Maddies Eltern im ZDF "Es klingt nach einem Durchbruch"

Sechseinhalb Jahre suchen Kate und Gerry McCann nach ihrer vermissten Tochter Madeleine. Nun hat das britische Ärztepaar bei einem bewegenden Auftritt in "Aktenzeichen XY... ungelöst" um Hilfe gebeten. Denn neue Spuren in dem Fall führen nach Deutschland.

DPA/ ZDF

Hamburg - Es ist nicht zu ermessen, was Eltern aushalten müssen, wenn sie ihr Kind verlieren. Schmerzhafte Trauer, endlose Verzweiflung, zermürbende Vorwürfe - besonders, wenn sich die Ungewissheit dazugesellt: Ist es tot oder lebt es? Aber wo? Und wie?

Allein in Deutschland müssen Tausende Elternpaare ähnliche Gefühle ertragen. Laut Bundeskriminalamt wurden im vergangenen Jahr 6378 Kinder als vermisst registriert, bis zum April 2013 wurden davon 6254 Fälle aufgeklärt. Täglich warten Angehörige auf ein Zeichen der Vermissten. Oft sind sie so verzweifelt, dass sie sich nach jedem Hinweis sehnen - sei es gar ein trauriger.

In der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" beschrieben nun Kate und Gerry McCann den Kummer solcher Eltern. "Wir vermissen sie jeden Tag", sagt Gerry McCann über seine Tochter Madeleine, die seit Mai 2007 verschwunden ist. "Sie ist ein großer Teil unseres Lebens", sagt seine Ehefrau. Das Ärztepaar aus dem britischen Dorf Rothley bei Birmingham hält sich bei diesen Worten fest an den Händen.

Nach einem Auftritt in der britischen Sendung "Crimewatch" und einem Aufruf im niederländischen Pendant "Opsporing Verzocht" war es ein weiterer Versuch, in einem Fernsehstudio um Unterstützung zu bitten. Der Grund: Es gibt erstmals Spuren, die nach Deutschland führen.

Ein 22-minütiger Film, gedreht in England und Portugal, rekonstruierte die Tage vor Madeleines Verschwinden. Es ist April 2007: Die McCanns mieten sich mit einer befreundeten Familie in der Ferienanlage Ocean Club im portugiesischen Praia da Luz ein. Ein beliebter Ort bei englischen Touristen an der Algarve. "Wir waren so entspannt, es war der ideale Urlaub", erinnert sich Gerry McCann.

Die dreijährige Madeleine wollte direkt nach der Ankunft in den Pool, das Wasser war eiskalt. "Es wirkte wie ein ruhiger, friedlicher Ort", sagt Kate McCann. Nie habe sie gedacht, "dass dort so etwas Grausames passieren" könne. Am Abend des 3. Mai, neun Tage vor Madeleines viertem Geburtstag, zelebrieren die McCanns mit ihren drei Kindern - neben Madeleine noch die zweijährigen Zwillinge Sean und Amelie - ihr Abendritual. Windeln wechseln, Zähne putzen, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Die Tür zum Kinderzimmer bleibt einen Spalt offen.

Die Eheleute McCann trinken ein Glas Wein, um 20.30 Uhr treffen sie sich, wie an den Abenden zuvor, mit dem befreundeten Paar in einem kleinen Lokal. Die Kinder lassen sie - wie ihre Freunde auch - zurück im Apartment, etwa 50 Meter weit entfernt, unbeaufsichtigt, ohne Babyphone, die Schiebetür zugezogen, aber unverschlossen.

Der Wind weht den Vorhang auf

"Wir dachten, das sei in Ordnung", sagt Gerry McCann. Für ihn sei das Treffen mit den Freunden wie ein Abendessen im Garten gewesen. "Wir mussten nicht überlegen, es fühlte sich sicher an", sagt auch Kate McCann. Seit mehr als sechs Jahren ertragen sie die stillen Vorwürfe Fremder, aber auch die eigenen. "Unglücklicherweise kann man die Entscheidung nicht mehr rückgängig machen", sagt Gerry McCann.

Um 21.05 Uhr macht er den ersten Kontrollgang, schaut nach den Kindern. Madeleine liegt in derselben Position wie sie das Mädchen zurückgelassen haben. Es klinge heute ironisch, sagt Gerry McCann, aber "in diesem Moment dachte ich, wie süß sie ist und was für eine glückliche Familie wir sind".

Um 21.30 Uhr überprüft einer der Freunde das Apartment, alles ist ruhig, er sieht allerdings nicht in die Betten der Kinder. Um 21.55 Uhr entdeckt Kate McCann Madeleines leeres Bett. Das Fenster ist weit geöffnet, der Wind weht den Vorhang auf. Was ist in den vergangenen 55 Minuten passiert?

Der Alptraum beginnt. "In nur einer Minute hatte sich unser Leben, das so perfekt erschien, verändert", sagt Gerry McCann. "Jede Sekunde fühlt sich wie eine Minute an, jede Minute wie eine Stunde, wenn dein Kind auf einmal weg ist."

Auch Andy Redwood, Chefermittler von Scotland Yard, ist im ZDF-Studio. Er zeigt Lagepläne des Ferienkomplexes, Grafiken und Phantombilder eines Mannes, der offenbar Deutsch sprach. Diese Bilder waren bereits im September 2008 von Augenzeugen angefertigt worden. Doch gelten sie erst jetzt als wesentlich, weil die Ermittler ihre Annahmen zum Tathergang geändert haben.

