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Fall John Demjanjuk: Unbehagen nach dem Urteil

Von , München

Fünf Jahre Gefängnis, so lautet das Urteil gegen John Demjanjuk. Die Inhaftierung bleibt ihm erspart, was für Empörung sorgt. Dennoch ist die Entscheidung wegweisend: Erstmals wurde ein ehemaliger KZ-Wachmann schuldig gesprochen, weil seine Anwesenheit in einem Vernichtungslager nachgewiesen wurde.

Um 10.12 Uhr öffnet sich die in die Wand eingelassene weiße Tür, zum letzten Mal wird der Angeklagte hereingeschoben. John Demjanjuk sitzt im Rollstuhl, er trägt einen grünen Parka mit Kapuze, eine helle graublaue Baseball-Mütze und eine dunkle Sonnenbrille.

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt hebt zu sprechen an, fragt dann aber, ob sich Demjanjuk zuvor lieber hinlegen möchte. Zwei Sanitäter helfen dem 91-Jährigen, sich aufzurichten, der Angeklagte setzt sich auf das bereitstehende Bett, legt den Parka ab, lehnt den Oberkörper nach hinten. Dann bekommt er Wasser in einem Plastikbecher gereicht, trinkt, lehnt sich wieder zurück.

Es ist heiß und stickig im Sitzungssaal 101, dem größten Raum des Münchner Strafjustizzentrums. Das Gericht wartet, die Zuhörer auf den orangefarbenen Stoffsitzen warten, so wie sie schon so häufig gewartet haben in diesem anderthalb Jahre währenden, mühsamen Verfahren.

Das Urteil ist jetzt greifbar nah. Der Vorsitzende Richter weist noch einmal einen Stapel Beweisanträge von Demjanjuks Pflichtverteidiger Ulrich Busch ab, dann fragt er in die Runde, ob die Prozessparteien noch etwas sagen wollen. Staatsanwalt und die Vertreter der Nebenklage verneinen, selbst der streitbare Verteidiger Busch belässt es bei einem Scherz: "Soll ich wirklich noch einmal mein Plädoyer wiederholen?" Es hatte fünf Tage gedauert.

Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen

Dann bekommt der Angeklagte die Gelegenheit zu einem letzten Wort. Demjanjuk könnte jetzt sprechen, aber er schüttelt nur im Liegen den Kopf. Die Kammer unterbricht noch einmal für zwei Stunden, das Warten geht weiter.

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KZ-Prozess: John Demjanjuk vor Gericht
Um 12.30 Uhr, es ist inzwischen noch stickiger geworden in Saal 101, geht es dann ganz schnell, der Angeklagte muss für einige Minuten aufrecht im Rollstuhl sitzen.

Im Namen des Volkes: Demjanjuk hat sich der Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen schuldig gemacht. Er wird zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt und muss die Kosten des Verfahrens tragen. Es ist das erwartete Verdikt, die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre gefordert.

Die Nebenkläger nehmen das Gesagte gefasst auf, einige drücken sich schnell die Hände oder umarmen sich flüchtig. Als Alt ausführt, in welchem der 16 fraglichen Transportzüge welche ihrer Angehörigen deportiert wurden, fließen Tränen.

Doch im weiteren Verlauf nimmt die Urteilsbegründung eine unerwartete Wende, die die Prozessbeobachter zunächst kaum verstehen. Erst am Ende der richterlichen Ausführungen ist klar, dass Demjanjuk trotz der Verurteilung sofort auf freien Fuß kommt.

"Der Angeklagte ist freizulassen"

Überraschend kündigte das Gericht an, den Haftbefehl gegen den 91-Jährigen aufzuheben. "Der Angeklagte ist freizulassen", sagte Richter Alt und begründete die Entscheidung unter anderem mit Demjanjuks hohem Alter: Nach zwei Jahren Untersuchungshaft in München sei eine weitere Zeit im Gefängnis für den 91-Jährigen "nicht verhältnismäßig". Außerdem sei das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Verteidiger Ulrich Busch legte nach dem Urteil umgehend Revision ein, das Verfahren geht also an den Bundesgerichtshof. Eine Entscheidung kann nach Angaben aus Justizkreisen bis zu eineinhalb Jahre dauern. Sollte das Urteil dann rechtskräftig werden, müsste Demjanjuks Haftfähigkeit geprüft werden, sagte Gerichtssprecherin Margarete Nötzel. Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz merkte an, er hätte gewollt, dass Demjanjuk in Haft bleibe, aber das Gericht habe das anders gesehen.

Nach dem Urteil wurde Demjanjuk von seinem Anwalt in einem Rollstuhl aus dem Gericht geschoben - erstmals ohne Sonnenbrille und Baseballkappe. Vermutlich werde er noch eine Nacht in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim verbringen, sagte Busch. Wo Demjanjuk danach unterkommt, ist unklar. Am Rande der Verhandlung hieß es, der Sozialdienst der JVA oder die kleine ukrainische Gemeinde in München könne ihm helfen. Anwalt Busch hat ein anderes Ziel vor Augen: "Bring him home." In den USA liefen gerade die Verfahren gegen die Aberkennung der US-Staatsbürgerschaft an. Sollten diese erfolgreich sein, könne Demjanjuk noch einmal zu seiner Familie zurück.

Das israelische Wiesenthal-Zentrum reagierte empört auf die Freilassung Demjanjuks. "Er gehört ins Gefängnis", sagte der Leiter der Jerusalemer Einrichtung, Efraim Zuroff. "Das ist eine ganz fürchterliche Entscheidung", kommentierte Zuroff die Aufhebung des Haftbefehls. "Sein Alter hätte nicht berücksichtigt werden dürfen." Demjanjuk sei wegen der Beteiligung an der Ermordung von rund 30.000 Juden verurteilt worden. "Ist es da angemessen, ihn freizulassen?"

Zuroff berichtete von einer Achterbahnfahrt seiner Gefühle. Zuerst hatte er die Verurteilung zu fünf Jahren Haft begrüßt und von einer sehr starken Botschaft gesprochen, dass die Täter auch viele Jahre nach den Verbrechen des Holocaust noch für ihre Vergehen belangt werden können. Doch am Ende des Prozesses sagte er: "Am Anfang war ich begeistert, jetzt bin ich sehr enttäuscht."

"Ich bin nicht Hitler"

Auch wenn das Ergebnis vielen nicht passt - das Verfahren hatte Signalcharakter. An jedem Prozesstag war das Bemühen der Kammer spürbar, respektvoll mit den Opfern umzugehen. Sie brach mit der unheilvollen Tradition vergangener Jahrzehnte, als in Prozessen traumatisierte Überlebende bisweilen scharf befragt und ihre Erinnerungen angezweifelt worden waren. Im Münchner Prozess hatten die Leidensgeschichten hingegen einen angemessenen Raum.

Dass es auch noch einen Angeklagten gab, konnte man bisweilen vergessen.

Demjanjuk verfolgte das Verfahren so, wie er später auch das Urteil hinnahm: regungslos hingestreckt, während seine ukrainische Dolmetscherin ihm übersetzte. Nur einmal hatte er wartenden Journalisten im Gang zugerufen: "Ich bin nicht Hitler. Also was ist los mit euch?"

Auf eine persönliche Einlassung des Angeklagten wartete man jedoch vergebens, das Verfahren geriet in seinem Charakter zu einer historischen Lehrstunde, auch wenn der Vorsitzende diesen Zweck in seiner Urteilsbegründung ausdrücklich verneinte: "Das Gericht hatte nicht Geschichte aufzuarbeiten, sondern ein Schwurgerichtsverfahren zu führen."

"Zeichen für den funktionierenden deutschen Rechtstaat"

Der Prozess zog sich über 18 Monate hin, das Urteil wurde am 93. Verhandlungstag gefällt. Gründe für das schleppende Verfahren waren vor allem der Gesundheitszustand des greisen Angeklagten, der nur rund drei Stunden Verhandlung pro Tag zuließ, sowie eine Flut von Anträgen der Verteidigung, die diese teils tagelang verlas. Alleine das Plädoyer der Verteidiger nahm fünf Tage in Anspruch.

