Berliner Fashion Week: Kerners neue Kleider

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Designer Kilian Kerner wurde einst verspottet, heute kleidet er Promis ein und macht Rekordumsätze. Doch der Erfolgsdruck nimmt zu. Kurz vor der Präsentation seiner neuen Kollektion ist einer der erfolgreichsten Modemacher des Landes ein Nervenbündel.

Am Morgen im Taxi ist es passiert. Ihm wurde übel. "Kilian, was ist los mit dir?", fragte er sich selbst. Das ist los: In wenigen Stunden muss alles perfekt sein. Die Models, die Outfits, die Bühnenshow. In wenigen Stunden muss Kilian Kerner, 34, beweisen, dass er immer noch einer der besten ist.

Am Tag vor seiner Modenschau kann der Designer kaum stillsitzen, seine Hände suchen und finden permanent Beschäftigung. Er spricht so schnell, als seien Pausen reine Zeitverschwendung. Klein und zierlich ist er, hat einen weichen Händedruck, ein weiches, langes Gesicht.

Fünf Jahre ist es her, dass Kerner seine Entwürfe zum ersten Mal auf der Berliner Fashion Week gezeigt hat. Am Dienstagabend präsentiert er nun zum elften Mal in Folge - das hat vor ihm kein Berliner Designer geschafft. Und nur die wenigsten haben es ihm zugetraut.

Als Kerner 2004 sein Label gründete, wurde er belächelt, beschimpft, beleidigt. Der sei nur bekannt geworden, weil Nena seine T-Shirts mochte, sagten Kritiker. Der sei jahrelang auf der Schauspielschule gewesen und habe nie eine Ausbildung zum Designer gemacht, hieß es. Stimmt alles, sagt Kerner heute. Die Art und Weise der Kritik sei zwar respektlos und verletzend gewesen - aber in der Sache richtig. Nur: Der Kilian Kerner von damals hat mit dem von heute nichts mehr zu tun.

Entspannung mit Bibi Blocksberg

Karoline Herfurth, Karolina Kurkova, Anna Maria Mühe, Tim Bendzko - sie alle tragen Kerner, er nennt sie Freunde. Der Designer hat inzwischen nicht mehr drei, sondern rund 25 Mitarbeiter. Pro Saison entwirft er vier komplette Kollektionen: zwei für die preiswertere Linie "Kilian Senses", zwei für die Premium-Marke "Kilian Kerner". Sein Label ist an der Börse, 2012 stieg der Umsatz des Unternehmens von 280.000 Euro auf rund fünf Millionen. 2013 soll es viermal so viel werden. Im Februar eröffneten Shops in Großbritannien, im September wird er zum ersten Mal auf der Londoner Fashion Week sein.

"Die Firma ist größer geworden", sagt Kerner. Und sie solle weiter wachsen. Das gesamte vergangene Jahr habe er sich ausschließlich auf die Arbeit konzentriert, in seinem 400-Quadratmeter-Atelier am Treptower Park gewütet. Und wenn er zu Hause war, wollte er niemanden sprechen, nur Ruhe. Und abends "Bibi Blocksberg" hören.

Den ersten Urlaub seit acht Jahren gönnte er sich Ende Februar. Mit seiner besten Freundin in die USA, im Mietwagen, ohne Navi. Sich treiben lassen, planlos sein, keinen Zeitdruck spüren - das war neu. In der Modewelt lebe man nie im Hier und Jetzt, sagt Kerner. Sondern immer in der Zukunft. Im Sommer wird gezeigt, was im Frühjahr darauf getragen wird. Wer gönnt sich da schon noch den Luxus, ans Heute zu denken?

"Hör nicht auf mit Träumen"

Ohne diese drei Wochen Auszeit wäre seine aktuelle Kollektion "Hör nicht auf mit Träumen" undenkbar gewesen. Allzu viel darf man noch nicht berichten, die Überraschungen nicht verderben. Nur so viel: 51 Entwürfe sind es, die meisten davon für Frauen. Die günstigsten Shirts gibt es für 189 Euro, das Abschlusskleid liegt im fünfstelligen Bereich.

Vier Monate hat er an der Kollektion gearbeitet, der Großteil der Entwürfe entstand binnen weniger Stunden. Kerner nennt ihn den "Tag der Tage": Ende April habe er wie im Rausch in seinem Loft gezeichnet. Sei zwischen den drei Etagen hin- und hergerannt, Nena und Mads Langer dröhnten aus den Boxen. Ein Vollrausch ohne Drogen. Erschöpfend, befriedigend.

Entstanden ist eine Kollektion, die sich von ihren Vorgängern unterscheidet. Kein Chiffon, keine Faltenlegung, dafür wieder mehr Farben. Bekannt wurde Kerner mit seinem androgynen Stil, mit asymmetrischen, schmalen Schnitten, als Liebling der coolen Schwulen.

Stillstand kann Kerner nicht ausstehen. Die neue Kollektion soll ein Schritt nach vorn sein. Wer seine Schau sehe, dazu die Live-Musik von Mads Langer höre, solle sich wegträumen können, sagt er. An einen Ort, wo es keinen Zwang gibt. Wo man machen kann, was man fühlt. Nicht, was man muss.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Huch
_micka_ 02.07.2013
Ich bin wirklich nicht der Mode-Experte und sehe mir nur "ausversehen" Modeschauen an, wenn sie zufällig in den Nachrichten laufen. Aber was mich erschreckt ist, dass ich teilweise beim Durchklicken der Fotos hier nicht wirklich sagen konnte, ob es sich um Menschen oder Schaufensterpuppen handelt... Teilweise wirken die Models wie Wachsfiguren... Ich finde das gar nicht hübsch, geschweige denn ästhetisch.
2. Bilanzen
HolgerLefken 02.07.2013
Es wäre wünschenswert gewesen wenn die Verfasserin des Artikels sich etwas mit den Geschäftszahlen befasst hätte. Noch nicht einmal 5 Mio Umsatz, aber schon 5 Mio verbrannt. Zalando lässt grüßen
3. Genau wie bei Kunst
cor 02.07.2013
Genau so wie bei der Kunst kann man mit jedem noch so bescheuerten Schrott Geld machen. Man braucht jedoch einen hohen Bekanntsheitsgrad und genug Verrückte, in dem Fall Promis, die denken, dass das alles ganz toll aus sieht und dann dafür richtig viel Kohle hinlegen. Spannend finde ich dabei, dass das eigentlich Talent höchstens eine sekundäre Rolle spielt.
4. Nena, hm? Kerner, wie?
monotofu 02.07.2013
Man könnte mal in der Wiki schauen, wie die Nena mit bürgerlichem Namen heißt. Und dann könnte man, wenn sie schon so prominent im Artikel vorkommt, erwähnen, ob die zwei eventuell verwandt sind. Disclaimer: Ich weiß es wirklich nicht. Ist eigentlich Euer Job, SPIEGEL, sowas mitzudenken.
5. Umsatzsteigerungen 5 Mio, 20 Mio
edesack 02.07.2013
Ja das stimmt, die hohen Modeumsätze wären schon ganz toll. Diese zahlen hat aber nur der Vostand geträumt. Und dazu hat er bestimmt noch 12 Bier und 2 Fl. Wein gebraucht. Immer wenn ein Kleid nach Peru oder nach Namibia geliefert wird, erhöht sich die Zahl der Länder (Export) um ein weiteres Land. Bei den o. g. Preisen wurden vermutlich so ca. 37 Kleider verkauft ... (können auch 42 sein)
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