Jane Tanner, die Freundin der McCanns, hatte um 21.15 Uhr einen Mann mit einem schlafenden Kind auf dem Arm in der Nähe des Apartments gesehen. Dieser Verdächtige, dessen Phantombild in der Vergangenheit bereits kursierte, wurde nun als falsche Fährte aussortiert.

Ein Mann zwischen 20 und 40 Jahren

Stattdessen rückt dieser neue Verdächtige ins Visier: Ein Mann zwischen 20 und 40 Jahren, der um 22 Uhr mit einem blonden Kind auf dem Arm, das vermutlich einen Schlafanzug trug, auf dem Weg zum Strand gesehen worden war. Sollte er der Täter sein, wäre die Entführung 45 Minuten später erfolgt als ursprünglich angenommen. "Vielleicht ist er auch unschuldig", so Inspektor Redwood. Auch dann sollten sich Zeugen oder er selbst melden.

Scotland Yard veröffentlichte zwei weitere Phantombilder von zwei blonden Männern, die am Tag der Entführung das Apartment der McCanns beobachtet haben sollen. Sie könnten ebenfalls Deutsch gesprochen haben, so Redwood. Daher die inständige Bitte an das deutsche Publikum: Wer damals in dem Club Urlaub gemacht und sich noch nicht bei der Polizei gemeldet habe, solle dies nachholen. "Wir wissen, dass Madeleine entführt wurde. Wir wissen nur nicht, warum", sagt Redwood. "Bitte, bitte trauen Sie sich, wir brauchen Ihre Hilfe", fleht auch Kate McCann. Die Belohnung beträgt 24.000 Euro.

Die Resonanz auf die Appelle im britischen und im niederländischen Fernsehen war überwältigend. "Es klingt nach einem Durchbruch", sagt Gerry McCann im ZDF. "Eltern, deren Kinder vermisst werden, können nicht aufhören, sie zu suchen."

Die Suche nach Madeleine erregt seit sechs Jahren weltweit Aufsehen. Papst Benedikt XVI. segnete 2007 ein Foto des Mädchens, ein wichtiges Symbol für die McCanns. Noch in der Nacht von Madeleines Verschwinden hatte ihre streng katholische Mutter den Familienpriester angerufen, der die Tochter getauft hatte. Der Glaube war in den vergangenen sechs Jahren ein Halt für die gottesfürchtige Kate McCann.

Es gebe keine Hinweise dafür, dass Madeleine tot sei, betont Chefermittler Redwood. Auch ihre Eltern schieben den Gedanken, dass Madeleine nicht mehr lebt, weit von sich. Vielleicht können sie nur auf diese Weise ihr Leben fortführen. "Sie wird anders sein, durch das Leben mit anderen Leuten, aber sie bleibt unsere Tochter", sagt Kate McCann.

Dass die Angst, ihr Kind sei tot, dennoch ein ständiger Begleiter ist, zeigen ihre ergriffenen Worte im Fernsehstudio. Kate McCann schluckt und schaut mit großen Augen in die Kamera, als würde sie zu dem Entführer sprechen: "Haben Sie so viel Mitgefühl und sagen Sie uns, wo sie ist - und was mit ihr passiert ist."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
janne2109 17.10.2013
1. ........
Durchbruch?? Für mich klingt es nicht so, schlimm genug, dass jetzt erst viele Details aufgetaucht sind.
Luke1973 17.10.2013
2. Maddie
Man kann wirklich nur hoffen, dass sie noch lebt und bald gefunden wird. Ich wünsche es Ihr und ihren Eltern so sehr!
Mannino 17.10.2013
3. Nur Floskeln erzählt...
und Gemeinplätze ("Sie ist ein großer Teil unseres Lebens" etc") und das, mit Dauerpathos.
stoffziege 17.10.2013
4. Was ist mit den anderen 124 Kindern,
die laut Artikel seit 2012 immer noch verschwunden sind? Man hat das Gefühl, immer nur von Maddie in den Medien zu lesen.
broca 17.10.2013
5. Peinliche Nummer
Mit einem gewissen Abstand betrachtet waren sowohl die Vorstellung als auch die Inhalte der neuen Ermittlungsergebnisse im Fall Madeleine McCann eine krimonologische Katastrofe. Die Präsentation selber war weder seriös noch professionell, schlimmer allerdings, dass die Ansätze aus möglichen Beobachtungen möglicher Personen mit möglichen Motiven in einem ernsthaften Verfahren nicht einmal als Anfangsverdacht reichen würden. Es hatte schon fast etwas von einem Bericht über Geisterjäger, dafür sprachen die völlig inkohärenten, ungewichteten Beobachtungssammlungen und die, man mag es fast nicht so nennen, Phantombilder. Peinlicher über alldem ist es allerdings, dass die "neuen" Phantombilder bereits 2008 angefertigt wurden. Hier die Bestätigung Scotland Yards auf die konkrete Nachfrahe der portugiesischen Tageszeitung "i": http://bit.ly/1cnLl7k Jeder andere Fall, der gestern und sonst bei Aktenzeichen XY vorgetragen wird, ist besser ermittelt, fundierter und aussichtsreicher. Der einzig schlüssige Tathergang ergibt sich nach wie vor aus den Ermittlungen der portugieischen Polizei, zusammengstellt von Amaral. So bitter es für die meisten sein mag, denn die Dimension des nun vorsätzlichen Verschleiern einer nicht vorsätzlichen Straftat ist kaum noch fassbar.
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