An fast allen Verhandlungstagen ging es um historische Dokumente. Sie lassen kaum Zweifel daran, dass Demjanjuk ein "fremdvölkischer Hilfswilliger" der SS gewesen ist. Sein Name taucht in mehreren Dokumenten auf, darunter auf dem SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393, dem zentralen Beweisstück. Mit welchem Personal und welchen Dienstabläufen die Deutschen im Lager Sobibor rund 250.000 Juden ermordeten, wurde in München detailliert erörtert.

Ohne die Hilfswilligen, so führte das Gericht in seiner Urteilsbegründung aus, hätte die SS nicht so reibungslos morden können.

Doch was war der persönliche Anteil des Angeklagten beim Holocaust? Hätte er sich entziehen können, ohne sein eigenes Leben zu riskieren? Diese zentralen Punkte aufzuklären, blieb dem Münchner Verfahren versagt, dazu hätte der Angeklagte sprechen müssen.

"Jeder Angehörige des Personals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt", so lautet der zentrale Satz der Urteilsbegründung. Es ist ein Novum in der Geschichte der bundesdeutschen NS-Verfahren: Ein Wachmann wird allein deshalb verurteilt, weil seine Anwesenheit im Lager nachgewiesen ist.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht das Urteil als "Zeichen für den funktionierenden deutschen Rechtstaat". Von München gehe die "unmissverständliche Botschaft" in die Welt, dass die Täter des Holocausts für ihre Verbrechen belangt werden, sagte Knobloch am Donnerstag in München. NS-Kriegsverbrecher wüssten nun, "dass sie zur Rechenschaft gezogen werden und dass sie sich für ihr Tun verantworten müssen".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Die komplexe Frage der Schuldabgrenzung
founder 12.05.2011
Unsere Zivilisatuin nähert sich einen kritischen Zustand, Abhängigkeit von fossiler Energie, Klimaänderung. Gefahrenpotential weitaus größer als der 2. Weltkrieg. Potential an Todesopfern weitaus größer als der 2. Weltkrieg. Was ist wenn es denn Klimaverbrecherprozesse gibt, ähnlich wie die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse? Wie grenzt man die Schuld ein? Wer wird für das Disaster verantwortlich gemacht, wem billigt man zu, im allgemeinen Trend der Gesellschaft es als normal empfunden zu haben, nichts dagegen getan zu haben. Der durchschnittliche Deutsche ist mit seiner durchschnittlichen Lebenserwartung und Emission für rund 800 Tonnen CO2 Emission verantwortlich. Was ist im GAF Fall, den Klima GAU, Größte Anzunehmende Folgekosten. Zu 1 kg fossiler CO2 Emission 2 kg aus auftauende Permefrostböden (http://politik.pege.org/2010-wirtschaftswachstum/bip-gaf.htm). Die 800 Tonnen CO2 aus der Lebenszeit eines durchschnittlichen Deutschen verursache damit 2,4 Millionen EUR GAF - Größte anzunehmende Folgekosten. Ist Dummheit strafbar: Demjanuk wird es als völlig normal empfunden haben bei der Ermordung von Juden zu helfen. Was ist mit dem Konzernchef, der vor 15 Jahren die Entwicklung von Elektroautos abgelehnt hat, obwohl ihm neuartige Lithiumakkus speziell entwickelt für Elektroautos angeboten wurden? Müsste in diesem Fall nicht auch das Gericht über die intellektuellen Fähigkeiten urteilen, Recht von Unrecht zu unterscheiden, die Konsequenzen eigener Handlungen abzuschätzen?
2. Ein gutes Urteil
drsven 12.05.2011
Leider jedoch viel zu spät, was ja auch daher zur Folge hat, dass der Schuldige wegen seines hohen Alters wieder auf freien Fuß kommt. Was sagt die Knobloch da? Dass sich jetzt alle NS-Verbrecher fürchten müssen? Das ist lächerlich, denn es gibt kaum noch welche. Viel zu viele willige Helfer sind mittlerweile in Ruhe gestorben ohne jemals der Gerechtigkeit zugeführt worden zu sein. Das ist das eigentlich Traurige und der Skandal an der Sache.
3. Wir Deutschen sollten uns schämen - schon lange!
MeyerLansky 12.05.2011
Ein von Deutschen gefangener Zwangsarbeiter, den deutsche Nazi-Schergen unter Todesdrohungen zum KZ-Wärter abrichteten, ist der erste KZ-Wärter der je verurteilt wurde. Das stimmt - leider. Und allein dafür sollten wir uns schon schämen. Und zweitens sollten wir uns dafür schämen, dass das Tätervolk im Namen des Deutschen Volkes dieses Zwangsarbeiter-Opfer abermals zum Opfer macht, indem es ihn zu einem Nazi-Täter stilisiert. Außer diesem Zwangsarbeiter, dem ständig der Tod drohte, ist nicht ein KZ-Wärter verurteilt wurden. Ihnen hat die deutsche Justiz, die mit Nazi-Schergen aufgebaut wurde (ist historisch leider so!) stets Befehlsnotstand zugute gehalten. Wir sollten uns deshalb schämen, dafür, dass wir nach dem Krieg nicht mit den Nazi-Schergen aufgeräumt haben, und dafür, dass wir meinen, diese Versäumnisse dadurch wieder gut machen zu können, dass wir nun einen 91jährigen Zwangsarbeiter, den wir zum KZ-Wärter machten, schuldig sprechen.
4.
turo 12.05.2011
Für mich ist das Unrechtsurteil!!! Dieser junge Rotarmist kommt in deutsche Kriegsgefangenschaft. Also von einer Diktatur in die andere. Er spricht kein Deutsch. Er weiß aber, dass er, um zu überleben, gehorchen muss. Er meldet sich als Bewacher für KZ Lagerstätten. Den Grund warum Menschen dort inhaftiert und getötet wurden, wird er nie verstanden haben. Er hatte nur eine Chance "gehorchen". Das machte man ihm jetzt zum Vorwurf. Wo sind eigentlich die vielen deutschen Eisenbahner (um auf das unterste Glied der Tötungsmascherenie der Deutschen hinzuweisen),die die Juden in die Vernichtungslager fuhren und nie beladen zurücfkfuhren???
5. Mildes Urteil fuer
Hauruck 12.05.2011
alle Deutschen mit Alter ueber 80! "Jeder Angehörige des Personals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt" Da kriegen also drei arme bayerische Landrichter von der Politik einen undankbaren Fall hingekickt, den die Amis unbedingt loswerden wollten und den Deutschland unbedingt brauchte. Ja, wir mussten Frau Knobloch nochmal beweisen, dass wir endlich einen funktionierenden Rechtstaat haben. Und der Zentralrat ist gnaedig: Wichtiges Signal = Hoher Symbolwert, obwohl, mit dem deutschen Haftrecht hadert er noch. Aber die Drei haben es allen so ziemlich recht gemacht: einen ordentlichen (16 Monate) Prozess gefuehrt, die Menschenwuerde (drei Stunden im Bett) wohl bedacht, eine Verurteilung erzielt (was sonst haette es denn sein koennen), aber nicht zu hart (5 Jahre), aber klug (Freilassung), und alle Deutschen nochmal daran erinnert, was es bedeutet, nur "dabei gewesen" zu sein.
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Das Vernichtungslager Sobibor
Sobibor
Im Herbst 1941 beauftragte der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler , den SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin im Generalgouvernement , Odilo Globocnik , im Rahmen der Endlösung der Judenfrage mit der Ermordung der dort lebenden Juden. Als Belzec , das erste Vernichtungslager der Aktion Reinhardt , zur Erfüllung des Mordprogramms nicht ausreichend erschien, begann die SS im Frühjahr 1942 mit dem Bau eines zweiten Vernichtungslagers in der Nähe von Sobibor . Seit Juli 1943 betrieb Himmler die Umwandlung von Sobibor in ein KZ . Am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde, aber die Auflösung des Lagers zur Folge hatte. 47 der ausgebrochenen Häftlinge überlebten das Kriegsende und konnten Zeugnis ablegen vom Massenmord in Sobibor – einer von ihnen ist Thomas Blatt .
Opfer
Im Vernichtungslager Sobibor töteten zwei Dutzend SS -Männer und ihre Schergen zwischen April 1942 und November 1943 etwa 250.000 Juden – unter anderem aus dem Distrikt Lublin , dem Deutschen Reich, der Slowakei sowie Frankreich und den Niederlanden. Häufig wurden in Sobibor mehr als 2000 Menschen am Tag ermordet, Zehntausende im Monat.
Täter
Kommandant des Vernichtungslagers Sobibor war SS -Obersturmführer Franz Stangl . Ihm waren etwa 30 deutsche oder österreichische SS-Männer unterstellt – meist Organisatoren und Mitarbeiter der Aktion T 4 . Als Wach- und Sicherheitspersonal setzte die SS rund 120 Trawniki -Männer ein, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene überwiegend ukrainischer Herkunft. Vermutlich war einer dieser Trawniki John Demjanjuk .
Anlage
Das Vernichtungslager Sobibor nahm etwa eine Fläche von 600 x 400 Meter ein, die von Stacheldraht umzäunt und gut getarnt war. Das Lager lag an der Station Sobibor der Bahnlinie Chelm-Wlodawa und war in drei verschiedene Bereiche eingeteilt, die jeweils durch einen Zaun voneinander getrennt waren.
Die erste Zone umfasste das Vorlager mit der Eisenbahnrampe und den Unterkunftsbaracken für das deutsche und ukrainische Personal sowie das Lager I mit Unterkünften für die jüdischen Häftlinge und mehrere Werkstätten.
Das Lager II diente als Aufnahmebereich für die eintreffenden Juden. Hier mussten sie ihren Besitz und ihre Kleider abgeben. Im Lager III wurden die Juden getötet, in Massengräbern verscharrt und dann von jüdischen Sonderkommandos ab Sommer 1943 auf Scheiterhaufen verbrannt. An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift „Badehaus“.
Die Lager II und III waren über einen schmalen, von Stacheldrahtzaun gesäumten Weg („Schlauch“) verbunden. Über diesen trieben die Trawnikis täglich mehrere hundert nackte Menschen in die Gaskammern. Im Motorraum sorgte ein 200-PS-Motor für die kohlenmonoxydhaltigen Abgase, die durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Anfangs waren drei Gaskammern in Betrieb, ab September 1942 sechs.
Täuschungsmethoden
Den deportierten Juden wurde nach ihrer Ankunft in Sobibor in einer beruhigenden Ansprache ihre Umsiedlung angekündigt. Vor der Weiterreise müssten sie jedoch ein Bad nehmen, ihre Haare schneiden lassen und sollten ihre Kleidung und Wertsachen abgeben, hieß es.
Unter diesem Vorwand wurden die Juden gruppenweise in die mit kohlenmonoxydhaltigen Abgasen eines Dieselmotors betriebenen, jedoch als Duschen getarnten Gaskammern getrieben. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu einer halben Stunde.
Vernichtungslager und KZ
Vernichtungslager sind von der SS während des Zweiten Weltkrieges errichtete Lager, die im Unterschied zu den Konzentrationslagern (KZ) von vornherein für die Massentötung der europäischen Juden als letzte Konsequenz der nationalsozialistischen Judenverfolgung bestimmt waren. Aus Geheimhaltungsgründen wurden sie im besetzten Polen eingerichtet. Zwischen Ende 1941 und 1944 bestanden Vernichtungslager in Chelmno , Belzec , Sobibor , Treblinka , Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek , wobei Auschwitz und Majdanek gleichzeitig als Konzentrationslager dienten. Mehr als die Hälfte der nahezu sechs Millionen Holocaust -Opfer kamen in Vernichtungslagern um.

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