Pflegekind Jeremie: Freier Träger wehrt sich gegen Vorwürfe Hamburger Politiker

Der Fall Jeremie sorgt für hitzige Diskussion: Hamburger Politiker kritisieren die Unterbringung des Pflegekindes in einer Zirkusfamilie als teuer und pädagogisch zweifelhaft. Bei den Verantwortlichen stoßen die Vorwürfe auf Unverständnis. Kosten und Betreuung seien angemessen.

Winterlager des "Zirkus Monaco": Streit um Pflegekind Jeremie Zur Großansicht
dapd

Winterlager des "Zirkus Monaco": Streit um Pflegekind Jeremie

Hamburg - Im Fall des verschwundenen Pflegekindes Jeremie zeichnet sich eine Einigung zwischen Herkunftsfamilie, Pflegefamilie und Behörden ab. Doch die Unterbringung des Elfjährigen in einem Zirkus wird hitziger diskutiert denn je. 7400 Euro kostet die Maßnahme pro Monat. Die Hamburger Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke zweifelte an einer angemessenen pädagogischen Betreuung, Sozialsenator Scheele (SPD) will gleich das ganze Konzept auf den Prüfstand stellen.

In der Kritik stehen vor allem das Jugendamt Hamburg Mitte und der Neukirchener Erziehungsverein. Dieser hatten den Jungen an die Zirkusfamilie vermittelt. Der freie Träger fordert nun eine Rückkehr zu einer sachlichen und fairen Debatte.

"Wir können nicht nachvollziehen, dass die Qualität unserer Arbeit von der Hamburger Politik angezweifelt wird", sagt Dagmar Friehl, zuständige Geschäftsbereichsleiterin des Erziehungsvereins. Keiner der Kritiker habe sich jemals im Detail ein Bild von den intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuungen von Kindern und Jugendlichen gemacht, die seit Jahren erfolgreich geleistet würden, heißt es in einer Mitteilung. Trotzdem würden jetzt voreilig Urteile gefällt.

Für Aufsehen sorgte zuletzt vor allem das angebliche Gehalt der Zirkusmutter in Höhe von rund 4645 Euro. Laut Neukirchener Erziehungsverein handelt es sich dabei um durchschnittliche Brutto-Personalkosten, die bei einer derartigen Stelle für den Arbeitgeber anfallen. Rund 50 Prozent der Summe seien Einkommenssteuer und Sozialabgaben. Vor Beginn der Betreuung musste die Pflegemutter belegen, dass sie das Geld nicht braucht, um selbst durchzukommen. Sie besuchte zudem regelmäßig Fortbildungen.

Neben dem Gehalt überweist der Erziehungsverein nach eigenen Angaben monatlich 680 Euro an den Zirkus "Monaco" - unter anderem für den Lebensunterhalt und Taschengeld für Jeremie.

Dazu kämen monatlich Kosten von rund 2000 Euro, etwa für die Beratung der Pflegestelle, Jeremies Distanzbeschulung, Fortbildungen, Rufbereitschaften, Krankheitsvertretungen und Beiträge zur Berufsgenossenschaft. "Wir erfüllen alle gesetzlichen und fachlichen Vorgaben", sagte Friehl.

Was bei aller Empörung häufig nicht zu Sprache kam, sind die großen Herausforderungen, die ein schwieriges Pflegekind mit sich bringt. Als Jeremie in den Zirkus kam, war er so aggressiv, dass mehrere Heime in Hamburg ihn zuvor nicht aufnehmen wollten. Laut seiner Pflegemutter biss und schlug er, stach einem ihrer leiblichen Söhne einen Kugelschreiber in den Rücken, schmierte Exkremente an die Wände.

Probleme bei den Großeltern

Der Neukirchener Erziehungsverein gehört zum Diakonischen Werk Hamburg. Schon Anfang der Woche hatte Vorstandsmitglied Gabi Brasch für eine sachlichere Diskussion plädiert. Das Konzept der individualpädagogischen Betreuung - auch in einem Zirkus - sei grundsätzlich geeignet für Kinder und Jugendliche mit hoch problematischen Lebensläufen, hieß es. Die Alternative in einem vergleichbaren Fall sei die geschlossene Unterbringung - und die sei doppelt so teuer.

Am Dienstag wurde der Fall vor einem Familiengericht verhandelt. Es sei eine "einvernehmliche Betreuungslösung" gefunden worden, sagte eine Sprecherin des Bezirksamts Hamburg-Mitte. Über die Einzelheiten sei Stillschweigen vereinbart worden. Die Behörden gehen jedoch davon aus, dass Jeremie nun bald wieder auftaucht.

Der Elfjährige war vor zwei Wochen aus dem Winterlager des "Zirkus Monaco" in Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern verschwunden. Die Ermittler vermuten, dass er sich im Umfeld seiner Hamburger Familie befindet. Der Junge wuchs wegen der Drogensucht seiner Mutter bei seinen Großeltern auf. Auch dort gab es Probleme, so dass den Großeltern das Sorgerecht entzogen wurde. In Hamburger Medien hatten sie nach dem Verschwinden des Jungen schwere Vorwürfe gegen die Zirkusfamilie erhoben. Er habe dort stehlen müssen und sei nicht glücklich gewesen.

Die Pflegemutter weist die Vorwürfe zurück. Beim Neukirchener Erziehungsverein heißt es, Jeremie habe in seiner Zeit im Zirkus sehr gute Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht.

hut

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Jugendämter
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite