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23. Januar 2012, 14:27 Uhr

Fashion Week in Berlin

Gebt uns Stoffe!

Von Wlada Kolosowa

Designer kombinieren Wolle mit Seide, sie bringen zusammen, was eigentlich nicht zusammen passt. Im vergangenen Jahr standen Farben im Vordergrund, diesmal war die Fashion Week in Berlin von Stoffen geprägt. Mancher Modemacher holte sich Hilfe von Mutti.

Müsste man einen Designer nennen, der das Gefühl der diesjährigen Berlin Fashion Week auf den Punkt bringt, dann wäre das Vladimir Karaleev. Der aus Bulgarien stammende Absolvent der Berliner Hochschule für Technik und Wissenschaft vereint mühelos die unterschiedlichsten Stoffe: schwere Wolle mit Seide, die aussieht wie flüssige Luft; Leder mit Jersey und Strick.

Vladimir Karaleev hat den Mut, offene Säume zu zeigen und seine Röcke so zusammenzunähen, dass eine Seite übersteht: so, als hätte er vergessen, sie anzugleichen. Das Unvollendete ist Konzept, wie auch auf der Dauerbaustelle Berlin. Die Schönheit liegt im Unperfekten - und in der scheinbar unmöglichen Mischung. Karaleev schichtet Seidentunika über Wollärmel, unter denen ein Rollkragenpullover aus Jersey hervorlugt.

Die Berlin Fashion Week ist der Rahmen für über 50 Modenschauen, elf Modemessen, unzählige Kleinveranstaltungen und Partys, spannt einen Schirm über Öko-Mode und Pelz, Luxusmarken und Streetwear. Große Marken wie Hugo Boss präsentierten ihre Kollektion in der Gemäldegalerie, Modeblogger einen Fashionporno im Sexshop. Auf der Modemesse Bread and Butter stellten mehr als 600 Brands ihre Kollektionen für das kommende Jahr vor - gegenüber eröffnete Toast and Jam, die mit Kleidung vergangener Jahrzehnte handelte. Eine "Trashion-Show" kühlte das Modefieber ein wenig ab, das Berlin für fünf Tage befiel: Sie prangerte die Herstellungsbedingungen der Kleidung an.

Man könnte sagen: Es passt nicht zusammen, es irritiert - zieht aber auch an.

Mit Stoffen statt mit Farben spielen

Vielleicht wurden genau deshalb Designer gelobt, die auf der Fashion Week das Zusammentreffen unterschiedlicher Stile und Stoffe thematisierten. "Texture Blocking benennen Livia Xiénez-Carrillo und Christine Pluess vom Berliner Label Mongrels in Common die Essenz ihrer Kollektion. Diese Bezeichnung ist abgeleitet vom Trend des letzten Sommers, dem Colour Blocking. Damals wurden in einem Outfit knallige Farben vereint, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten. In diesem Jahr werden Stoffe mit unterschiedlicher Struktur zusammengebracht. Mongrels in Common verbinden Stoffe aus angerauter Faser mit glänzendem Satin sowie mit Mischgewebe, das sich wie Moos anfühlt.

Die Farben knallen weniger, sondern bleiben bei den meisten Kollektionen dunkel. Und wenn mal doch ein Ton leuchten sollte - bei Karaleev und Mongrels in Common meistens ein sattes Blau - wird er mit Grau und Schwarz kombiniert. Das Berliner Label Don't Shoot The Messengers und die Dänen von Noir wählen Schwarz sogar als ihre Hauptfarbe. Auch die Kritikerlieblinge Augustin Teboul blieben ausschließlich bei dieser Farbe und spielen lieber mit Kontrasten aus Gehäkeltem, Leder und dreidimensionalem Strick.

Der Kontrast im Geldbeutel

Issever Bahri, das Berliner Designerduo mit türkischen Wurzeln, setzte ebenso eher auf Stoff- statt auf Farbkontraste. Die Designerinnen Derya Issever und Cimen Bachri kombinieren Glänzendes mit Filz, gehäkelte Netze mit glatten Materialien.

Das Label Issever Bahri hatte dieses Jahr sein Laufstegdebüt. Daran haben auch die Eltern der Designerinnen einen Anteil: Die Mutter von Bahri hilft bei der Handarbeit, der Vater von Issever erledigt Besorgungen. 2010 wurde das Label gegründet, kurz darauf hagelte es Lob von Publikationen wie "Woman's Wear Daily", jenem Fachmagazin, das von der internationalen Modebranche als Bibel bezeichnet wird.

Im letzten Jahr haben Derya Issever und Cimen Bachri beim Wettbewerb "Start your fashion business" den zweiten Platz gewonnen - und somit 15.000 Euro. Ohne das Preisgeld hätte das Label ganz genau auf die Finanzen schauen müssen. Denn auch das ist die Modestadt Berlin: Internationaler Ruhm - und trotzdem nur so viel Geld zu Verfügung haben, wie ein Student.

Doch das ist auch die Chance: In einer Stadt, in der man von Studentenlöhnen leben kann, haben junge Talente Luft, sich auszuprobieren.

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