Fashion Week Berlin: Kleine Designer ganz groß

Von Wlada Kolosowa

Fashion Week: Vorteil Vielfalt Fotos
Getty Images

Drei Modeschwergewichte bleiben der Berliner Fashion Week fern, unter ihnen Hugo Boss. Doch wenn die Großen fehlen, rücken kleinere Designer ins Bild. Und sie überzeugten mit Entwürfen, die nicht nur in eine Kunstgalerie passen - sondern auch in den Sommer.

Die Stammgäste kamen nicht. Drei große Modeunternehmen fehlten im diesen Jahr bei der Fashion Week in Berlin. Das Traditionsunternehmen Rena Lange setzte eine Saison aus. Escada aus München ist bereits zum zweiten Mal abwesend. Auch Hugo Boss bleibt der Hauptstadt fern. Deutschlands größtes und umsatzstärkstes Modeunternehmen aus Metzingen präsentiert seine Kollektionen im nächsten Frühjahr in New York - der Wahlheimat von Jason Wu, der seit Juni die Frauenkollektion verantwortet.

"Natürlich bleiben wir Berlin weiterhin sehr verbunden", sagt Gerd von Podewils, der Kommunikationschef von Hugo Boss. "Dennoch werden wir den asiatischen und amerikanischen Markt stärker in den Fokus rücken, um unsere internationale Präsenz weiter auszubauen." Was übersetzt aus dem PR-Sprech so viel heißt wie: "Sorry, Berlin, wir ziehen zu neuen Ufern. Aber können ja trotzdem Freunde bleiben, ja?"

Die Zugpferde der Fashion Week, die internationale Presse und Stars nach Berlin brachten, sind weg. Aber nicht alle sind darüber traurig: Wenn die Großen fehlen, wird ein Platz im Scheinwerferlicht frei. Es gab einige, die ihn füllen konnten: Über 50 Designer zeigten ihre Sommerkollektionen für 2014 im Modezelt am Brandenburger Tor, etwa 40 weitere luden zu Schauen unter dem Patronat von Showfloor, Lavera, The Gallery und anderen Plattformen. Über 2500 Modemacher präsentierten ihre Mode bei rund 15 Messen in Berlin.

Die Promi-Namen, die man am häufigsten hörte, stammen diesmal nicht von Gästelisten der Moderiesen - und haben eher mit Nachhaltigkeit als mit Skandalschlagzeilen zu tun. Musiker Pharrell Williams kam, um für Garn aus Plastikmüll zu werben. Die britische Designerin Stella McCartney kam nach Berlin als neue Schirmherrin des Nachwuchs-Wettbewerbs "Designer For Tomorrow". Ihre eigene Modelinie ist grün und fair und besteht aus veganen Grundstoffen.

Vielleicht ist es ein Zeichen. Vielleicht sollte man anstatt zu jammern, dass Berlin keine internationale Modehauptstadt ist, sich darauf fokussieren, die Hauptstadt der grünen Mode zu werden. Die nachhaltige Ethical Fashion Show zog in diesem Jahr so viele Besucher und Aussteller an wie nie zuvor.

Bühne frei für Nachwuchs

Wenn die Großen weg sind, bekommen auch junge, lokale Designer mehr Aufmerksamkeit: Achtland, Augustin Teboul, Michael Sonntag, Issever Bahri, Vladimir Karaleev - alles keine Schwergewichte, aber überlebensfähige Talente. Die Designer haben in diesem Jahr auch wortwörtlich eine neue Bühne. The Stage, eine Schaufläche im Mercedes Benz-Modezelt am Brandenburger Tor, die für bis zu 300 Besucher Platz hat, und somit perfekt für Modemacher ist, die nicht die Mittel für eine große Runway-Präsentation haben.

Auch deutsche Medien schreiben nicht nur blumige Kritiken, sondern benutzen die Kreationen der Berliner Designer tatsächlich in Modestrecken. Ein großer Teil des Zuspruchs ist aber auch ihr eigener Verdienst: Die Entwürfe werden von Ausstellungstücken immer mehr zu Kleidung, die man sich im eigenen Kleiderschrank vorstellen kann.

