Familie in Brasilien Stube voller Tiger

Familie Borges lebt im brasilianischen Maringa mit sieben Tigern zusammen in einem Haus. Die Tiere fahren mit ihnen Auto, werden mit der Hand gefüttert, und gehen mit der Tochter schwimmen. Familienoberhaupt Ary Borges hält das für ungefährlich.


Maringa/São Paulo - Tom hat oft Hunger, großen Hunger. Uraya Borges füttert ihn dann in der Küche, und damit er nicht außer Form kommt, schwimmt sie mit ihm später eine Runde im Pool. Sie hält sich an seinem Rücken fest, wenn er seine Bahnen zieht. Tom ist ihr Freund, ihr Haustier, seit acht Jahren lebt er im Haus, er ist zahm, lieb und ein ausgewachsener Tiger. Und er ist nicht allein. Sieben der Großkatzen leben im Haus von Familie Borges im brasilianischen Maringa, einer Stadt rund 600 Kilometer westlich São Paulo.

Ary Borges, Urayas Vater, entdeckte vor acht Jahren zwei Tiger in einem Zirkus. Es ging ihnen nicht gut, fand er, also nahm er sie mit nach Hause. Seitdem versucht der 43-Jährige Tiger zu züchten. Mit der Zeit wurden es immer mehr Tiere, sein Haus wurde zu einer Art Auffangstation. Die Tiere leben mit ihm, seinen drei Töchtern und seiner zweijährigen Enkelin zusammen.

Wären die Tiger nicht mehrere hundert Kilogramm schwer, drei Meter groß und potentiell fähig, jedes Familienmitglied sofort zu töten, könnte man sie für normale Haustiere halten. Sie haben ein eigenes Bett, werden von Hand gefüttert und an der Leine herumgeführt. Die zweijährige Enkelin Rayara darf auf dem Rücken der Tiere reiten, ihre Großvater sieht darin kein Problem: "Wer den Tieren Respekt und Liebe entgegenbringt, dem geben sie es auch wieder zurück. Ich habe mir noch nie Sorgen gemacht", sagt Ary Borges.

Auch Uraya ist davon überzeugt, dass ihre Haustiere ungefährlich sind. "Ich würde meine zweijährige Tochter niemals einer Gefahr aussetzen." Sie kenne die Tiger schon seit klein auf, dreimal die Woche schwimmt sie mit Tom. Nur ihr Mann Rafael sieht den Umgang mit den Raubtieren kritischer. "Ich versuche jeden Kontakt zu meiden und es wäre mir lieber, die anderen würden das auch tun. Es ist gefährlich und kann tödlich sein", sagt er.

Tierschützer sehen das ähnlich. "So was funktioniert immer so lange, bis etwas passiert und dann ist das Geschrei groß", sagt der Zoologe Peter Höffken von der Tierschutzorganisation Peta. Auch wenn die Tiere seit acht Jahren zahm seien, würden sie nicht artgerecht gehalten, ihre Instinkte seien noch immer vorhanden. "Es muss nur einer unglücklich stolpern und dann stürzt der Tiger sich auf ihn", sagt Höffken. Das komme in Zirkussen und Zoos immer wieder vor.

Erst vor einer Woche tötete ein Tiger im Zoo Münster seinen Pfleger. Jedes Jahr sterben im Durchschnitt fünf Menschen durch Tigerangriffe, etwa zwölf werden verletzt. Schätzungen gehen davon aus, dass 17.000 bis 20.000 Tiger weltweit in Gefangenschaft leben. In freier Wildbahn gibt es laut der Tierschutzorganisation WWF nur noch 3200.

Familie Borges will die Tiger nicht ewig behalten sondern einen Park gründen, um die Tiere artgerecht halten zu können. Ary hofft auf eine Genehmigung, er will mit dem Park über die vom Aussterben bedrohten Tiere aufklären und sie irgendwann einmal auswildern. Höffken bezweifelt, dass das funktioniert. Tiere, die so lange in Gefangenschaft lebten, könnten nicht mehr ohne weiteres in der Freiheit zurechtkommen.

Bis es den Park gibt, werden die Tiger weiter im Haus bleiben, als vollwertige Familienmitglieder. Wenn Familie Borges fernsieht, liegt Tom gerne vor der Couch und lässt sich streicheln. Auf einem Teppich mit Leopardenmuster. "Das ist absolut sicher, ich kann mir ein Leben ohne die Tiere nicht vorstellen", sagt Ary Borges.

msc



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