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Fame Fatale: Prinzip Geronto-Lover

Von Steffi Kammerer

Alter Mann, junges Mädchen: Der Prozess um die sexuellen Verfehlungen des italienischen Premiers Berlusconi wirft ein Schlaglicht auf diese oft fatale Form der Liebschaft. Warum geben sich Frauen dafür her? Weil sie glauben, sie könnten das Leistungsprinzip überlisten.

Egal ob mit oder ohne George Clooney im Zeugenstand, der Mailänder Sex-Prozess wird ein Fest für den Boulevard: Auf den Bunga-Bunga-Orgien Silvio Berlusconis gab es alles, aber wirklich alles, wovon viele Männer heimlich träumen, Mädchen in Uniform mit Handschellen und Mädchen mit Stethoskop, der Hausherr entlohnte sie mit Autos, Luxuswohnungen und Geld.

Eine der Gespielinnen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, war die marokkanische Bauchtänzerin Karima, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen "Ruby Herzensbrecherin," damals erst 17. Als sie im vergangenen Mai wegen Verdachts auf Diebstahl von der Polizei festgenommen wurde, soll Berlusconi versucht haben, sie freizubekommen, er gab sie demnach als Nichte des damaligen ägyptischen Staatschefs Husni Mubaraks aus. Das wurde Berlusconi zum Verhängnis, nun ist er angeklagt wegen Amtsmissbrauch und Bezahlsex mit einer Minderjährigen.

Der Premier hat sich offenkundig strafbar gemacht - aber statt geheuchelter Empörung über die sündigen Details, die wir nun fraglos erfahren werden, ist zu wünschen, dass der Prozess eine Debatte anstößt, die über Bunga-Bunga-Land hinausgeht. Wäre nämlich Ruby nur ein paar Monate älter, wäre der Fall mit ein paar zustimmenden Herrenwitzen erledigt gewesen.

Sind wir mal ehrlich: Die meisten Männer wollen alles, nur keine alte Frau - spätestens dann nicht, wenn sie selbst ihre besten Jahre hinter sich haben. In der "Bild"-Zeitung diagnostizierte Franz Josef Wagner, 67, nach dem Tod von Elizabeth Taylor: "Altwerden ist die Hölle für jede Frau." Und weiter: "Ihr Körper wurde fett wie bei einer Schlampe im Wohnwagen."

Hat ihm dafür irgendjemand eine gescheuert?

Noch jünger, noch schlanker, noch längere Beine

Je höher der Status eines Mannes, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er sich in der Wahl der Gefährtin irgendwann um ein paar Jahrzehnte verjüngt. Nicht nur, weil es offenbar ein Kick ist für Ego und Vitalität, sondern auch, weil alle Anderen es machen, selbst konservative Berliner Politiker - da kann man nicht selbst mit seinem Oldtimer-Modell ankommen. Also Wettkampf: noch jünger, noch schlanker, noch längere Beine.

Zwar würden die wenigsten so weit gehen wie Berlusconi und sich Minderjährige ins Bett legen, aber das mag nur daran liegen, dass das bei uns, anders als in Italien, doch zu Ächtung führen würde. Aber der Trend geht klar zur Jung-Frau und das eben nicht mehr im Verborgenen wie in den Jahrtausenden zuvor.

Die Frage ist: Warum machen attraktive Frauen das mit? Warum kann jemand wie Silvio Berlusconi landen? Nicht bei einer, sondern bei vielen Dutzend? Warum finden sich lauter Freiwillige, die ihm über die transplantierten Haare streichen, die gelifteten Wangen tätscheln, seinen Altmänner-Atem ertragen. Und ihn dabei, so vermute ich mal, beglückt ansehen. Als könnten sie sich nichts Schöneres vorstellen.

Die Antwort ist sehr einfach: weil der Nutzen größer ist als der Ekel. Weil es ganz unbestreitbar der einfachste Weg ist ans Licht. Der einfachste Weg, zu Wohlstand und Einfluss zu kommen, auf die Yacht, den roten Teppich, in die bunten Blätter. Ohne sich in Hörsälen und Prüfungen abzumühen, ohne je ein graues Büro betreten zu müssen. Es ist die Überlistung des Leistungsprinzips im knappen Rock. Es funktioniert so lange, bis die Nachfolgerin vor der Tür steht. Dann ist er schnell weg, der geliehene Glanz. Doch diese Erkenntnis kommt später.

Berlusconi als Superman - mit Barbies im Arm

Und deshalb kommen auf jede Hillary Clinton und jede Angela Merkel und jede Astronautin Hunderte oder Tausende Rubys. Hübsche Frauen, die über die Witze betagter Männer lachen, sich ihnen auf den Schoß setzen, sich "Schätzchen" nennen lassen und dafür die Prämie kassieren.

Am besten gleich mehrfach: Nachdem sie mit dem 74-jährigen Berlusconi durch war, ließ sich Ruby vom 78-jährigen Richard Lugner auf den Wiener Opernball einladen. Sie reiste im Privatjet an und bekam für ihren Auftritt 40.000 Euro. Irgendwann wird sie wohl ein Buch schreiben, genau wie die "goddesses" von Charlie Sheen. Und andere hübsche Mädchen werden es lesen und denken: warum mich anderswo abmühen, geht doch auch so.

Ruby sagt, sie wolle nun ein ganz "normales Leben," nichts als Hausfrau und Mutter sein. Dafür ist es zu spät. Und ist wohl auch nicht so ernst gemeint. Auf Facebook hat sie bereits eine Fanseite eingerichtet, mit mehr als 3000 Anhängern - und Links zu Rubygate und Bunga-Bunga.

Berlusconi und seine Anwälte werden sich eine gute Strategie überlegt haben, wie sie Ruby als unglaubwürdiges Luder darstellen, das den Cavaliere in eine Falle gelockt hat. Und dann wird Silvio Berlusconi ein juristisches Schlupfloch finden, wie all die Male, die er zuvor wegen Bestechung oder Betrug angeklagt war. Seine Verdummungsmedien werden ihm helfen. Bleiben werden Souvenirs, es gibt sie bereits jetzt zu kaufen - Berlusconi als Superman, mit Barbies im Arm.

Die Namen der profilierten Juristinnen, die über Berlusconi richten, werden bald vergessen sein. Der von Ruby nicht. Das Spektakel der nächsten Wochen und Monate wird ihren weltweiten Bekanntheitsgrad zementieren. Vor allem aber wird es das Frauenbild und die Berufsvorstellungen vieler junger Mädchen prägen. Und das ist der eigentliche Skandal am Skandalprozess.

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1. Die Antwort ...
rennflosse 05.04.2011
... gibt die Schreiberin selbst: Für Geld. So ist der Beitrag eine Ansammlung von Binsenwahrheiten. Nur eines ist mir unklar geblieben: Was ist Altmänneratem und ab wann bekommt man den? Gibt es auch Altfrauenatem?
2. Tja, ...
_meinemeinung 05.04.2011
Zitat von sysopAlter Mann, junges Mädchen: Der Prozess um die sexuellen Verfehlungen des italienischen Premiers Berlusconi wirft ein Schlaglicht auf diese fatale Form der Liebschaft. Warum geben sich Frauen dafür her? Weil sie glauben, sie könnten das Leistungsprinzip überlisten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754941,00.html
sie überlisten es ja auch, zumindest eine Zeit lang. Dafür steht wohl der Begriff "Versorgungsprostitution", und wenn "sie" es geschickt anfängt, ist "sie" aus dem Schneider, wenn die Nachfolgerin vor der Tür steht... Gibt es genug Beispiele für.
3. Lösung: Quote!!
eku 05.04.2011
Spätestens die Einführung einer knallharten Frauenquote wird diesen altmodischen Weg um das Leistungsprinzip herum überflüssig machen...und die selbstbewußten, jungen und erfolgreichen Frauen können endlich ihre Sekretäre und Gärtner heiraten!!! Kurz darauf wird dann der ewige Weltfriede ausbrechen...wird das schön!
4. Manche junge Frauen
mc6206 05.04.2011
langweilen sich aber auch mit jüngeren Männern, da sie deren Unsicherheit nicht ertragen können. Sie sind gerne mit jemanden zusammen, der weiß wo es lang geht.
5. niedergang
vogelsteller 05.04.2011
da war doch was mit dem vergleich zur römischen dekadenz. wo das endete zeigt uns die geschichte. der begriff "scham" kann aus dem sprachvokabular bedenkenlos gestrichen werden. der großteil der menschheit befindet sich in einer phase absoluter degeneration.
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Steffi Kammerer
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Lebt als freie Autorin in Berlin und New York. Ist im Rheinland aufgewachsen und hat Wirtschaftskommunikation, Geschichte und Filmwissenschaft studiert. Unter anderem hat sie für die "Süddeutsche Zeitung", den "Stern" und "Park Avenue" gearbeitet.

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