Das Designer-Duo Augustin Teboul, das an der Schnittstelle von Prêt-à-Porter und High Fashion kreiert, ist für seine dunkle Poesie bekannt. Auch diesmal hielten sie sich am bewährten Motto: feminin, schwarz, poetisch. Die Kleider aus filigranen Häkelnetzen und die skulpturalen Lederjacken will man nicht nur anschauen, sondern auch sofort anziehen.

Thomas Bentz und Oliver Lühr von Achtland präsentierten ihre Kollektion zum ersten Mal mit einer Runway-Show. Als Vorlage diente eine Kunstsammlung mit Arbeiten von Patienten aus psychiatrischen Anstalten. Das Ergebnis würde aber auch den Vernünftigsten gefallen: überzeugende Handwerkskunst, zarte Seide und aufwendige Stickereien.

Selbst Vladimir Karaleev, der oft für seine "perfekte Imperfektion" gelobt aber oft nur von Modemutigen getragen wurde, zeigte einige Stücke, die auch bei einer Familienfeier Komplimente ernten würden: Cleane Looks in Weiß und Beige und luftige Bluse.

Vorteil Vielfalt

Nicht nur bei Karaleev: Die Stoffe fließen, flattern, schmeicheln. Bei den Farben dominieren Weiß (Blaenk, Closed, Schumacher), Pudertöne (Achtland, Malaikaraiss, Marcel Ostertag) und satte Sommerfarben wie Orange und Blau (Isabell De Hillerin, Schumacher). Fast bei allen Designern sind durchsichtige Blusen, Röcke und Kleider zu sehen: Wenn gelungen, umhüllen sie den Körper wie eine Wolke. Es ist Mode, die gut Avantgardisten gefällt oder einfach jemandem, der den Sommer zelebrieren will.

Entwürfe, die gleichermaßen den Kunden wie Kritikern gefallen sind der erste Schritt. Aber noch immer fehlt Deutschland ein Industrieverband, wie der British Fashion Council, der gezielt junge Designer fördert. Keine großen Modehäuser sind in der Hauptstadt angesiedelt. Und die Fashion Week, meckert man, hat hier kein einheitliches Konzept, ist nicht exklusiv genug.

Aber die Vielfalt könnte zum Vorteil werden: In Berlin gibt es Modeveranstaltungen für Kurvige, für Skater und für die, die gegen die Modewelt, wie sie ist, protestieren wollen. Die Fashion Week in Berlin ist auch für Modebegeisterte ohne Gästelistenplätze interessant.

Dieser Ansatz könnte den Geist der Zeit treffen: Immer mehr Bevölkerungsschichten interessieren sich für Mode. Nicht unbedingt für große Namen mit großen Budgets für Präsentationen, aber für Stücke, die individuell zu ihnen passen. Viele wollen wissen, woraus die Sachen gemacht werden, die sie am Körper haben. Designerstücke, die noch nicht von Einkäufern in die Regale der Kaufhäuser gebracht wurden, werden im Online-Shop bestellt. Modebewusste fürchten sich nicht vor No-Name-Sachen, sondern sind stolz, wenn sie einen Designer entdeckt haben, den nicht viele kennen. Auch wenn sie natürlich trotzdem gern bei Hugo Boss feiern würden.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. super!
roflem 07.07.2013
Das ist die Lösung: vom Opfer des Kommunismus zum fashion victim. Genialer konnte sich das niemand ausdenken. Alternativ im Angebot: vom Bankster zum Lifestyle-Berater....
2. Der Designer heißt
Lea_85 07.07.2013
Michael Sontag, mit nur einem n!
3. Foto: jetzt haben es die schwulen Modemacher geschafft
carolian 07.07.2013
Die Models sehen alle wie 12 jährige Knaben aus. Von Mutti mit Wasser glattgekämmt. Frauen, wehrt euch. Ihr seid viel schöner, als die euch machen.
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