Fame Fatale Erbrecht für die Promi-Sippen

Suri, Lourdes, Shiloh - diese Namen kennt man auf der ganzen Welt. In Deutschland weiß man, dass Lilli, Luna, Valentin und Emma zu Til Schweiger gehören. Bei den Promis gibt es inzwischen eine Art Familienticket auf Ruhm - das eine ganze Industrie zu barer Münze macht.

Von Steffi Kammerer


Emma Tiger Schweiger ist eine süße Achtjährige mit Zahnlücke. Deshalb und weil sie ihre Rolle in "Kokowääh" toll gespielt hat, bekam sie nun eine ganz eigene Auszeichnung: einen Sonderpreis beim "New Faces Award", dem Nachwuchswettbewerb des deutschen Films. Die Fotografen bekamen nicht genug von der kleinen Dame im Trenchcoat.

Aber: Hätte es den Kinderpreis auch gegeben, wenn Emmas Vater nicht Deutschlands größter Schauspielstar wäre? Wenn sie ein x-beliebiges Grundschulkind wäre, das wie Emma bereits mit fünf Jahren vor der Kamera stand? Wäre die Begeisterung gleich groß? Oder stünden nicht eher die überehrgeizigen Eltern im Mittelpunkt, sofern man Experten zu den Gefahren frühen Ruhms befragt hätte?

So aber wurde erstmals das Gesamtprodukt Schweiger, also der Clan, auf dem roten Teppich präsentiert: Emma und ihre Geschwister Lilli, Luna und Valentin, die allesamt bereits in Papas Filmen mitgespielt haben, Vater Til samt Ex-Frau und Freundin. Eine glamouröse Kelly-Family. Und eine fraglos sehr sympathische. Auch wenn die Schweigers deutlich hübscher anzusehen sind als etwa die Ochsenknechts, so ist doch das Prinzip das gleiche: einer berühmt, alle berühmt.

Bei den Ochsenknechts hielt ich es anfangs für einen Witz, wenn die Söhne, an die ich mich nur ihrer affigen Namen wegen erinnern konnte, als Teenie-Stars bezeichnet wurden. Aber Teenie-Stars sind sie wohl beide, Wilson Gonzalez, neben dem sein Vater ein geradezu feines Gesicht hat, und Jimi Blue. Beide stehen vor der Kamera, seit sie neun und zehn Jahre alt sind. Und wenn sie sich von ihren Freundinnen trennen, dann titeln Zeitungen genau wie einst bei Mama Natascha und Papa Uwe: "Liebes-Aus."

Eine Art Familienticket

Damit wir uns richtig verstehen: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Eltern ihren Kindern den Weg ebnen und Türen öffnen - im Gegenteil, so soll es sein. Auch Isabella Rossellini, die Tochter von Ingrid Bergman, folgte ihrer berühmten Mutter zum Film, aber da war sie Mitte 20 und wird halbwegs gewusst haben, wer sie ist. Das gleiche gilt für Michael Douglas.

Heute ist Prominenz jedoch ein automatisches Erbrecht geworden, eines, das immer früher greift. Wie eine Art Familienticket, das einer mal löst und das dann für die ganze Sippe gilt.

Lourdes, die Tochter von Madonna, kam schon berühmt zur Welt; so wie später Shiloh, die erste leibliche Tochter von Angelina Jolie und Bratt Pitt. Suri Cruise, Tochter von Tom Cruise und Katie Holmes, wurde die ersten vier Monate ihres Lebens nicht gezeigt, das erhöhte die Spannung. Dann durfte Starfotografin Annie Leibovitz ran. All diese Kinder haben nach Publikum nicht gefragt. Sie kennen aber ein Leben ohne nicht.

Einfach werden es diese Nachfahren nicht haben, daran ändern noch so viele Privilegien nichts, auch nicht die originell gemeinten Vornamen, mit denen sie nirgendwo hinkönnen, außer ins Rampenlicht: Geri Halliwell entschied sich für Bluebell Madonna. Den Beckhams fiel ein: Brooklyn, Romeo und Cruz. Gwyneth Paltrow: Apple. Nicholas Cage: Weston Coppola. Verona Poth: San Diego.

Noah Becker, gerade 17 geworden, hat jetzt ein Fashion-Label gegründet. Vater Boris promotet die Kollektion auf seinem eigenen Web-Kanal Becker-TV. Die Medien machen mit und schreiben große Geschichten über den Designer, der bisher nicht viel mehr im Angebot hat als ein paar T-Shirts.

Hat der Kleine den Becker-Hecht in sich?

Vielleicht ist der Wunsch nach Beständigkeit so groß, dass Menschen froh sind, wenn Namen, an die sie sich gewöhnt haben, weiter in der Zeitung stehen. Weil sie im Fall Becker die Bilder vom kleinen Noah kennen, vom Scheidungskind, vom Teenager in Florida, weil sie wollen, dass es ihm gut geht. Es ist auch Neugier: Hat der Kleine den Becker-Hecht in sich, den Siegeswillen, der seinen Vater mal auszeichnete?

Die VIP-Erben nähren bereits eine ganze Industrie. Es gibt Internetseiten wie celebritybabyscoop.com, die sich mit nichts anderem beschäftigen, beim "People"-Magazin wurde Babys ein eigenes Ressort gewidmet, selbst für ungeborene Berühmtheiten gibt es ein Forum.

Es wird ordentlich Geld verdient mit diesen Seiten, geht es doch vor allem um Konsumwünsche. Königin ist hier Suri Cruise - das kleine Mädchen, das sich herausputzt wie eine Erwachsene und hochhackige Schuhe bevorzugt. Von so jemandem träumt die Fashion-Industrie. In einer Woche wird Suri fünf Jahre alt - die Presse läuft sich bereits warm. Katie Holmes wurde im Fernsehen zu den Plänen für den großen Tag befragt. Sie verriet, dass es Torte geben wird. Torte, schau einer an, zum Geburtstag, Stoff für ganze Zeitungsartikel.

Es gibt Eltern, die wollen das nicht. Die halten ihre Kinder raus. Thomas Gottschalk ist vor vielen Jahren nach Kalifornien gezogen, damit seine Söhne fern vom Medientrubel aufwachsen können. Bei den Kindern von Steffi Graf und Andre Agassi wissen wir zwar, wie sie heißen - ungewöhnlich natürlich: Jaden Gil und Jaz Elle -, aber sonst so gut wie nichts.

Der süßen Emma Schweiger ist zu wünschen, dass sie noch ein wenig im Wald spielen darf, bevor sie Autogrammkarten bestellt. Trotzdem werden kleine Mädchen im ganzen Land nun betteln, sie bräuchten einen Trenchcoat.

Mehr zum Thema
Newsletter
Alle Kolumnisten


insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
reflexxion 12.04.2011
1. was stört sie daran, der Adel machts doch genauso
so viele erfolgreiche Promi-Kinder gibt es doch gar nicht. Viel schlimmer ist doch der seit dem 1. Weltkrieg eigentlich abgeschaffte Adel, von dem immer noch genug rumspringen. Die alten wertlosen Titel sind eben heute auf andere Art und Weise wertvoll. Ich sage nur "zu Guttenberg". Mit "von" oder "zu" Baron oder Graf wird man eben auch in der Wirtschaft schneller etwas Höheres, als mit dem namen Müller oder Schmidt. Auf anderer Ebene vergleichbar mit den nachteilen die Frauen haben, wenn sie in die Führungsetage wollen. Ein Thomas Müller oder Michael Schmidt ist da doch viel zu trivial. Der einzige Vorteil dieser Trivialität ist eben eine gewisse Anonymität, denn uns - die mit den Massennamen - gibts einfach zu oft, als das man bei Google etwas persönliches über uns rausfinden könnte. meinen Namen gab es in jedem meiner Wohnorte mindestens noch einmal, manchmal sogar gleich 2-3 Häuser weiter. In gewisser Hinsicht hat es eben auch Vorteile, nicht berühmt zu sein.
mangeder 12.04.2011
2. "positive Sippenhaft"
Ein Sohn oder Verwandter eines Promis kann ja eigentlich auch nichts dafür oder hat etwas dazu geleistet, dass sein prominenter Verwandeter eine bestimmte Fähigkeit besitzt. Trotzdem profitiert er allein schon von der Existenz und den Eigenschaften seines prominenten Verwandten - und macht dies zu Geld. Also ist die vielgescholtene "Sippenhaft" für die Promis eigentlich etwas positives und wohl nicht immer schlecht. Wenn mal wieder ein Forist mit dem alten Todschlag-Argument der bösen kommunistischen Sippenhaft kommt, sollten wir ihn auf diesen Artikel verweisen ;-)
Parzival v. d. Dräuen 12.04.2011
3. .
Auch dieser Artikel zeigt anschaulich: Wenn es erst mal läuft, läuft es.
BSPollux 12.04.2011
4. Ach ja?
"Suri, Lourdes, Shilo - diese Namen kennt man auf der ganzen Welt. In Deutschland weiß man, dass Lilli, Luna, Valentin und Emma zu Til Schweiger gehören." Nein, mir sagten diese Namen nichts. Wahrscheinlich sehe ich weniger RTL2 als die Autorin.
festuca 12.04.2011
5. Mein Gott, es wird doch niemand gezwungen...
...seinen Nachwuchs in Berlin-Marzahn Mandy oder Kevin. Muslimische Vornamen sind auch nicht einfallsreicher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.