegen, ob sie ihrer Aufgabe als vierte Macht im Staat einen großen Dienst erwiesen hätten. Beispiele der von ihm inkriminierten Arbeit der Medien nannte er freilich nicht.

"Wer weiß, ob da nicht gleich jemand wieder über uns herfällt"

Neben aller Freude aber rieten einige Juristen am Dienstag zur Zurückhaltung. Da die Ermittler mittlerweile gelernt haben, dass jedes Detail ihrer Arbeit im Fall Friedman heftig diskutiert wird, fürchten sie nun um eine Debatte über das Strafmaß. Zwar scheint die Anzahl der Tagessätze der Straftat angemessen, gleichwohl ist die Gesamthöhe von 17400 Euro für einen wohlhabenden Mann wie Friedman nicht gerade sehr schmerzlich. "Wer weiß, ob da nicht gleich wieder jemand über uns herfällt", unkte ein Mitarbeiter der Behörde.

Die Höhe der Tagessätze berechnet sich grundsätzlich nach dem geschätzten Monatseinkommen eines Delinquenten. In der Routine wird das Nettogehalt durch 30 geteilt und so der Tagessatz errechnet. Aus der Berliner Staatsanwaltschaft war nun zu hören, dass dies in einem Fall wie Friedman schwierig war. Da Friedman Freiberufler ist, war das Monatseinkommen nur zu schätzen. Hochgerechnet wirkt die Annahme eines monatlichen Nettogehalts von 3480 Euro bei Friedmans diversen Tätigkeiten sehr bescheiden. Vielleicht auch deshalb dementierte Sprecher Retzlaff sofort Gerüchte, es habe doch einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Friedmans Anwalt gegeben.

Vergessen wird die Affäre nicht so schnell

Mit großer Spannung werden die Ermittler trot aller Erleichterung am Mittwoch noch einmal in die Presse schauen. Vor allem die "Frankfurter Rundschau" werden sie studieren. Das Blatt hatte immer wieder heftig die Arbeit der Fahnder kritisiert und auch immer wieder Details zu anderen Kunden des Menschenhändler-Rings veröffentlicht, die dann dementiert wurden. Ebenso insinuierte das Blatt immer wieder, Friedman sei von der Behörde absichtlich hart behandelt worden.

Für einen aber ist der Fall Friedman noch nicht zu Ende. Noch immer ermittelt die Behörde wegen Beleidigung gegen den "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann. Sowohl der Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge als auch die Senatorin als dessen Dienstherrin hatten sich durch Naumanns Worte über den vermeintlich "durchgeknallten Staatsanwalt" Karge erregt und Anzeige erstattet. Ist auch dieses Verfahren abgeschlossen, kann die Akte Friedman endlich geschlossen werden, hoffen viele der Berliner Fahnder. Schnell vergessen wird sie indes wohl keiner.



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